Wer das liest, ist alt

27.10.2014 Kurt Bracharz

Die Eröffnung der Ausstellung «Holocaust in Europa» im Atrium des Vorarlberg Museums war gut besucht, die Reden enthielten die zu erwartenden Klischees (außer dass ein Vortragender «Mitglieder und Mitgliederinnen» genderte), und der Text auf den Schautafeln, aus denen die Ausstellung (plus einer Videoinstallation mit drei Zeitzeugenberichten) besteht, enthält keine Neuigkeiten für interessierte Menschen aus meiner Altersgruppe.


Aber für die ist die Ausstellung ja vielleicht auch nicht gedacht, sonst wäre auf den Tafeln zumindest über Augenhöhe eine größere Schrifttype angebracht gewesen. Und auch die Rechtschreib- und Setzfehler stören ja nur noch die Alten. Allerdings richten sich Schautafeln, deren Layout an vergrößerte Seiten aus einem illustrierten Buch erinnern, nicht gerade an die Generation, die permanent ihre Handys anstarrt und mit Lesen von anderem Text nicht mehr viel im Sinn hat. Hier gibt es (zu)viel zu lesen – ich bin ein schneller Leser und habe eine gute halbe Stunde zur Lektüre aller Tafeln gebraucht. Das Publikum des Eröffnungsabends hatte einen ziemlich hohen Altersdurchschnitt und bestand aus Leuten, die größtenteils auch über Details des Holocausts (wie den Anteil von Wehrmacht und Waffen-SS an den Mordaktionen) Bescheid wissen dürften.

An den nächsten Tagen war das Publikum zu dünn gesät, um seinen Wissensstand einschätzen zu können. Andererseits gilt für noch so gute und aufklärerische Ausstellungen zu Themen wie Holocaust, Antisemitismus, Rassismus, Nazizeit oder auch Ständestaat, dass sie ohnehin nur von jenen besucht werden, die mit der Position der Ausstellungsmacher – in diesem Falle das «Mémorial de la Shoah» und erinnern.at – von vornherein übereinstimmen. Die Neonazis und die Neue Rechte kommen sowieso nicht, und die große Mehrheit der ahnungs- und orientierungslosen Jungen hat keine Lust, lange Texte auf Schautafeln zu lesen.

Wer an der Menschheit verzweifeln möchte: Die Postings in der elektronischen Ausgabe der Tageszeitung rücken immer wieder nachgewachsene Unbelehrbare ins Blickfeld. Am 23. Oktober schrieb ein «captn11» auf vol.at zu einem Bericht über Rahmdeckel mit Hitler-Porträts, deren Verkauf von der Migros eingestellt worden war: «Eigentlich ein Wahnsinn was die Politik so hochtreibt. Im TV dürfen jederzeit Kriegsfilme und Berichte aus der Hitlerzeit gebracht werden. Aber da gibt es Menschen deren Großväter wie Väter für unser Land in den Krieg zogen. Die Schreckliches erlebten. Aber die wenigen Erinnerungen Ehrungen usw. dürfen Sie nicht mehr besitzen bzw. darf der Ottonormal auch nicht mal Sammeln....

Zivile Polizisten klappern die Trödelmärkte ab und beschlagnahmen alles Kulturgut was ein Hackenkreuz hat. Die heutige Zeit ist nicht besser wie de damals... Hitler lies auch Bücher verbrennen... Eigentlich das Gesetz sagt Gleiches Recht für alle... Solange im Tv die Menschen an diese Zeit jedesmal erinnert und gehetzt wird. solange sammle ich auch alles was ich bekommen kann. Ich bin Stolz auf unsre Großväter, die den grausamen Krieg überlebten... Sammle mit Respekt... und erzähle die Geschichten deiner Großeltern noch vielen Generationen weiter. Dummheit vernichtet... Gesetz- Dummheit«?»

Dieses Posting kam zuletzt auf 71 zustimmende Plus gegen 25 Minus. Ödon von Horvath hatte schon recht, es gibt nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit wie die Dummheit; nicht die (gelegentlich vorkommende) Dummheit eines Gesetzes, sondern die permanente der Kohorten von «Ottonormals».


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