Keine Mystik, nur Mischkulanz!

29.12.2014 Kurt Bracharz

Das Wort «Misticanza» mag Nichtitaliener zu Überlegungen anregen, was das Mystische an der Sache sein könnte, denn «mistica» bedeutet «Mystik» – «Misticanza» heißt aber nur «Mischung». Es existiert auch in der Form «Mesticanza», abgeleitet vom Verb «mesticare» oder «mescolare», das seinerseits auf das lateinische «miscere» für «mischen» zurückgeht. Der Wiener Dialekt kennt die «Mischkulanz».


Im 16. und 17. Jahrhundert war die Misticanza auch ein Musikgenre, benannt nach der seit dem 13. Jahrhundert bekannten Salatmischung. Beim Salat sprach man ursprünglich von einer Misticanza, wenn man eine Mischung von Wild- und Gartenkräutern vor sich hatte, deren Geschmack naturgemäß von der Jahreszeit abhing. Viele der ehemaligen Wildkräuter wurden ab dem 18. Jahrhundert in Klostergärten gezüchtet und als Salatmischung von den Mönchen an den Haustüren gegen eine milde Gabe eingetauscht.

In die klassische Misticanza vom Ende des 12. Jahrhunderts gehörten la cicoria di campo (Feldzichorie), il crespigno (Gänsedistel), il caccialepre (Bitterlattich), la cresta di gallo (Klappertopf), il dente di leone (Löwenzahn), la pimpinella (die Pimpinelle), il raperonzolo (Feldsalat), la lattughella (Kopfsalat) und la valeriana (Baldrian). Heute besteht eine Misticanza meistens lediglich aus la rughetta (Rauke), la catalogna (weißer Chicorée) und la scarola (Endivie).

Die auf dem Foto gezeigte, in einem österreichischen Supermarkt gekaufte Misticanza ist mit «Babysalatmix» übersetzt und erhält Lattughino biondo e rosso (Baby Lollo rosso, Lollo Bionda), Ruccola (Rauke) und Spinacino (junger Spinat), also kein einziges Wildkraut mehr und kein wirklich bitterer Bestandteil. Da kann vom Geschmack der Misticanza classica nicht mehr viel übrig geblieben sein.

Felice Cùnsolo schreibt in «Italien. Eine kulinarische Reise» (München 1971): «Misticanza. Gemischter Salat aus verschiedenen wildwachsenden oder angebauten Gemüsearten, den es in mehreren Regionen Mittelitaliens gibt. Misticanza heißt soviel wie Gemisch. Einer alten Volksweisheit zufolge sind zu einen guten Salat sieben Personen nötig: ein Armer, um ihn zu sammeln; ein Geduldiger, um ihn zu putzen; ein Verschwender, um das Öl dazuzugeben; ein Sparsamer, um ihn mit Essig zu würzen; ein Vorsichtiger, um ihn zu salzen; ein Verrückter, um ihn zu mischen, und ein Faulpelz, um ihn zu essen.» Zumindest der Letztgenannte dürfte immer zu finden sein.


-

  •  

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.