Schlaue Jungs in der EU?

23.06.2014 Kurt Bracharz

Das in jeder Hinsicht sehr schweizerische Magazin «Die Weltwoche» teilte am 5. Juni wieder einmal mit der großen Kelle aus. Das Titelblatt zeigte Napoleon, Mussolini, Hitler, Robert Schumann und Jean-Claude Juncker in exakt gleich großen Bildern nebeneinander, darunter stand: «Die vergifteten Quellen der EU. Von Napoleon bis Juncker. 200 Jahre europäische Irrwege.» Die Europäer sind also nicht mehr die Kinder von Marx und Coca-Cola, sondern die Enkel von Napoleon und Hitler.


Im Inneren hieß die Titelgeschichte von Florian Schwab dann «Wenn es ernst wird, muss man lügen», der Lead lautete so: «Bonvivant, angeblicher Freund der Schweiz, Jesuit, gewiefter Machtpolitiker: Der ehemalige Luxemburger Premierminister Jean-Claude Juncker, möglicher Präsident der EU-Kommission, ist der idealtypische Vertreter dessen, was in Brüssel falsch läuft.» Dabei fällt besonders das Wort «Jesuit» ins Auge. Nanu, ist Juncker tatsächlich ein Angehöriger der Societas Jesu, wie der aktuelle Papst? Das hat er dann bislang aber wirklich gut verborgen.

Liest man den Artikel durch, stellt man nach einer Weile fest, dass Juncker lediglich «in einem jesuitischen Internat ausgebildet» worden ist. Da auch der Kommissionspräsident Barroso, der Zentralbank-Chef Draghi und der EU-Ratspräsident Hermann Van Rompuy als Jugendliche von Jesuiten geleitete Schulen besucht haben, ist für die «Weltwoche» klar: die EU ist eine neue Jesuitenverschwörung.

Van Rompuy wird damit zitiert, dass er sich bei einem Religionsforum in Florenz als Zugehöriger der «jesuitischen Internationale» bezeichnet und «unverbrüchliche Bande» zwischen den Abgängern von jesuitisch geleiteten Schulen behauptet habe. Der niederländische EU-Abgeordnete Derk Jan Eppink habe es auf den Punkt gebracht, als er sagte, Jesuiten und Eurokraten trügen die wohlkalkulierte Lüge und bewusste Irreführung im gemeinsamen Werkzeugkasten.

Das bekannteste Juncker-Zitat, das in Postings und Leserbriefen immer wieder auftaucht, ist jenes aus einem SPIEGEL-Interview: «Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.» Das deutsche Magazin «Fokus» zitierte Juncker mit «Die Dinge müssen geheim und im Dunkeln getan werden ... Wenn es ernst wird, muss man lügen.» Laut Wikipedia wird SJ im deutschen Volksmund als «Schlaue Jungs» übersetzt.

Man kann sich natürlich fragen, ob bei den bemerkenswert offenherzigen Zitaten nicht eher der Alkohol aus dem bekannt trinkfreudigen Luxemburger gesprochen hat als der ehemalige Jesuitenschüler. Der «Weltwoche»-Artikel leitete aber gleich auf das Prinzip des Jesuiten Francisco Toledo (1532 – 1596) über, in manchen Fällen sei die notwendige Verheimlichung der Wahrheit nicht durch bloßes Stillschweigen zu erreichen, sondern eine dezidierte Lüge notwendig. Immerhin wurde nicht auf den Kadavergehorsam verwiesen, den Brüssel und Strassburg nach einer populären Ansicht von den EU-Staaten erwarten.

Dass das nationalistische Schweizer Wochenmagazin eine Art Jesuitenverschwörung an der Spitze der EU wahrnimmt, ist kein Zufall, die Schweizer sind (oder waren) da sensibiliert. In der Schweizer Verfassung war den Jesuiten von 1874 bis 1973 jede Tätigkeit in Staat und Kirche untersagt. Dieser Verfassungsartikel wurde schließlich durch eine Volksabstimmung aufgehoben. Aber nochmals sei es gesagt: Was auch immer man von der Gemeinschaft Jesu halten mag, Jesuitenschüler sind noch keine Jesuiten.


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