Ikone der Schauspielkunst: Zum 10. Todestag von Marlon Brando

30.06.2014 Walter Gasperi

Ins Halbdunkel getaucht und zwecks Vertuschung seiner immensen Körperfülle kaum sichtbar war er in Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» und dennoch hat sein teuer erkaufter Kurzauftritt diesem Vietnamfilm einen Stempel aufgedrückt. Schon damals – 1978 – war er eine Legende, ein Schauspieler, der nach seinen Triumphen in den 50er Jahren in den 70ern einen zweiten Zenit erreicht hatte. - Am 1. Juli jährt sich der Todestag von Marlon Brando zum zehnten Mal.


Am 3. April 1924 in Omaha/Nebraska geboren wuchs Marlon Brando in zerrütteten Familienverhältnissen auf, doch seine Mutter, eine Amateurschauspielerin, förderte sein schauspielerisches Interesse.

Seine Ausbildung erhielt er an dem 1947 von Elia Kazan und Lee Strasberg gegründeten Actors´ Studio. Wie Rod Steiger, Anthony Quinn, Montgomery Clift und vor allem James Dean perfektionierte er das «method acting», die völlige Versenkung und Identifikation mit einer Rolle, wobei die Gefühle des gespielten Charakters durch Erfahrungen und Erinnerungen aus dem eigenen Leben Authentizität gewinnen.

Als Stanley Kowalski in der Broadwayaufführung von Tennessee Williams´ «A Streetcar Named Desire» schaffte er 1947 den Durchbruch und wurde von Stanley Kramer nach Hollywood geholt. Eindrucksvoll verkörperte er in Fred Zinnemanns «The Men» (1950) einen querschnittgelähmten Soldaten, doch seine größten Erfolge feierte er unter der Regie von Elia Kazan.

Mit größter physischer Präsenz gespielte labile Charaktere wie Stanley Kowalski in Kazans Filmversion von «A Streetcar Named Desire» (1951), die Brando die erste von acht Oscar-Nominierungen einbrachte, wurden zu seinem Markenzeichen. Nach außen wirken sie beherrscht, doch ständig ist spürbar, wie es in ihnen brodelt, wie sie nur mühsam angestaute Aggressionen unterdrücken.

Rebellen wie der Anführer einer Motorrad-Gang, die in «The Wild One» (László Benedek, 1953) eine amerikanische Kleinstadt terrorisiert, oder der mexikanische Revolutionär Emiliano Zapata in Elia Kazans «Viva Zapata!» (1952) prägten sein Image. Seinen ersten Oscar brachte ihm aber die Verkörperung des New Yorker Hafenarbeiters Terry Malloy in dem ebenfalls von Kazan inszenierten, durch seinen Realismus beeindruckenden sozialkritischen Drama «On the Waterfront» («Die Faust im Nacken», 1954).

Brando hat diese Rollen nicht nur gespielt, sondern mit seinem Spiel auch eine ganze Generation von Schauspielern wie Paul Newman, Al Pacino oder Robert De Niro beeinflusst.

Doch nach den äußerst erfolgreichen frühen 50er Jahren schien seine Karriere schon vorüber. Seine einzige Regiearbeit, der Western «One Eyed Jacks» («Der Besessene», 1961), den ursprünglich Stanley Kubrick inszenieren sollte, war ein finanzieller Fehlschlag und Lewis Milestones Remake von «Mutiny on the Bounty» (1962) konnte trotz großen Aufwands und überzeugender Besetzung keine innere Dramatik entwickeln.

Ein grandioses Comeback verschafften ihm aber die Regisseure des New Hollywood. Auf der Höhe seiner Kunst zeigte er sich 1966 in Arthur Penns unterschätztem «The Chase» («Ein Mann wird gejagt») und für die Verkörperung des Don Vito Corleone in Francis Ford Coppolas «The Godfather» (1971) gewann er seinen zweiten Oscar.

Diesen lehnte der Rebell allerdings aus Protest gegen die Unterdrückung der Indianer und ihre Diskriminierung in Hollywoodfilmen ab und schickte zur Verleihung eine junge Indianerin als seine Vertreterin.

Nicht weniger eindrucksvoll als die Verkörperung des Mafiabosses in Coppolas Meisterwerk gelang Brando die Darstellung eines vereinsamten amerikanischen Witwers in Bernardo Bertoluccis zu seiner Entstehungszeit heftig umstrittenem «L´ultimo Tango di Parigi» (1972). Ein eindrucksvolles, nicht nur schauspielerisches Duell lieferte er auch Jack Nicholson in Arthur Penns Western «Missouri Breaks» («Duell am Missouri», 1976).

Immer horrender wurden nach diesen Triumphen Brandos finanzielle Forderungen und folglich immer kleiner seine Rollen, aber auch er selbst wurde als Schauspieler immer unberechenbarer. Statt abgespeckt kam er mit 140 Kilo zum Set von Coppolas «Apocalypse Now» (1978). Die Rolle musste für seinen Kurzauftritt umgeschrieben werden und er wurde nur im Halbdunkel gefilmt. – Aber dennoch oder gerade deshalb ist dieser Auftritt Brandos unvergesslich – unvergesslich, wie er sich über den kahlen Schädel fährt, wie er T.S. Eliot zitiert und – indirekt - Himmlers Rede an die SS oder in der 50 Minuten längeren Redux-Version aus dem Time-Magazin vorliest.

Auf «Apocalypse Now» folgten neun Jahre Pause, ehe sich der gealterte Star wieder für Filmrollen zur Verfügung stellte. Sympathisch mögen einige dieser Spätwerke wie «A Dry White Season» («Weiße Zeit der Dürre», 1988), «Freshman» (1989) oder «Don Juan de Marco» (1994) sein, aber mit seinen großen Werken können sie sich nicht messen.

2001 drehte er mit «The Score» (2001) seinen letzten Film. Halbnackt kam der 77jährige wiederholt aufs Set und weigerte sich dann sogar in Gegenwart des Regisseurs Frank Oz zu drehen, sodass Robert De Niro, der hier das einzige Mal zusammen mit Brando auftrat, die Regie übernehmen musste. Ein Projekt mit dem tunesischen Regisseur Ridha Behi, in dem Brando sich selbst spielen sollte, konnte nicht mehr realisiert werden, denn am 1. Juli 2004 verstarb dieser Jahrhundertschauspieler, der sich auch gesellschaftspolitisch für die Rechte der Afroamerikaner und der indigenen Bevölkerung der USA engagierte, im Alter von 80 Jahren in einem Krankenhaus in Los Angeles an einem Lungenversagen.

Ausschnitte aus Filmen mit Marlon Brando

  • Marlon Brando (1924 - 2004)
  • A Streetcar Names Desire (Elia Kazan, 1951)
  • The Wild One (László Benedek, 1953)
  • On the Waterfront (Elia Kazan, 1954)
  • One Eyed Jacks (Marlon Brando, 1961)
  • The Godfather (Francis Ford Coppola, 1971)
  • L´ultimo Tango di Parigi (Bernardo Bertolucci, 1972)
  • Apocalypse Now (Francis Ford Coppola, 1979/2001)

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