Im Rausch der Farben: "Glorious Technicolor"

26.01.2015 Walter Gasperi

Anlässlich des 100. Geburtstags des Farbfilm-Verfahrens «Technicolor» widmet die Berlinale diesem Unternehmen seine heurige Retrospektive: Von «The Wizard of Oz» bis zu den Howard Hawks «Gentlemen Prefer Blondes» werden rund 30 herausragende Technicolor-Filme von den Anfängen bis 1953 präsentiert.


Versuche mit Farbe gab es schon seit Beginn der Filmgeschichte. Schon Georges Melies kolorierte seinen «Le voyage dans la lune» (1902) von Hand, mit einem Schablonenverfahren der Pathé Frères, bei dem jeder Film Farbe für Farbe eine Schabloniermaschine durchlief wurde diese Handarbeit ab 1905 erleichtert.

Als erster Farbfilm wurde 1909 in London «A Vistit to the Seaside» aufgeführt, bei dem die Bilder abwechselnd durch einen Rot- und einen Grünfilter aufgenommen und anschließend mit Rot- und Grünfiltern projiziert wurden. Von Léon Gaumont wurde 1912 diese Zweifarbenverfahren zu einem Dreifarbverfahren weiterentwickelt, bei dem mit einer Kamera mit drei Objektiven mit Filtern die drei Grundfarben aufgenommen und ebenso projiziert wurde. Da sich dieses Verfahren aber kommerziell nicht durchsetzen konnte, verschwand es um 1920 wieder.

Entscheidend für die Entwicklung des Farbfilms war aber das 1915 von Herbert T. Kalmus, Daniel Comstock und W. Burton Wescott gegründete Unternehmen Technicolor. Der Weg zum Durchbruch dauerte aber 20 Jahre. Der 1917 im Zwei-Farben-Verfahren Technicolor Nr. 1 hergestellte «The Gulf Between» wurde zwar von der Kritik gelobt und seine Farben sogar «mit der Wiedergabetreue fein ausgefüllter Ölgemälde» verglichen, doch der Erfolg hing immer von der Vorführung ab. Schaffte es der Vorführer nämlich nicht die beiden Kinoprojektor-Prismen so einzustellen, dass die zwei farbigen Teilbilder auf der Leinwand korrekt übereinander lagen, war die Enttäuschung beim Zuschauer groß.

Im folgenden Jahrzehnt wurde das Verfahren mit Technicolor Nr.2 weiterentwickelt und Sequenzen von «Ben Hur» (Fred Niblo, 1925) und «The Ten Commandments» (Cecil B. DeMille, 1923) wurden in Farbe gedreht, aber erst Douglas Fairbanks entschloss sich «The Black Pirate» (Albert Parker, 1926) komplett mit Technicolor Nr. 2 zu produzieren. Probleme gab es aber bei der Vorführung, da hier viel Licht benötigt wurde, das zu einer Hitze führte, die die Kopien beschädigte.

Während bei Technicolor Nr. 3 (1927 – 1933) noch mit einem Zweifarben-Druckverfahren gearbeitet wurde, gelang der große Sprung mit dem Dreifarben-Druckverfahren von Technicolor Nr. 4, bei dem mit den drei Farben Rot, Grün und Blau das ganze Farbspektrum wiedergegeben werden konnte.

Nahm zunächst nur Walt Disney für seine Animationsfilme das Angebot für dieses Verfahren an, so stiegen bald auch die anderen großen Filmstudios ein. Als erster Realfilm wurde der Kurzfilm «La Cucaracha» (Lloyd Corrigan, 1934) im Technicolor Nr. 4-Verfahren gedreht, mit Rouben Mamoulians «Becky Sharp» (1935) folgte ein Jahr später der erste abendfüllende farbige Spielfilm.

Um realistische Wiedergabe der Welt ging es dabei freilich selten, denn die Künstlichkeit der Farben, die sich schon im Namen «Technicolor» ausdrückt, bestimmte auch die Farbgestaltung. In leuchtenden Farben erstrahlte die Traumwelt, in die Dorothy in «The Wizard of Oz» (Victor Fleming, 1939) aus ihrer schwarzweißen Farm in Kansas abtaucht, in Farbenpracht schwelgen konnte Richard Boleslaski im orientalischen «The Garden of Allah» (1936).

Nicht im düsteren Film noir, nicht in den rasanten Screwball-Komödien, sondern vor allem in exotischen Abenteuerfilmen, in Melodramen mit übergroßen Gefühlen und in den Kunstwelten des Musicals konnte man sich bei der Farbgestaltung richtig austoben.

Victor Fleming tauchte sein großes Bürgerkriegsmelodram «Gone With the Wind» (1939) ebenso in kräftige Farben wie diese zum lockeren Erzählton von Michael Curtiz´ «The Adventures of Robin Hood» (1938) passten und Disney begeisterte mit dem Zeichentrickfilm «Snow White and the Seven Dwarfs» (David Hand, 1937).

Technicolor überließ hier aber nichts dem Zufall, installierte eine eigene Abteilung für die Farbüberwachung, die von Natalie Kalmus, der Ex-Frau des Firmengründers geleitet wurde, und ließ jede Produktion von einem Farbberater überwachen. Farbliche Abstimmung von Ausstattung, Kostümen, Make-Ups und Frisuren, aber auch die Kameraarbeit und Lichtsetzung wurde von diesem Farbberater kontrolliert.

Obwohl Nadine Kalmus die Ansicht vertrat, dass das Ziel des Farbfilms die getreue Wiedergabe der Wirklichkeit sei, haben sich die Technicolor-Filme gerade durch ihr Übermaß an Farbe ins Bewusstsein des Publikums eingebrannt. Zu einem der Meister der Farbdramaturgie entwickelte sich Vincente Minnelli, der schon 1944 mit dem Musical «Meet Me in Saint Louis» einen bestechenden Farbfilm vorlegte, und in «The Pirate» (1948), «An American in Paris» (1951) und dem Van-Gogh-Biopic «Lust for Life» (1956) dann einen wahren Rausch der Farben entfesselte.

Nicht die reale Welt, sondern Gefühle und Seelenlandschaften ließen sich in den Farben nach außen kehren und das Melodram war das Genre dafür. Douglas Sirk machte in giftigem Gelb die Verlogenhiet des Happy Ends von «Magnificent Obsession» (1954) sichtbar, in Michael Powells und Emeric Pressburgers «Black Narcissus» (1947) bricht das unterdrückte Begehren mit Technicolorfarben in ein Nonnenkloster im Himalaya herein, in Hitchcocks «Marnie» (1964) sind die traumatischen Rückblenden in einen roten Farbschleier getaucht. – Nie sind diese Farben zufällig gesetzt, sodass es immer gilt, sie nicht nur wahrzunehmen und sich am Farbrausch zu ergötzen, sondern auch deren Funktion aufzudecken. - Die Blütezeit von Technicolor endete freilich Mitte der 1950er Jahre mit dem Aufkommen des von Eastman Color entwickelten Farbnegativfilms.

Quellen:
Marshall, Susanne, Farbe im Kino, Schüren Verlag 2005
Flückiger, Barbara, Glorious Technicolor – Ein Look und seine Geschichte, Filmpodium Zürich, Oktober 2012
Binotto, Johannes, Übernatürliche Farbe – Zu Technicolor und dessen Ästhetik (abgerufen am 6.12. 2014)
Technicolor (Filmunternehmen) (abgerufen am 6.12. 2014)
Technicolor (Verfahren) (abgerufen am 6. 12. 2014)
Color by Technicolor (abgerufen am 6.12. 2014)
Farben und Film (abgerufen am 6.12. 2014)

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  • La Cucaracha (Lloyd Corrigan, 1934)© George Eastman House, Rochester
  • The Wizard of Oz (Victor Fleming, 1939)Quelle: George Eastman House, Rochester © 1939 Turner Entertainment Co.
  • Gone With the Wind (Victor Fleming, 1939) Quelle: George Eastman House, Rochester © 2014 Warner Bros Ent. All Rights Reserved
  • Snow White and the Seven Dwarfs" (David Hand, 1937)© Disney
  • Black Narcissus (Michael Powell/Emeric Pressburger, 1947)© ITVPark Circus
  • Singin´ in the Rain (Stanley Donen/Gene Kelly, 1952) Quelle: George Eastman House, Rochester © 2014 Warner Bros Ent. All Rights Reserved
  • Gentlemen Prefer Blondes (Howard Hawks, 1953)© Images courtesy of Twentieth Century Fox Film Corporation Inc. All Rights Reserved
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