John Ford - Großmeister des klassischen Hollywood-Kinos

20.10.2014 Walter Gasperi

Über 120 Filme drehte John Ford zwischen 1917 und 1966, nicht nur Western, sondern auch Familiengeschichten, Kriegsfilme und Komödien. Er prägte nicht nur das Bild von der Eroberung des Westens, sondern auch das Kino. Im Rahmen der heurigen Viennale widmet das Österreichische Filmmuseum diesem ganz großen Regisseur der Filmgeschichte eine Retrospektive.


Sergej Eisenstein nannte John Fords «Young Mr. Lincoln» (1939) den Film, den er selbst gerne gedreht hätte. Orson Welles sprach ebenso voll Bewunderung von Ford wie Akira Kurosawa und der französische Filmkritiker André Bazin feierte nicht nur den Western als «das amerikanische Kino par excellence», sondern schwärmte auch von Fords «Stagecoach» (1939) als einer modernen Version des biblischen Gleichnissen vom Pharisäer und vom Zöllner.

Im deutschsprachigen Raum dagegen fanden die Filme John Fords erst spät Beachtung. Lange galten sie aufgrund des Genres «Western» als trivial, aufgrund der Darstellung der Indianer, der Armee und des Frauenbildes als reaktionär, aufgrund der erzählten Familiengeschichten als sentimental und naiv.

Erst mit einer Ford-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum im Jahre 1972 begann sich auch hierzulande der Blick auf den andernorts längst geschätzten Meister des Hollywood-Kinos zu ändern. Herbert Achternbusch urteilte über «The Searchers» (1956): «Wenn dieser Film von mir wäre, hätte ich nichts mehr zu sagen» und die Zeitschrift «Filmkritik» widmete Ford zwischen 1978 und 1980 drei Hefte mit dem Titel «Gelbe Streifen – Strenges Blau». Nun bieten 45 Filme erneut die Möglichkeit Ford zu entdecken oder das Bild von ihm zu revidieren.

Am 1. Februar 1894 auf einer Farm in Cape Elizabeth, Main, als elftes Kind einer irischen Einwandererfamilie als John Martin Feeney geboren, folgte er 1914 seinem Bruder Francis nach Hollywood. Weil dieser das Pseudonym «Ford» angenommen hatte, legte sich auch John diesen Namen zu. Er verdingte sich zunächst als Gelegenheitsarbeiter und Aushilfsdarsteller, stieg bald zum Regieassistenten auf und drehte 1917 mit dem Western «The Tornado» seinen ersten Film als Regisseur.

Zahlreiche One- und Two-Reeler (ca. 12 bzw. 25 Minuten lang) zunächst noch unter dem Namen Jack Ford folgten, in denen er auch häufig Hauptdarsteller war. Die meisten Stummfilme Fords gelten jedoch als verloren, zu den Ausnahmen zählt der große epische Western «The Iron Horse» (1924), in dem vom Bau der transkontinentalen Eisenbahn erzählt wird.

Zum Höhepunkt führte er das Genre dann in den späten 1930er bis 1950er Jahren. Nachdem von 1930 bis 1939 kaum Western gedreht wurden, läutete Ford mit «Stagecoach» (1939) eine Renaissance des Genres ein und ließ nach Kriegsende mit «My Darling Clementine» («Faustrecht der Prärie», 1946), der Kavallerie-Trilogie «Fort Apache» (1948), «She Wore a Yellow Ribbon» (1949) und «Rio Grande» (1950) sowie «The Searchers» (1956) Meisterwerke folgen, ehe er in «The Man Who Shot Liberty Valance» (1962), das Bild des Westens, das er in den eigenen Filmen geprägt hatte, selbst in Frage stellte und in «Cheyenne Autumn» (1963) auch seine Position gegenüber den Ureinwohnern änderte.

Wie kein zweiter hat Ford mit diesen Filmen auch einer Landschaft zu weltweiter Berühmtheit verholfen: Er hat das Bild des Monument Valley, das er für «Stagecoach» entdeckt und in dem er danach noch fünf weitere Western gedreht hat, entscheidend geprägt, zu seinen Ehren erhielt deshalb sein bevorzugter Drehort den Namen «John Ford Point».

Doch trotz der grandiosen Landschaftstotalen verselbständigen sich diese nie, sondern stehen immer in Zusammenhang mit den handelnden Figuren: Die Landschaft ist hier Herausforderung, die durchquert oder zivilisiert werden muss. Weil dabei Gefahren lauern, muss die Gruppe, die im Mittelpunkt der Handlung steht und in der Weite der Landschaft in der engen Postkutsche («Stagecoach») oder im isolierten Fort (Kavallerie-Trilogie) ebenso wie der nach Westen ziehende Treck («Wagonmaster», 1950) verloren wirkt, enger zusammenrücken, und der Fokus wird auf die einzelnen Charaktere und ihre Interaktion gerichtet.

In «Stagecoach» ist das die höchst inhomogene Reisegesellschaft, in der Kavallerie-Trilogie die Armee, in der nicht nur erfahrene alte Offiziere jungen Rekruten gegenüberstehen, sondern auch unterschiedliche Nationalitäten, die im gemeinsamen Kampf gegen einen äußeren Feind zu einer Einheit zusammenwachsen, und in «The Searchers» die Familie, die Gegenpol zum heimatlosen Ethan Edwards ist.

Die Sehnsucht nach Heimat und Familie, die in «The Searchers» im Blick durch die offene Tür eines Farmhauses und dem finalen Gang Ethans, dieses Captain Ahab der Prärie, in die Weite, während die Familie ins Haus tritt, ein prägnantes Bild findet, zieht sich nicht nur durch Fords Western, sondern durch sein ganzes Werk.

Sie ist in «Stagecoach» im Wunsch von Ringo und der Prostituierten Alice nach einer gemeinsamen Zukunft auf einer Farm da, in «My Darling Clementine», in der Wyatt Earp beschließt zu Clementine zurückzukehren, die in Tombstone eine Stelle als Lehrerin und Krankenschwester annimmt, und in «The Man Who Shot Liberty Valance» in der Liebe Tom Doniphons zu Hallie, die aber nicht erwidert wird, da ein Anwalt als Vertreter der neuen Zeit den Cowboy aussticht.

Wie in keinem anderen Film reflektierte Ford in «Liberty Valance» das Bild vom Westen, das er geprägt hatte, entlarvte es als Legende und gab gleichzeitig der Legende den Vorzug vor der Wahrheit. Zu den legendären Sätzen der Filmgeschichte gehört die Reaktion des Chefredakteurs einer Lokalzeitung auf die Enthüllung der Wahrheit: «If the legend becomes fact, print the legend!»

Und wie in seinen anderen Western reflektiert Ford auch hier den Mythos der Grenze, den zivilisatorischen Prozess, in dem raue Kerle und Outlaws oder die Armee den Grund für die bürgerliche Ordnung legen, dann aber von der Zivilisation an den Rand gedrängt werden, sofern sie sich nicht integrieren können.

Am schönsten erzählt davon wohl «My Darling Clementine», in dem die Clanton-Familie immer noch glaubt, mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen zu können, aber in Sheriff Wyatt Earp auf einen Vertreter des Staates trifft, der sich nicht einschüchtern lässt. Ford schildert nicht nur mit viel Liebe zum Detail das Leben in der Grenzstadt Tombstone mit einer Shakespeare-Aufführung und Tanzveranstaltung, sondern verschaffte Victor Mature als alkoholsüchtigem und an Tuberkulose leidendem Doc Holliday auch die Rolle seines Lebens.

Die kleine Gruppe, die sich bewähren muss, gibt es aber auch im U-Boot-Film «U 13» (1930), in dem im Ersten Weltkrieg in einer Wüstenregion im Nahen Osten spielenden «The Lost Patrol» (1930) oder im von Greg Toland grandios fotografierten Seefahrerfilm «The Long Voyage Home» (1940), der schon im Titel das Motiv der Heimat trägt.

Auf die Suche nicht nur nach Arbeit, sondern auch nach einer neuen Heimat machen sich auch die Joads in der Verfilmung von John Steinbecks «The Grapes of Wrath» (1940), nachdem sie während der Weltwirtschaftskrise von Großgrundbesitzern von ihrer Farm in Oklahoma vertrieben wurden. Und in «Drums Along the Mohawk» (1939) will ein junges Paar in einem idyllischen Tal ein Zuhause finden, gerät aber in die Wirren des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs.

Bewusst machen können einem diese beiden innerhalb eines Jahres entstandenen Meisterwerke auch die Produktivität von Ford, denn 1939 drehte er daneben noch mit «Stagecoach» und «Young Mr. Lincoln» zwei weitere Meisterwerke.

Ford erzählte aber nicht nur von Amerika, sondern auch von der irischen Heimat seiner Vorfahren, die er 1905 mit seinem Vater erstmals besucht hatte. Drehte sich «The Informer» (1935) um den irischen Bürgerkrieg, so handelt es sich bei «The Quiet One» (1952) um eine raue Charakterkomödie um einen ehemaligen Box-Champion, der in seinen Heimatort in Irland zurückkehrt.

Mit dem Oscar für die beste Regie wurde Ford nicht nur für diese beiden Filme ausgezeichnet, sondern auch für «The Grapes of Wrath» und «How Green Was My Valley» (1942), in dem er von einer Bergarbeiterfamilie in Südwales um 1900 erzählte. – Dagegen erhielt er für keinen seiner Western einen Oscar.

Zwei weitere Oscars holte er sich für Dokumentarfilme, die er während des Zweiten Weltkriegs bei der amerikanischen Marine als Chief of the Field Photographic Branch drehte: «The Battle of Midway» (1942) und «December 7th» (1943). Diese Kriegserfahrungen mündeten auch in den Spielfilm «They Were Expendable» (1945), in dem Ford von den Einsätzen eines Schnellbootgeschwaders im Pazifik-Krieg erzählt.

Feierte er meist das Heer und die Nation, so bewies er mit der Komödie «When Willie Comes Marching Home» (1950), dass er sich über Heldenverehrung auch lustig machen kann, drehte mit «Mogambo» (1953) einen Abenteuerfilm über Großwildjagd in Afrika und beendete seine Karriere mit dem sehr unterschiedlich eingeschätzten «Seven Women» (1966), einem quasi ins China des Jahres 1935 verlegten Western um eine amerikanische Missionsstation.

So trocken und selbstverständlich, ohne Effekte, aber mit viel rauem Humor seine Filme inszeniert sind, so lakonisch gab sich Ford, der am 31. August 1973 in Palm Desert einem Krebsleiden erlag, auch in Interviews. Berühmt ist sein Ausspruch «My name is John Ford and I make westerns» und auf Peter Bogdanovichs Frage, wie eine bestimmte Szene aufgenommen worden sei, antwortete Ford nur: «Mit der Kamera.»

Interview mit John Ford (1968)

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  • John Ford (1894 - 1973) © Österreichisches Filmmuseum
  • The Informer (1935) © Österreichisches Filmmuseum
  • Stagecoach (1939)© Österreichisches Filmmuseum
  • Young Mr. Lincoln (1939)© Österreichisches Filmmuseum
  • John Ford Point im Monument Valley © Luca Galuzzi
  • My Darling Clementine (1946) © Österreichisches Filmmuseum
  • She Wore a Yellow Ribbon (1949) © Österreichisches Filmmuseum
  • Rio Grande (1950) © Österreichisches Filmmuseum
  • The Searchers (1956) British Film Institute
  • The Man Who Shot Liberty Valance (1962 © Österreichisches Filmmuseum

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