Der letzte Mohikaner

...ist bekanntlich der zweite der fünf Lederstrumpf-Romane des bekannten James Fenimore Cooper. Am 15. September vor 225 Jahren kam der in Burlington, New Jersey, zur Welt. Das mag bedenkenswert sein, noch viel bedenkenswerter aber ist, dass die bei ihrem Erscheinen zu Recht als Ereignis gefeierte Neuübersetzung von Karen Lauer nun im Taschenbuch vorliegt: ein 656-seitiges Lesevergnügen!


1. Die Story: Es ist einerseits ein diebisches Lesevergnügen. Man bedenke: Goethe las und schätzte den Letzten Mohikanerim fortgeschrittenen Alter von siebenunsiebzig! Was die Jungen dann etwas später in ihren dutzenden eingedampften Versionen aus der grausamen Wildnis zwischen dem Oberlauf des Hudson und den benachbarten Seen im Nordosten Amerikas von erwachsenen Kriegsmeuten ergatterten, holen sich andererseits eben diese zwischenzeitlich erwachsenen - sie können, müssen aber noch nicht siebenundsiebzig Jahre alt sein - wieder zurück. Es ist für diese jedenfalls Alten, wie wenn sie mit den Jungen wieder einmal ungeniert zeichnen oder Verstecken spielen oder in den Zirkus gehen: ein Eintauchen in eine andere Welt, der sie sich voller Lust, wenn auch nicht gewissenlos hingeben.

2. Die Helden: Klar ist, wo hier die Guten und wo die Schlechten stehen. Zuvörderst selbstredend Lederstrumpf, ein «Archetyp wie Faust, Parcival, Ewiger Jude», sagte Arno Schmidt, selbst ein begnadeter Cooper-Entdecker und -Übersetzer. Und von «Ritterlichkeit» ist hier oft die Rede! Natürlich, Cooper war ein Quäker und ein Rassist wie seine mythische Hauptfigur; aber, sagen wir: ein Rassist wie etwa Kleist ein Nationalist war - und gar so weit waren der preußische Chronist und der amerikanische Realist ja gar nicht von einander entfernt.

3. Der Sound: Beide hatten schon etwas gegen die «rappeligen Franzmänner». Dennoch: Cooper verbrachte mit seiner Familie einige Jahre in Paris und sprach fließend Französisch, was man im Letzten Mohikaner auch zu lesen bekommt.

4. Coole Wörter: Das macht aber nur einen Teil des damaligen Lokalkolorits hörbar. Das andere sind Namen wie «Chingachgook» und diese blumige Art des englischen Idioms aus indianischem Mund. Und natürlich «Hugh», dieses «Haau aus der Tiefe des Bauches»!

5. Coole Bilder: Noch einmal Arno Schmidt: «Der (stilisierte) Rundumhorizont ... eine planetengroße Ebene, mit Gräsern & wohlraschelnden Kräutern bestanden» - das also ist Cooper, bei aller Spannung der Kampfhandlung, auch. Ja, und die Wälder, die sich der Oberösterreicher Stifter von ihm abgelauscht hat! «Dann ließen sie das milde Mondlicht hinter sich, und tauchten in die Düsternis des Waldes ein.»

6. Zum Nachdenken: «Lasst uns nicht vergessen, dass wir Männer von reinem Blut sind, und lasst uns den Eingeborenen hier zeigen, dass weißes Blut, wenn unsere Stunde geschlagen hat, so frei strömen kann wie rotes.»

7. Der Autor: «Wurde bereits mit dreizehn Jahren wegen groben Unfugs der Schule verwiesen», liest man hier. Ging zur Marine, die er seiner Frau zuliebe wieder verließ. Dann schrieb er mit Erfolg. Nicht nur vom Lederstrumpf; Melville und Conrad wären nicht, ohne diesen Erfinder des Seeromans. Ned Myers oder Ein Leben vor dem Mast heißt ein solches Prachtstück, das Alexander Pechmann eben für den Mare-Verlag ebenso exzellent übersetzt und klug kommentiert hat, wie Karen Lauer unsere Lederstrumpf-Ausgabe.

8. Das Buch: James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner. Ein Bericht aus dem Jahre 1757. Neu übersetzt und herausgegeben von Karen Lauer. München: dtv 2014, 656 Seiten, 13,30 Euro


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