Cinema Italiano 2014: Vielfältig, spannend, gesellschaftlich relevant

06.10.2014 Walter Gasperi

Zum sechsten Mal bringt Cinelibre in Zusammenarbeit mit dem Verein Made in Italy fünf Filme in die Schweizer Kinos, die keinen offiziellen Verleih gefunden haben. Bis Dezember werden diese Spielfilme, die einen starken Eindruck von der Vitalität und Vielfalt des jungen italienischen Kinos vermitteln, in italienischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln in den Programmkinos und Filmclubs dreizehn deutschschweizer Städte zu sehen sein.


Von Sardinien über Rom bis Neapel spannen sich die Schauplätze der Filme. Einblick bieten sie einerseits in gesellschaftliche Probleme Italiens, thematisieren andererseits aber auch universelle Fehlentwicklungen. So ernst aber auch die Themen sind, die angeschnitten werden, nie werden die fünf Filme niederschmetternd, sondern bewahren immer eine gewisse Leichtigkeit.

Der bekannteste unter den Regisseuren ist Matteo Garrone, dem mit dem Mafiafilm «Gomorra» ein Welterfolg gelang. In «Reality», der 2013 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, setzt sich Garrone satirisch mit der Mediengesellschaft auseinander. Furios ist die den Film eröffnende Plansequenz, in der die Kamera nach einem Schwenk über Neapel quasi vom Himmel langsam auf die Erde hinunter zoomt, eine barocke Kutsche erfasst, die zwischen Autos unterwegs ist, und ihr bis zu einem luxuriösen Anwesen am Stadtrand folgt.

Mit Verve und hinreißender satirischer Überzeichnung inszeniert ist die gesamte Exposition einer Hochzeit, bei der der Fischverkäufer Luciano als Spaßmacher auftritt und als Stargast kurz ein Sieger der Reality-Show «Big Brother» vorbeischaut. Markant stellt Garrone auch dem Leben der High Society das langsam verfallende Wohnviertel von Luciano gegenüber und präsentiert dabei markante Typen.

Angeregt von der Begegnung mit dem «Big Brother»-Sieger und angestachelt von Bekannten und Verwandten nimmt der scheinbar geborene Entertainer Luciano an einem lokalen Casting für «Big Brother» teil und wird sogar zu einem weiteren ins TV-Studio nach Rom eingeladen. Nach seiner Rückkehr in Neapel wartet er gespannt auf den Anruf des Senders, hält bald jeden Fremden für einen Vertreter des Senders, der ihn überwachen will, und beginnt Hab und Gut zu verschenken, um auf die vermeintlichen Fernsehleute einen guten Eindruck zu machen und sich für «Big Brother» zu empfehlen.

Im realen Leben sitzt Luciano so quasi schon im TV-Container, gleichzeitig bringt Garrone mit dem Blick vom Himmel in der ersten und der letzten Einstellung aber auch eine religiöse Komponente ins Spiel, wirft die Frage auf, ob wir von einer höheren Macht permanent beobachtet werden.

So raffiniert und doppelbödig dieses Spiel mit Sein und Schein phasenweise aber auch ist, so vorhersehbar ist die Geschichte, die sich an Luchino Viscontis «Bellissima» orientiert, in dem eine Krankenpflegerin alles unternimmt, um ihre Tochter zum Film zu bringen. Auch entwickelt die Satire keinen wirklichen Biss, doch die atmosphärisch dichte Schilderung der Welt der kleinen Leute und an Fellini erinnernde schräge Typen und skurrile Szenen entschädigen zumindest teilweise für diese Schwächen.

Im Gegensatz zur ausgefeilten Inszenierung Garrones lässt der 49jährige Salvatore Mereu in «Bellas Mariposas» den Zuschauer frisch und unbekümmert mit den Augen der zwölfjährigen Caterina auf ihre dysfunktionale Familie, das Leben in einem Hochhausblock in einer tristen Vorstadt der sardinischen Hauptstadt Cagliari und auf ihre Freundin Luna blicken. Die von Sara Podda ebenso natürlich wie kraftvoll gespielte Protagonistin führt mit ihrem Voice-over nicht nur durch den Film, sondern spricht von der Leinwand herab auch immer wieder direkt den Zuschauer an.

Keine Distanz kennt dieser Film, zieht den Zuschauer durch die agil und hautnah geführte Handkamera ebenso wie durch Caterinas schier atemlose Erzählungen, die zwischen drastischem Sozialrealismus und Traumsequenzen schwanken, in diese Welt hinein. Erklärungen und tiefere Einsichten werden aufgrund der eingeengten Perspektive keine geboten, doch intensiv vermittelt Mereu Caterinas Erleben und Empfinden und lässt die Tristesse der Verhältnisse durch ihre Vitalität fast vergessen.

Im Gegensatz zu dieser Direktheit bestimmt distanzierte Beobachtung Leonardo di Costanzos 2012 in Venedig mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnetes Spielfilmdebüt «L´ intervallo». In dieser ruhigen Beobachtung sieht man dem auf Musik völlig verzichtenden Film die Herkunft di Costanzos vom Dokumentarfilm an.

Sonnenaufgang und Sonnenuntergang über Neapel rahmen die Handlung, die sich darauf beschränkt, dass der 15-jährige Salvatore für die Camorra die etwa gleich alte Veronica in einem verfallenen weitläufigen ehemaligen Schulgebäude bewachen muss. Wodurch sich der Teenager den Zorn der Gangster auf sich gezogen hat, erfährt man erst spät und nur ein Kontrollbesuch unterbricht die Zweierbeziehung.

Reden Salvatore und Veronica zunächst kaum miteinander, so öffnen sie sich im Lauf des Tages langsam und erkunden gemeinsam auch das Gelände. So stoßen sie im überfluteten Keller auf ein Ruderboot oder streifen durch den märchenhaft verwachsenen Garten. Durch die Konzentration auf die zwei Protagonisten, einen Ort und einen Tag evoziert di Costanzo dicht das Gefühl für einen quasi außerhalb der Welt gelegenen Raum, in dem ein anderes Leben und eine andere Zukunft möglich ist. Dass dies freilich nur ein auf kurze Zeit begrenzter Traum ist, ruft ein Blick vom Dach des Hauses auf die angrenzenden Straßen und Häuser ebenso in Erinnerung wie das Eintreffen der Männer der Camorra.

Macht di Costanzo in seinem Kammerspiel die Einschränkung der individuellen Freiheit durch die in Neapel fast allmächtige Camorra deutlich, so erzählt der Schauspieler Rolando Ravello in seinem Regieerstling «Tutti contro tutti» mit Witz und empathischem Blick am Beispiel einer Familie von prekären Wohnverhältnissen in Rom. Denn als der Arbeiter Agostino mit seiner Familie nach der Erstkommunion des Sohnes in seine Sozialwohnung zurückkehren will, muss er feststellen, dass eine andere Familie die Wohnung besetzt hat.

Da Agostino keinen Mietvertrag hat, sein Vermieter nicht Eigentümer der Wohnung ist, sondern diese einfach vom verstorbenen Besitzer übernommen hat, können oder wollen die Behörden nicht einschreiten. Auch von den Nachbarn, die selbst um ihre Wohnung fürchten, ist kaum Hilfe zu erwarten, sodass die Familie versucht mit einem Sit-In im Treppenhaus die Wohnung zurückzuerobern.

Temporeich und in geschickter Balance zwischen Drama und Komödie erzählt Ravello die auf einem realen Fall beruhende Geschichte. Nicht nur die Wohnungsnot, sondern auch Ausländerfeindlichkeit und – wie der Titel schon andeutet - das Fehlen jeglicher Solidarität werden angesprochen, und Kritik wird an der gesellschaftlichen Kluft zwischen Arm und Reich ebenso geübt wie an der Kirche.

Konventionell ist das zwar inszeniert, besticht aber durch die Konzentration auf die Folgen der Wohnungsbesetzung für die Familie, überraschende Wendungen und das überzeugend eingefangene Milieu und verbindet sicher Unterhaltung mit sozialem Engagement.

Weitgehend ausgespart bleibt die soziale Realität dagegen in Giuseppe Piccionis «Il rosso e il blu». Mag man am Beginn noch durchaus interessiert der Schilderung der Interaktionen zwischen Lehrern und Schülern an einer Schule in Rom folgen, so verliert der Film einerseits durch drei parallele Handlungen zunehmend das dramaturgische Zentrum und enttäuscht andererseits durch klischeehafte Figurenzeichnung.

Nicht glauben will man einfach, dass ein zunächst zutiefst verbitterter, zynischer und suizidgefährdeter alter Lehrer durch Anrufe und Kontakt zu einer Ex-Schülerin wieder Lebensfreude entwickelt, oder dass die Direktorin einen von der Mutter verlassenen kranken Jungen immer wieder im Krankenhaus besucht und mütterliche Gefühle entwickelt. Eine Klischeefigur ist hier nicht nur der engagierte junge Aushilfslehrer, der sich vielleicht zu sehr für eine Schülerin einsetzt, sondern auch die Eltern, die sich beim Elternsprechtag über die Leistungen ihrer fast schon erwachsenen Kinder informieren.

Als Komödie könnte «Il rosso e il blu» – der Titel bezieht sich auf den Stift, der zur Korrektur verschiedenartiger Fehler am einen Ende eine rote und am andern Ende eine blaue Spitze hat - durchaus funktionieren, doch Piccioni forciert zu wenig in diese Richtung und lässt diese Schulgeschichte unschlüssig zwischen Drama und Komödie lavieren.

Mag dieser «Schulfilm» damit auch kaum über einen durchschnittlichen Fernsehfilm hinauskommen, so bietet «Cinema Italiano» mit den vier anderen Produktionen insgesamt heuer doch einen inhaltlich ebenso wie formal starken und vielfältigen Mix.

weiterführende Links:

Cinema Italiano 2014

  • Reality (Matteo Garrone)
  • Reality (Matteo Garrone)
  • Bellas Mariposas (Salvatore Mereu)
  • Bellas Mariposas (Salvatore Mereu)
  • L´intervallo (Leonardo di Costanzo)
  • L´intervallo (Leonardo di Costanzo)
  • Tutti contro tutti (Rolando Ravello)
  • Tutti contro tutti (Rolando Ravello)
  • Il rosso e il blu (Giuseppe Piccioni)
  • Il rosso e il blu (Giuseppe Piccioni)
weiterführende Links:

Cinema Italiano 2014

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