Einfache Leute, alltägliche Geschichten: Vittorio De Sica

29.12.2014 Walter Gasperi

Zusammen mit Roberto Rossellini und Luchino Visconti bildet der 1901 (nach anderen Quellen 1902) geborene Vittorio de Sica das Dreigestirn des italienischen Neorealismus. Weltberühmt machte ihn 1948 «Ladri di biciclette – Fahrraddiebe», kommerzielle Erfolge gelangen ihm in den 1960er Jahren mit Komödien mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Das Österreichische Filmmuseum widmet De Sica im Januar eine Retrospektive.


Als Sohn eines schlecht bezahlten Bankangestellten wuchs Vittorio de Sica mit zwei Schwestern zunächst in Neapel, dann in Florenz und schließlich in Rom auf. Der Vater, dessen Schicksal Vittorio selbst zu der Rentnertragödie «Umberto D.» (1951) inspirierte, träumte vom Theater und drängte den erst zehnjährigen Sohn in eine Filmrolle («L’affare Clemenceau»).

Vittorio aber wollte Buchprüfer werden, entdeckte in den 1920er Jahren dann aber doch seine Leidenschaft fürs Schauspiel. 1924 schloss er sich einer Theatergruppe an, und spielte dann unter der Regie von Mario Camerini zwischen 1931 und 1941 in 23 Filmen den kleinbürgerlichen Helden. – Schauspieler blieb De Sica sein Leben lang: Bis zu seinem Tod am 13. November 1974 trat er noch in rund 140 weiteren Filmen auf.

Eine entscheidende zusätzliche Richtung gab De Sicas Arbeit aber 1935 die Begegnung mit dem Journalisten und Drehbuchautoren Cesare Zavattini. Zum Schauspiel kam nun die Regie dazu, wobei De Sica von drei Filmen abgesehen bei allen mit Zavattini zusammenarbeitete. Stehen am Beginn Anfang der 40er Jahre noch leichte Komödien, so finden sich in «I bambini ci guardano» (1942) erstmals typische Kennzeichen der Filme des Duos.

Da gibt es einmal die Kinderperspektive, aus der De Sica/Zavattini auf den Zerfall einer bürgerlichen Familie blicken, und damit auch den Gegensatz von Erwachsenen und Kindern. In «Sciuscià» («Schuhputzer», 1946) werden sich diese Motive ebenso finden wie in «Ladri di biciclette» («Fahrraddiebe», 1948). Mit diesen teilweise fast dokumentarischen Alltagsgeschichten, die schonungslos das Elend im Nachkriegsitalien schildern, wurde De Sica zu einem der Begründer des Neorealismus.

Wie anders hätte «Ladri di biciclette» wohl ausgesehen, wenn der Film wie ursprünglich vorgesehen von David O. Selznick finanziert und die Hauptrolle mit Cary Grant besetzt worden wäre. De Sica ging darauf aber nicht ein, produzierte den Film selbst und besetzte die Hauptrollen mit Laien.

So nah die Filme De Sicas im Blick auf den Alltag freilich dem Frühwerk Rossellinis und Viscontis sind, so sehr unterscheiden sich die drei Filmemacher dennoch von Anfang an. Während Rossellini in «Roma città aperta» (1944/45) und «Paisà» (1946) eine Momentaufnahme des Italiens des Kriegsendes entwirft und Visconti die Realität in «La terra trema» (1948) opernhaft überhöht, setzt De Sica auf ganz einfache und ganz kleine Geschichten. Im Individuellen macht er die allgemeine gesellschaftliche Situation mit Not, Egoismus und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber dem Schicksal des Einzelnen sichtbar.

Auf die Flucht ins Märchenhafte mit «Il miracolo a Milano» («Das Wunder von Mailand», 1951) ließen De Sica/Zavattini mit «Umberto D.» (1952) eine bittere realistische Rentnertragödie folgen. An die Stelle der Vater-Sohn-Beziehung in den früheren Filmen tritt hier die des Rentners zu seinem Hund, der der einzige Freund in einer gleichgültigen Gesellschaft ist. Der objektive und auf Sentimentalitäten gänzlich verzichtende Blick auf das Nachkriegsitalien, kam beim Publikum allerdings nicht an, sodass De Sica in der Folge immer wieder zu Kompromissen gezwungen war.

Mit den Hollywood-Stars Jennifer Jones und Montgomery Clift drehte er für David O. Selznick «Rom Stazione Termini» (1953) und in den neapolitanischen Gassen entstand mit den aufstrebenden einheimischen Stars Sophia Loren und Silvana Mangano der Episodenfilm «L´oro di Napoli» (1954).

Bei ihrem erneuten Versuch mit der Geschichte eines armen jungen Ehepaares («Il tetto», 1956) zu den Wurzeln des Neorealismus zurückzukehren, mussten De Sica/Zavattini erkennen, dass diese Periode der italienischen Filmgeschichte endgültig vorüber war.

In einer Gegenbewegung zu diesem mit Laienschauspielern gedrehten Film spezialisierte De Sica sich in den 60er Jahren auf Komödien, wobei er vor allem mit den drei auf das Traumpaar Sophia Loren und Marcello Mastroianni zugeschnittenen Werken «Ieri, oggi e domani» («Gestern, heute, morgen», 1963), «Matrimonio all`italiana» («Hochzeit auf Italienisch», 1964) und «I girasoli» («Sonnenblumen», 1969) reüssierte. Leichte Kost sind diese Filme zwar, sprühen aber auch vor Italianitá und bieten auf höchst amüsante Weise auch Einblick in Geschlechterbeziehungen und menschliches Fehlverhalten.

Auf Komödien festlegen kann man aber auch das Spätwerk von De Sica nicht. So widmete er sich 1970 in dem mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film und dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichneten «Il giardino dei Finzi Contini» («Der Garten der Finzi Contini») noch einmal dem Faschismus. In schönen Bildern wird darin das Leben einer jüdisch-aristokratischen Familie im Ferrara der späten 1930er Jahre geschildert, die vor dem zunehmenden Faschismus und Antisemitismus die Augen verschließt, bis es zu spät ist.

Die zurückhaltende und ernsthafte Inszenierung dieses Dramas, in dessen Zentrum eine tragische Liebesgeschichte erzählt wird, steht in starkem Kontrast zu De Sicas Komödien und führt so noch einmal die Bandbreite des Schaffens des Neapolitaners plastisch vor Augen.



Trailer zu «Ladri die biciclette - Fahrraddiebe»

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  • Vittorio De Sica (1901 - 1974) Umberto D. (1952) © Österreichisches Filmmuseum
  • Sciuscià (1946) Umberto D. (1952) © Österreichisches Filmmuseum
  • Ladri di biciclette (1948) © Österreichisches Filmmuseum
  • Umberto D. (1952) © Österreichisches Filmmuseum
  • Matrimonio all´italiana (1964) © Österreichisches Filmmuseum
  • Il giardino dei Finzi Contini (1970) © Österreichisches Filmmuseum
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