Klare Worte

04.08.2014 Kurt Bracharz

So einfach kann das politische Weltgeschehen zu verstehen sein, wenn man die richtigen Kommentatorinnen liest. Die VN-Chefredakteurin Verena Daum-Kuzmanovic hat am 3. August geschrieben, was Sache ist. Unter dem Titel «Profiteure des Leids» beruft sie sich zunächst einmal auf «die lateinamerikanisch geprägten Freiheitstheologen Bischof Kräutler und Papst Franziskus» (wobei der Letztere jedenfalls während der Zeit der argentinischen Militärdiktatur gewiss keine Freiheitstheologie vertreten hat; eigentlich auch schon vorher nicht).


Diese beiden stellen die richtige Frage, wer nämlich Nutznießer von Ausbeutung und Kriegen ist, und «kennen auch die Antwort: Profiteur ist das verheerende System des Raubtierkapitalismus, das sich wie ein Krebsgeschwür über den Globus stülpt».

Greifen wir aus der Metaphernkollision (Raubtier, Krebs, Globus, Stulpe) den «Raubtierkapitalismus» heraus: Gibt es also zwei Formen des Kapitalismus, den der Lämmer und den der Raubtiere? Oder sind die Perversionen der Finanzmärkte von den Leerverkäufen über den Hochfrequenzhandel bis zu den sich periodisch bildenden Blasen nicht die logischen Konseqenzen dieses Wirtschaftssystems, gleichgültig wie primitiv es immer anfangen mag? Wer hat den «Raubtierkapitalismus» erfunden?

Im Unterschied zu Ricola waren es nicht die Schweizer (denen man nur stets vorwarf, von ihm zu profitieren, bis die Amerikaner ihnen den Hahn abdrehten), sondern – laut V. D.-K. «der transatlantische Interessensverband, dem es um den Erhalt der globalen Vormachtsstellung geht». Wer mag das sein? Google kennt keinen «transatlantischen Interessensverband», jedenfalls nicht unter einer solchen oder ähnlichen Bezeichnung. Die globale Vormachtsstellung haben zur Zeit noch die USA, auch wenn ihre Gegner immer größere Stücke herausbeißen, von der militärischen Aufrüstung Chinas im Pazifik über Argentiniens amüsanten Zahlungsunfähigkeits-Schmäh bis zu den Bemühungen der BRICS-Staaten, den Renminbi zum Nachfolger des Dollars als Weltleitwährung zu machen.

Die VN-Chefredakteurin stellt fest, dass derzeit über 40 Kriege «toben». Die sind offenbar alle vom «transatlantischen Interessensverband» initiiert worden oder er ist jedenfalls in sie verwickelt. Soll durch die «Ukraine-Krise ein Dritter Weltkrieg angezettelt» werden? Gottseidank sind die Russen – im Gegensatz zu den provokanten Amerikanern und ihren folgsamen europäischen Pudeln wie Großbritannien – vernünftige Leute: «Solange sich Moskau durch Provokationen und Sanktionen nicht dazu hinreißen lässt, besteht die Chance zur Rückkehr an den Verhandlungstisch, die Chance auf Frieden. Von Sanktionen profitieren weder Russland und schon gar nicht die EU».

Eigentlich ist es ja auch nicht so gemeint, dass Russland von den Sanktionen profitieren soll; profitieren würde es aber davon, dass man ihm die bereits okkupierte Krim und das derzeit noch umkämpfte Donetz-Becken mit Handkuss übergibt und sich am besten noch dafür entschuldigt, dass man das nicht schon früher getan hat. Hoffen wir, dass wenigstens der kriegslüsterne US-Präsident ein Einsehen hat und sich auf die anderen 39 Kriege kapriziert.


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