Patrick wer?

13.10.2014 Kurt Bracharz

Die taz machte ihre Ausgabe vom 10. Oktober mit der Verleihung des Literaturnobelpreises auf, die Überschrift der Titelstory lautete «Überraschender Literaturpreis», darunte befand sich eine Karikatur: Ein Mann und sein Sohn sitzen auf einem Sofa, der Mann lässt die Zeitung sinken und sagt: «Patrick Modiano hat für seine Bücher den Nobelpreis bekommen», der Junge wendet einen Moment lang seinen Blick vom Handy-Display ab und fragt: «Was sind Bücher?»


Dann urteilte ein Dirk Knipphals gleich im Titel seines Artikels über die Verleihung: «Nicht falsch, aber auch nicht wichtig», und führte dann aus, dass wieder einmal alle im Vorfeld genannten Namen sich als falsch erwiesen hätten, und dass diese Namen für Erwartungshaltungen stünden, während man für Modiano keine solche angeben könne.

Knipphals nennt Beispiele für solche Erwartungshaltungen: Wenn Ngugi wa Thiong’o den Nobelpreis bekommen hätte, wäre das eine «Anerkennung für die kenianische Literatur und darüber hinaus für postkoloniale Kulturen» gewesen, der Preis für die Ukrainerin Swetlana Alexijewitsch wäre «in der gegenwärtigen Weltlage ein hochpolitischer Preis“ gewesen, mit dem Preis für Peter Nadas hätte man »im reaktionären Ungarn des Viktor Orbán zugleich solidarisch Zeichen setzen können«, und sogar ein Literaturnobelpreis für Bob Dylan hätte »einen hochkulturellen Segen für die Massenkultur der Babyboomer bedeutet".

Das mag alles stimmen, aber das sind alles mehr oder weniger politische Argumente, und ist denn nicht eigentlich der Friedensnobelpreis der Nobelpreis für Politik? Klar, beim Literaturnobelpreis ist in den allermeisten Fällen politisch entschieden worden, das hat dazu beigetragen, dass einerseits die bedeutendsten Schriftsteller wie Kafka, Joyce oder Nabokov ihn nie bekommen haben, andererseits der Autor historischer Romane Henryk Sienkiewicz, der Verfasser historischer und biographischer Texte Winston Churchill, der Sowjetpropagandist Michail Alexandrowitsch Scholochow oder die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, deren Wortspielhöllen wie überlange Kabarettnummern ohne Pointen anmuten, mit ihm bedacht wurden.

In den meisten Fällen hat man durchaus achtbaren Schriftstellerinnen und Schriftstellern den Preis noch aus einem anderen Grund als nur dem ihrer literarischen Qualität zugesprochen, manchmal wohl aus einer geographischen Überlegung (wahrscheinlich soll jedes Land mal einen Literaturnobelpreisträger haben), manchmal auch aus einem unmittelbar politischen, wie man zum Beispiel für chinesische Autoren vermuten kann, die das Komitee ohnehin nur aus Übersetzungen kennt, was die Einschätzung der literarischen Qualität im Grunde unmöglich macht.

Als Mo Yan den Preis bekam (für Romane, deren deutsche Ausgaben ich als gute Unterhaltung, aber gewiss nicht als Sprachkunstwerke einschätze), ärgerten sich nachher viele Kritiker, dass dieser Nobelpreisträger der chinesischen Regierung nicht so oppositionell gegenüberstand, wie sie es sich gewünscht hätten. In den letzten Jahren sind mit Le Clézio, Müller, Tranströmer, Munro und nun Modiano doch eher Autoren ausgezeichnet worden, bei deren Auswahl sich das Komitee nicht primär von politischen Überlegungen leiten ließ. Es wäre wünschenswert, dass es auch so bleibt.


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