Eine eher schwierige Frage

05.01.2015 Kurt Bracharz

«Der Standard» hatte das Linzer Market-Institut mit einer Umfrage unter österreichischen Wahlberechtigten über ihre Erwartungen an das Jahr 2015 beauftragt und druckte am 2. Jänner im Artikel über die Ergebnisse auch die verwendete Frage ab, in der folgende Formulierung verwendet worden war: «Versuchen Sie bitte, sich vorzustellen, für wen das Jahr 2015 ein gutes, erfolgreiches Jahr werden wird und für wen 2015 eher ein schwieriges, schlechtes Jahr werden wird.»


Ich bin nicht gefragt worden und das ist auch gut so, denn ich hätte mir bei der Beantwortung schwer getan. Es wäre zwar eine Spitzfindigkeit, zu überlegen, ob ein «gutes» Jahr auch unbedingt ein «erfolgreiches» sein muss (Stichwort Entschleunigung), es ist aber klar, dass «schwierig» und «schlecht» zwei Paar Schuhe sind. Man sieht das gleich an den beiden Spitzenreitern der Umfrage, Papst Franziskus (62 Prozent meinten «eher erfolgreich», 20 Prozent «eher schwierig») und Conchita Wurst (60 bzw. 24 Prozent).

Die Voraussage, ob sich am nächsten Silvester das dann vergangene Jahr für diese beiden Personen als gut oder schlecht erwiesen haben wird, überlasse ich den Kaffeesatzlesern, denn das weiß niemand; aber dass es für die beiden ein schwieriges Jahr werden wird, kann sich ein jeder denken.

Der Papst hat der Kurie die Leviten gelesen und scheint ernsthaft bemüht zu sein, die Vatikanbank so reinwaschen zu lassen, wie das überhaupt möglich ist. Gegen diese Institutionen haben schon mehrere Päpste den Kürzeren gezogen, das könnte wieder passieren, auch wenn Kurie und Bank selten so angeschlagen waren wie derzeit. Franziskus hat also auf jeden Fall ein schwieriges Jahr vor sich, das aber keineswegs ein schlechtes werden muss.

Auf jeden Fall scheint er die besseren Wettquoten erzielen zu können, der katholischen Kirche sagten nämlich 75 Prozent ein schwieriges/schlechtes Jahr voraus – womit vielleicht eher der Klerus als die Gläubigen gemeint waren, das übliche Missverständnis.

Bei Conchita Wurst – selbst als alter Antiklerikaler mag man einen Schlagerfuzzi nur ungern in einem Atemzug mit dem Papst nennen – ist es doch wohl so, dass er endlich mal liefern sollte. Als Gewinner eines Schlagerfestivals sollte man nicht nur für eine Bank Werbung machen, sondern doch auch ein bisschen Musik liefern, sonst findet das potentielle Publikum das irgendwann zuviel Wurschtigkeit.

Über den Unwert solcher Umfragen wie dieser des «Standard» muss man nicht diskutieren. Dass für die Großparteien satte Mehrheiten (ÖVP 69 Prozent, SPÖ 82 Prozent) auf ein schwieriges Jahr tippen, hätte man auch ohne Umfrage gewusst. Nur die Koalition (86 Prozent) hat einen noch schlechteren Wert (von dem mit 86 Prozent an der negativen Spitze liegenden Team Stronach wissen viele gar nicht, dass es noch existiert).

Belustigend ist, dass ein hoher Prozentsatz der Befragten, die insgesamt also für nahezu alle ein eher schwieriges Jahr voraussehen, ihre Familie und sich selbst ausnehmen. Während sich bei Merkel, der FPÖ und Strache die Prognosen mit jeweils etwa 40 Prozent die Waage halten und andere, wie der ÖGB, das AMS, Putin und die EU ganz schlechte Aussichten haben sollen, erwarten 57 Prozent ein erfolgreiches Jahr für sich selbst und 62 Prozent für ihre Familie. Wie das wohl gehen soll?


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