Rache für Grosny

15.09.2014 Kurt Bracharz

Ein neuer Begriff geistert durch die Nachrichten, auch die deutschsprachigen: Der Foreign Fighter hat nun endgültig the theatre of war, den Kriegsschauplatz, betreten. Das neue Wort war notwendig geworden, denn der Foreign Fighter ist kein Söldner (ihm geht es nicht um die Bezahlung, sondern um seine als irgendeine nationalistische oder islamische Idee getarnte Mordlust).


Er ist kein Landsknecht oder Legionär der französischen Légion étrangère (die übrigens immer ein Teil der offiziellen französischen Armee war), und er ist schon gar kein Internationaler Brigadist, denn die Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges waren von der Komintern gegen den deutschen und den italienischen Faschismus gegründet worden, während die aktuellen Foreign Fighters größtenteils Faschisten sind, zum Teil deklarierte wie jene Grüppchen italienischer Neofaschisten, die in der Ostukraine kämpfen.

Andere Foreign Fighters auf derselben Seite, was die Ostukraine betrifft, sind Tschetschenen, deren Motive aber ganz andere sind als jene der Italofaschisten, ihnen geht es um die Rache an Putin, der 1999 angekündigt hatte, tschetschenische Terroristen «im Klo ersäufen» zu wollen, und 2006 verlangte, sie «in ihre Höhlen zu verfolgen und wie Ratten zu vernichten», und den sie für die zahllosen Kriegsverbrechen der Russen vor allem im zweiten Tschetschenienkrieg 1999 bis 2009 (der erste, 1994 bis 1996, war noch von Jelzin angezettelt worden) verantwortlich machen.

Allerdings hatten in diesen Kriegen schon verschiedene Foreign Fighters, vor allem natürlich Mudschaheddin, aber auch Ukrainer, auf tschetschenischer Seite gekämpft. Der Vertreter der «Demokratischen Vereinigung der Tschetschenen in Österreich», Chusein Iskhanow, sagte laut «Die Presse» vom 6. September 2014: «Diese Woche haben mich etwa unsere Landsleute aus Tirol angerufen und ihr Interesse bekundet. Das Schicksal der Ukraine ist Hauptthema in der Community. Auch ich sage der Jugend, wenn sie schon irgendwo kämpfen wolle, dann nicht in Syrien, was uns nichts angeht, sondern in der Ukraine.»

Während man noch einigermaßen nachvollziehen kann, was zum Beispiel Afghanen, die in ihrer Heimat gegen die Russen gekämpft hatten, nach Grosny oder in den Kosovo führte, fällt es einem bei den Europäern, von denen vor allem der IS offenbar kräftigen Zulauf hat, schon schwerer, ihre Motivation zu begreifen, sich nach Syrien zu begeben – soweit es sich nicht um ganz eindeutige Psychopathen handelt, die sonst in Großbritannien oder Australien im günstigsten Fall Angehörige von Elitetruppen und im weniger günstigen halt zivile Serienmörder geworden wären.

Diesen Typus hat es freilich schon immer gegeben, und er ist eine befremdliche, aber marginale Erscheinung. Die Masse der Foreign Fighters ist anders motiviert und hat auch einen anderen Status als den der regulären Streitkräfte oder der Zivilbevölkerung. Phänomene wie der IS sollten vielleicht zu einer Revision der Haager Landkriegsordnung führen, die letztlich auf ein anderes Menschenbild zugeschnitten war, als es sich heute allmählich immer deutlicher darstellt.


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