Friedrich Justin Bertuchs Bilderbuch für Kinder

… umfasst das illustrierte Wissen des 18. Jahrhunderts. Was soll uns dieses «bildreiche Chaos» - im 21. Jahrhundert? Na, wie schon damals, soll das Werk in erster Linie amüsieren. Wie schafft es das? Na, wie schon damals mit Bild und Wort, weil trocken abstraktes Lernen ohne süffige Bilder-Lust nur frustriert: links also das eine, rechts das andere.


1. Die Story: Genau darum ging es dem in Weimar ansässigen Verleger und Unternehmer Friedrich Justin Bertuch, dem «Aufklärung» nur ein «Modewort» war. Goethe, Herder, Schiller, Wieland waren seine Zeitgenossen - und alle in unmittelbarem Umkreis. Er war der praktisch Veranlagte, er war der emsig Tätige, er war der kaufmännisch Instinktreiche. So entstand dieses Bilderbuch in 237 Einzellieferungen mit 1185 Bildtafeln von 1790 an bis 1830 - zu einem Preis, den auch «mittelmäßig bemittelte Eltern» leisten konnten. Noch heute gilt es als «Geschichtsdenkmal der Pädagogik».

2. Die Helden: … präsentiert der ausführliche und programmatische Titel: «Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften; alle nach den besten Orginalen gewählt, gestochen, und mit einer kurzen wissenschaftlichen, und den Verstandes-Kräften eines Kindes angemessenen Erklärung begleitet.»

3. Der Sound: Der schiefe Turm von Pisa heißt hier noch «hängender Thurm»; und was lesen wir von den Bergschotten? «Die Sprache der Hochländer ist die gaelische, in der sie auch die Heldenthaten ihrer Vorfahren (wer denkt hier nicht an Ossian!) besingen.» So dachten sie damals.

4. Coole Bilder: Hier wird nichts «unwahr und maniriert» dargestellt, sondern naturgetreu und reflektiert, sprich: durch das Auge des Kindes betrachtet. «Wie begierig die Einbildungskraft eines Kindes die ersten bildlichen Eindrücke fasst!», staunt Bertuch. Und sein Weimarer Philosophen-Freund Herder führt die Dreidimensionalität dieser Einbildungskraft aus: «Da steht der kleine Experient und tastet und wägt und misst mit Händen und Füßen sehend und fühlend, um sich die ersten Begriffe von Gestalt, Größe, Raum, Entfernung, Beschaffenheit der Körper zu sichern.»

5. Coole Wörter: In diesem wunderbar gestalteten Buch gibt’s natürlich nur eine Auswahl, und dennoch wie in jeder Enzyklopädie eine Unmenge wunderschöner Wörter, die Bertuch mit Worten nicht zutexten lässt. Sehr klug!

6. Zum Nachdenken: «Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder … In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntnis und Glückseligkeit.» (Johann Georg Hamann, Aestetica in nuce, 1762)

7. Die Herausgeberin: Petra Feuerstein-Herz ist studierte Historikerin, Biologin und Pädagogin. Ihr täglich Brot verdient sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel und vielleicht ein wenig auch damit, dass sie so faksimilierte Kleinodien wie dieses hier herausgibt. Lambert Schneider macht es möglich. Wenn man dran denkt, dass in diesem Verlag auch der hinreißende Katalog-Band zur Engel-Ausstellung an der ÖNB Wien erschienen ist? Und das graphische Gesamtwerk von Alexander von Humboldt! Unbedingt anschauen: www.lambertschneider.de!

8. Das Buch: Petra Feuerstein-Herz (Hg.in): Friedrich Justin Bertuchs Bilderbuch für Kinder. Das illustrierteWissen des 18. Jahrhunderts. Darmstadt: Lambert Schneider 2014, 400 Seiten mit rund 180 farb. Bildtafeln und Lesebänd., 20 x 24 cm, geb., 30,80 Euro


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