Kommt die Tippse wieder?

21.07.2014 Kurt Bracharz

Zum zweiten Mal las man jetzt in den Zeitungen, dass wegen der gegenwärtigen Überwachungshysterie da und dort Rechner durch Schreibmaschinen ersetzt würden – das erste Mal angeblich in russischen Ämtern, jetzt offenbar durch viele verunsicherte Internet-User in Deutschland. Die Schreibmaschinen-Hersteller – man wusste vielleicht nicht, dass es noch welche gibt – melden steigende Verkaufszahlen (allerdings auch nur im Zehntausender-Bereich).


Wenn das wahr ist und irgendwie mit den Aktivitäten der Nachrichtendienste zu tun haben sollte, handelt es sich um ein interessantes Phänomen. Schließlich waren in der Textverarbeitung die ältesten Personal Computer mit den ersten Schreibprogrammen den damals modernsten Schreibmaschinen überlegen – außer ästhetisch, nämlich beim Schriftbild der frühen Nadeldrucker.

Wer noch auf mechanischen Maschinen Durchschläge mit Kohlepapier machen und Verbesserungen mit Tipp-Ex durchführen musste, weiß, wovon die Rede ist. Aber auch die elektrischen Schreibmaschinen konnten nichts von dem, was mit simplen Computern möglich wurde, wie z. B. das Versetzen von Textblöcken, die Änderung bestimmter Wörter in einem ganzen Dokument durch einen einzigen Befehl und andere heutige Selbstverständlichkeiten.

Ein nicht mit einem Netz verbundener Rechner samt Drucker ist – unter anderem – eine stark überqualifizierte Schreibmaschine, die man genau so wenig hacken kann wie eine alte «Adler» oder «Olympia». Was man mit diesem System ausdruckt, müsste schon der klassische Schlapphut mit der Minikamera fotografieren, damit er es an seine finsteren Auftraggeber weiterreichen kann.

Paranoiker, die sich früher Giftgasangriffen durch die Wand zur Nachbarwohnung und Strahlen aus der Wasserleitung ausgesetzt fühlten, glauben zwar, dass alle PCs von vornherein Sender eingebaut haben, die auch ohne Netz der NSA übermitteln, was man mit der Maus treibt oder in die Tastatur hämmert, aber das ist nur die zeitgenössische Form des Verfolgungswahns. Zwar haben eine Zeitlang die Drucker einer bestimmten Marke tatsächlich heimlich, still und leise ihren Tintenstand an die Herstellerfirma gemeldet, aber halt auch nur über das Netz.

Einen kleinen Vorteil hat der steigende Umsatz der Schreibmaschinenhersteller möglicherweise auch für Leute wie mich, die noch eine alte Schreibmaschine zu Hause haben: Man wird vielleicht die Farbbänder wieder im nächsten Papierramschladen kaufen können, statt Spezialgeschäfte in Großstädten aufsuchen zu müssen. (Der Kauf per Internet verbietet sich ja, die NSA könnte sich dafür interessieren, warum man Farbbänder für Schreibmaschinen kauft, wenn man nicht geheime Dokumente produzieren will.)

P.S. für die Computergeneration: Da sich die Bosse früher zu gut zum Maschinschreiben (= Tippen) waren, wurde die Arbeit von sogenannten Stenotypistinnen ausgeführt, die man herablassend «Tippsen» nannte.


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