Au weia! Aie!

07.07.2014 Kurt Bracharz

Laut Wörterbuch sagt der Franzose «Aie!», wo unsereinem ein «Au!» entfährt. Das ist insofern merkwürdig, als man dazu neigt, den Laut für naturgegeben und nicht für kulturell überformt zu halten. Wie auch immer: «Aie» gibt es jetzt auch als Abkürzung, und zwar für die «Internationale Vereinigung der Exorzisten».


Nein, das ist kein Witz, diesen Verein gibt es tatsächlich, ihm gehören ca. 240 Exorzisten aus dreißig Ländern an. Kirchenrechtlich ist er ein «privater Verein von Gläubigen» mit eigener Rechtspersönlichkeit, aber ohne amtlichen Charakter. Der Vatikan hat nach Entscheid der Kleruskongregation am 13. Juni «Aie» offiziell anerkannt und die Statuten gebilligt, wie der «Osservatore Romano» am 3. Juli berichtete.

Der in weiten Kreisen für progressiv gehaltene Papst Franziskus glaubt also, dass Menschen vom Teufel und von Dämonen be- oder auch nur umsessen sein und durch ein bestimmtes Ritual davon befreit werden können. Schon sein Vorgänger, der bayerische Benedikt, hatte mehr Exorzisten zugelassen als die Päpste vor ihm, und der Job dürfte auch in Zukunft krisensicher sein, an Leuten, die man als besessen ausgeben kann, wird es nie mangeln.

Laien hören von Exorzismen fast nur, wenn wieder einmal jemand die Begleitumstände nicht überlebt hat. Der bekannteste Fall im deutschen Sprachraum ist wohl noch immer jener der Anneliese Michel, die 1976 in Klingenberg in Unterfranken kurz nach einem Großen Exorzismus durch zwei Priester an Unterernährung und Entkräftung starb, weshalb in der Folge ihre Eltern und die beiden Exorzisten zu je halbjährigen Gefängnisstrafen auf Bewährung verurteilt wurden).

Gegründet wurde Aie von dem 1925 in Modena geborenen Juristen und Priester (und ab 1986 offiziellen Exorzisten der Diözese Rom) Gabriele Amorth, der von 1994 bis 2000 auch der Präsident der Vereinigung war. Der aktuelle Präsident Francesco Bamonte sagte zur Anerkennung durch den Vatikan, der Exorzismus sei «eine Form der Nächstenliebe für leidende Mitmenschen» und «ein befreiender Akt der Barmherzigkeit».

Eine enge Zusammenarbeit der Teufelsaustreiber mit Psychiatern und Psychoanalytikern wurde übrigens schon von Amorth gefordert, scheint aber doch des öfteren nicht zustande zu kommen, vielleicht auch, weil viele Psychiater als ausgebildete Ärzte wohl die Botschaft hören, es ihnen aber am Glauben fehlt. Und sagte nicht der gegenwärtige Papst höchstpersönlich nach seiner Wahl: «Wer nicht zu Gott betet, betet den Teufel an.»

Der Exorzismus ist übrigens ein Ritual, das aus einer festgelegten Abfolge von Gebeten und Bibellesungen besteht, und sollte nicht wie eine Laienaufführung von William Friedkins Film «The Exorzist» oder wie eine Voodoo-Zeremonie für Touristen herüberkommen. In Österreich bieten drei Diözesen einen «Befreiungsdienst» an – so lautet der kirchliche Euphemismus für die Teufelsaustreibung.


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