Leidenschaft, Blut und Wut - Die Farbe Rot

14.07.2014 Walter Gasperi

Farbe ist eines der wesentlichsten Ausdrucksmittel im Film. Sie evoziert Atmosphäre, schürt Emotionen. Am stärksten wirkt dabei - wie auch im Leben – die Farbe Rot. Sie steht für Leidenschaft und Liebe ebenso wie für Blut, Wut und den Ausbruch der Gewalt. Das St. Galler Kinok richtet beim diesjährigen Open-Air-Programm den Blick auf die Rolle dieser Farbe im Laufe der Filmgeschichte.


Schon in der Stummfilmzeit setzte man Farben ein, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen und die Emotionen des Publikums zu lenken. Nachtszenen wurden monochrom blau eingefärbt, Sepia signalisierte den Tag, und für Liebesszenen, für Leidenschaft, reales ebenso wie emotionales Feuer stand Rot.

Keine Farbe wirkt so stark wie diese: Säuglinge erkennen sie vor allen anderen Farben, Kleinkinder greifen bevorzugt zu roten Dingen, wer auffallen will, trägt rote Kleidung, Verkehrsschilder sind weltweit rot, Schlagzeilen sind oft rot gedruckt und rot ist auch die Farbe der Korrektur. – Verständlich ist folglich auch, dass beispielsweise das Spanische sogar dasselbe Wort für Farbe und Rot verwendet: colorado.

Auch wenn im Kino mit Einsetzen des Farbfilms ab dem Ende der 1930er Jahre der bis heute nicht entschiedene Streit, ob Farben realistisch oder symbolisch eingesetzt werden sollen, ausbrach, spielte doch Rot immer eine zentrale Rolle, lenkt wie keine andere Farbe den Blick.

Silbern sind die Schuhe Dorothys zwar in Frank L. Baums Kinderbuch «The Wizard of Oz», doch in der Verfilmung (Regie: Victor Fleming, 1939) trägt Judy Garland auf ihrem Weg durchs Märchenland rote Schuhe und selbstverständlich in roten Spitzenschuhen tanzt sich Moira Shearer in Michael Powells/Emeric Pressburgers Ballettfilm «The Red Shoes» (1948) zu Tode. Und mit leuchtend roten Lippen vor pechschwarzem Hintergrund beginnt das Musical «The Rocky Horror Picture Show» (1975).

Mit roten Kleidern hob aber auch Nicholas Ray immer wieder seine gesellschaftlichen Außenseiter von der Umwelt ab, den rebellischen James Dean in «Rebel Without a Cause» (1955) durch eine rote Jacke, die von der Gemeinschaft verachtete, unabhängige Joan Crawford im Western «Johnny Guitar» (1954) durch ein rotes Halstuch und die Tänzerin Cyd Charisse in «Party Girl» (19589) durch rote Kleider.

Beeinflusst haben diese kräftigen Technicolorfarben unübersehbar spätere Filmemacher wie Aki Kaurismäki, der ähnlich markant wie Ray Farbe einsetzt, Wong Kar-Wai, der die Melancholie seiner Melodramen «In the Mood for Love» (2000) und «2046» (2004) durch einen Rausch der Farben noch steigert, oder Pedro Almodovar, in dessen Melodramen die kräftigen Farben immer wieder die Leidenschaft verstärken.

Mit Rot hob aber auch Steven Spielberg im schwarzweißen Holocaust-Film «Schindler’s List» (1993) ein Mädchen aus der Anonymität heraus und intensivierte sein Schicksal. Einen ähnlich starken Effekt erzeugten auch Roberto Rodriguez und Frank Miller in der visuell grandiosen Comic-Verfilmung «Sin City» (2005), der in Farbe gedreht und später in schwarzweiß konvertiert wurde. Nur einzelne Details wie Augen, Autos, Lippen oder Blut sind farbig und heben sich markant vom vorwiegend schwarzen Hintergrund ab.

Rot zieht sich als Signalfarbe durch Nicholas Roegs Psychothriller «Don´t Look Now - Wenn die Gondeln Trauer tragen» (1973), wechselt dabei aber seine Funktion. Ist es zunächst ein Farbattribut der geliebten kleinen Tochter, so wird es nach deren Tod mit dem namenlosen Gnom mit der gealterten Schreckensfratze verknüpft, der die Eltern in der Lagungenstadt Venedig verfolgt.

In Louis Malles «Au revoir, les enfants» (1987) gibt es diese Leben signalisierende Farbe nur am Beginn in den roten Lippen der Mutter, während danach im winterlichen Internat der Kriegszeit kalte Blau-, Grau- und Grüntöne dominieren. So verwaschen und kalt sind auch die Farben in Lars von Triers «Dancer in the Dark» (2000), außer wenn Selma ihre Blindheit vergisst und in sattem Grün und Rot von der Welt träumt.

Diesen Kontrast findet man auch in Zhang Yimous «Rote Laterne» (1991), in dem eine junge Frau vom Land als Nebenfrau eines vornehmen Herrn langsam zugrunde geht. Die Farben treibt Zhang seinem konzentrierten Drama zunehmend aus, nur die rote Laterne, mit der der Herr anzeigt, bei welcher seiner Frauen er diese Nacht verbringt, leuchtet im kalten Umfeld bis zum Ende kräftig auf.

Doch nicht nur in diesem Film Yimous spielt die Farbe Rot eine zentrale Rolle. Schon sein Meisterwerk «Das rote Kornfeld» (1987) begeisterte durch den Farbenrausch und das intensive Rot der Hirsefelder und des Hirseschnapses. Riesige rote Tücher wurden dann in dem in einer Färberei spielenden «Judou» (1990) zum Trocknen aufgehängt.

Noch weiter getrieben und übertroffen hat Yimou dieses Fest der Farben schließlich mit dem Martial-Arts-Film «Hero» (2002). Jeweils in eine andere Leitfarbe sind hier die einzelnen Episoden des Films, die - als Reminiszenz an die multiperspektivische Erzählweise von Kurosawas «Rashomon» – jeweils unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen bringen, getaucht. Leuchtendes Rot kennzeichnet dabei die Variante, bei der Liebesverrat und Eifersucht zur Waffe des Helden werden.

Peter Greenaway nützt farbliche Abstufung dagegen, um in «The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover»(1989) um verschiedene Bereiche abzutrennen und stellt der in Erdfarben getauchten Küche die dunkelrote Architektur des Saales gegenüber, die zum animalischen Verspeisen und Verdauen passen soll.
Allgegenwärtig ist Rot selbstverständlich auch in Krzystof Kieslowskis «Trois couleurs: Rouge» (1994), in dem sie im Rahmen des Filmzyklus zu den drei Farben der Trikolore, die den revolutionären Tugenden Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zugeordnet sind, für die Brüderlichkeit steht. Unergründlich bleibt hier aber, welcher Zusammenhang zwischen den vielen roten Dingen besteht.

Zahllos sind die Filme, in denen Rot Erotik symbolisiert, besonders einprägsam gelang dies Steven Kloves in «The fabulous Baker Boys» (1989), in dem sich Michelle Pfeiffer im «kleinen Roten» zu Barsongs auf dem Klavier von Jeff Bridges räkelt. Intensiv vermittelt auch das kanadische Wunderkind Xavier Dolan in «Les amours imaginaires» (2010) mit in rot getauchten Bildern das Verlangen der Figuren. Erotische Konnotation haben aber auch die roten Rosenblütenblätter in Sam Mendes´ «American Beauty» (1999), die Kevin Spacey im Traum im Garten der ungeliebten Ehefrau abschneidet und den Körper der begehrten Freundin der Tochter damit überschüttet.

Bedrohlich wirken dagegen ganz in Rot getauchte Szenen. Bei Feuersbrünsten oder Explosionen erzeugen solche Momente eine Vorahnung der Hölle, können aber auch ein Gefühl von Wahnsinn, von Raserei und außer sich Sein signalisieren. Tiefrot ist das Auge des «durchgedrehten» Computers HAL in Stanley Kubricks «2001 - A Space Odyssee» (1968), den der Astronaut systematisch abschaltet, bis die Stimme der Maschine langsam abstirbt.

Metapher für die Wut von Travis Bickle ist diese Farbe in Martin Scorseses «Taxi Driver» (1976), wenn sie in der Eröffnung auf das Gesicht des Protagonisten fällt und schon auf das finale Blutbad vorausweist. Und tiefrot als starker Kontrast zum umgebenden Weiß sind die Toiletten in Kubricks «The Shining» (1980) und rot flutet auch das Blut aus den Räumen, wenn der Wahnsinn des Hausmeisters sich verstärkt.

Farben spielen auch im Werk David Lynchs eine große Rolle. Mit der Dominanz von Blau, Rot und Weiß stellt er in «Blue Velvet» (1986) einen Bezug zur amerikanischen Flagge her. Die zentrale Farbe ist Rot dann in «Twin Peaks – Fire Walk With Me» (1992), dem Prequel zur gleichnamigen TV-Serie. Der Bogen spannt sich hier vom titelgebenden Feuer über ein in aggressives Rot getauchtes Zimmer eines Traums, bis zur Ampel von Twin Peaks, die am Ende von Grün auf Rot schaltet. – Es lohnt sich somit im Kino auf das Spiel mit den Farben zu achten.

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  • The Wizard of Oz (Victor Fleming, 1939)
  • The Red Shoes (Michael Powell/Emeric Pressburger, 1948)
  • Rebel Without a Cause (Nicholas Ray, 1955)
  • Johnny Guitar (Nicholas Ray, 1954)
  • Le Havre (Aki Kaurismäki, 2011)
  • 2046 (Wong Kar Wai, 2004)
  • Todo sobre mi madre (Pedro Almodóvar, 1999)
  • Schindler’s List (Steven Spielberg, 1993)
  • Sin City (Robert Rodriguez/Frank Miller, 2005)
  • The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover (Peter Greenaway, 1989)
  • Trois couleurs: Rouge (Krzysztof Kieślowski, 1994)
  • The Faboulous Baker Boys (Steven Kloves, 1989)
  • Les amours imaginaires (Xavier Dolan, 2010)
  • 2001 - A Space Odyssee (Stanley Kubrick, 1968)
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