Attention, Editors!

01.09.2014 Kurt Bracharz

Das zur Verlagsgruppe NEWS gehörende Nachrichtenmagazin «Profil» machte seine Ausgabe Nr. 34 vom 18. August mit dem Titel «Was wir vom Krieg nicht sehen wollen» auf. Das Titelfoto zeigte zwei verschüttete, aber lebende Kinder in den Trümmern eines zerbombten Gebäudes, es war mit «Gaza, 3. August 2014» datiert. Im Heftinneren gab es zwei nicht aufgeschnittene Doppelseiten, vor denen zu lesen stand: «Warnung: Auf den folgenden Seiten sind Kriegsfotos abgebildet, die aufgrund ihrer Drastik verstören können. Deshalb wurden die Seiten ungeschnitten belassen und müssen mit der Schere geöffnet werden.» Erwähnt war auch, dass solche Fotos von den Bildagenturen mit dem Warnhinweis «Attention, Editors» in den Datenbanken platziert werden.


Ich nehme an, dass ich nicht der einzige bin, der zunächst annahm, auf diesen Seiten jene Bilder zu finden, welche die Milizionäre des «Islamischen Staates» selbst ins Internet stellen und die nicht manipuliert sind. Also die Bilder von Kreuzigungen, Vergewaltigungen, Auspeitschungen und solche von IS-Kämpfern, die einem gefesselten Gefangenen gerade den Kopf abschlagen oder mit mehreren abgeschlagenen Köpfen posieren. Tatsächlich ist der IS auch mit zwei (von insgesamt acht) Fotos vertreten, welche jeweils fünf oder sechs Leichen nach Massenhinrichtungen in Aleppo und Mossul zeigen, bei denen jeweils wesentlich mehr Menschen ermordet wurden. Keines davon dürfte jene Empörung auslösen, die von den erwähnten Motiven ausgehen würde.

Die anderen Bilder zeigen Leichen, die auf Luftangriffe durch Assads Truppen zurückgehen (zwei Fotos), eine getötete ältere Frau vor dem Bahnhof von Donetsk und eine Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug der Malaysia Airlines (also auch zwei Fotos zum Ukraine-Thema), und Kinderleichen nach israelischen Gaza-Angriffen (ebenfalls zwei Fotos). Mit dem Titelfoto sind es drei Bilder von kindlichen Opfern der israelischen Luftschläge. Im Begleitartikel steht, die Publikation des Cover-Fotos sei vertretbar, weil die beiden darauf sichtbaren Kinder gerettet werden konnten. Für das Foto im Heftinneren, auf dem ein Palästinenser in Rafah dem Fotografen eine Babyleiche präsentiert, gilt eher, was auch in dem Artikel steht: «Die Hamas will, dass Bilder toter Zivilisten um die Welt gehen.»

Dass die extremsten Bilder des IS nicht veröffentlicht werden, wird damit erklärt, dass der IS mit diesen von ihm selbst ins Netz gestellten Fotos und Videos seine besondere Grausamkeit propagandistisch verwertet und damit Soziopathen aus aller Herren Länder anzieht, aber es dürfte daneben ein Motiv der westlichen Medien für die Verweigerung sein, dass sie befürchten, dass mehr und mehr Betrachter zum Schluss kommen könnten, der IS sei das wahre Gesicht des Islams, Stichwort «Islamophobie». Diese zu fördern ist der IS allerdings auch wirklich besonders geeignet.


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