Gefährlicher als Ebola

29.09.2014 Kurt Bracharz

Am 16. September wurden aus dem Abwassertank einer Grundschule in dem Dorf Womé nahe der Stadt N’zérékoré im westafrikanischen Staat Guinea die Leichen von acht Aktivisten eines Ebola-Aufklärungsteams geborgen. Die Dorfbewohner hatten diese Helfer mit Stöcken und Steinen attackiert, weil sie der Ansicht sind, die Krankheit Ebola existiere gar nicht, sie sei eine Erfindung der Weißen und lediglich ein Vorwand, schwarze Menschen zu töten, um ihnen Organe entnehmen zu können.


Eine Woche später wurden 27 Verdächtige festgenommen, die für die Ermordung der acht Helfer mitverantwortlich sein sollen. Der Hauptverdächtige ist ein Händler. Es hatte schon Ende August in N’zerekore Ausschreitungen mit über 50 Verletzten gegeben, als Händler gegen ein Aufklärungsteam protestierten, das angeblich ohne Vorankündigung auf dem Markt Desinfektionsmittel versprüht hatte. Der Bürgermeister von N’zerekore sagte nach den Morden von Womé im Radio, Ebola sei «eine sehr gefährliche Krankheit, aber diejenigen, die glauben, Ebola existiere nicht, sind noch gefährlicher als die Krankheit selbst».

Alle unsere Medien brachten zwar diese Meldung der Nachrichtenagenturen, allerdings eher unauffällig auf einer hinteren Seite, und kommentiert wurde sie kaum, vielleicht aus Furcht, schnell einmal als rassistisch eingeschätzt zu werden, wenn man sich negativ über afrikanische Zustände äußert. Man soll als Weißer ja auch nicht darauf herumreiten, wie viele angebliche Hexer und Hexen jedes Jahr in Afrika gefoltert und ermordet werden, oder dass auch noch im 21. Jahrhundert Albinos gejagt und zur Herstellung von besonders zauberkräftigen Fetischen zerstückelt werden. Und wenn man es doch tut, sollte man erwähnen, dass es sich bei dieser – sagen wir mal – Rückständigkeit letztlich immer nur um eine Folge der grausamen Herrschaft der europäischen Kolonialmächte handeln kann.

Man soll aber nicht nur, man kann auch gar nicht darauf herumreiten, weil der einzige Unterschied zu globalen, nicht-afrikanischen, heute hauptsächlich per Info-Müllhalde Internet verbreiteten Formen des Aberglaubens der ist, dass Letztere derzeit nicht so direkt zu Pogromen und Todesopfern führen wie noch vor einigen Jahrzehnten. Wer beispielsweise an Chemtrails glaubt (also allen Ernstes annimmt, dass auch in europäischen Demokratien die Machthaber bedenkenlos bereit sind, ihre Bürger zu vergiften), ist zwar nicht viel rationaler als ein Händler auf dem Markt von Womé, aber er wird kaum mehr tun können als Leserbriefe und Postings im Internet schreiben. Und das ist gut so.


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