Evviva Conchita!

12.05.2014 Kurt Bracharz

Dass Thomas Neuwirths Kunstfigur Conchita Wurst den Euro Song Contest gewonnen hat, zeigt, dass noch bei den banalsten Ereignissen Politik im Spiel ist. Denn die Stimmen für den Cross-Dresser Neuwirth waren zweifellos in erster Linie als Stimmen gegen die aktuelle Schwulenhatz in Russland, den USA und Teilen von Afrika zu verstehen. Der Mann kann zwar singen und hat eine starke Bühnenpräsenz, aber solche Eigenschaften waren nie ausschlaggebend für einen Sieg beim Euro Song Contest.


Neuwirths Darstellung einer Bartfrau aus einer Freak-Show der Zwischenkriegszeit (später gab es keine Freak-Shows mehr, die umher tingelnde Ausstellung von am Kopf zusammengewachsenen siamesischen Zwillingen im Deutschland der späten 1950er-Jahre war ein Ausreißer, der schon damals beim Publikum nicht mehr gut ankam) kitzelte jedoch viele Sexistinnen und Sexisten, von österreichischen Stammtischrunden, denen vor Empörung die Worte fehlen, über den russischen Spinner Schirinowski, der ob der «Sodom Show» meinte, die russischen Besatzer hätten Österreich nicht verlassen sollen, dann wäre so etwas nie passiert, bis zu US-Fundamentalisten, die im Disney-Film «Die Eiskönigin» lesbische Propaganda wittern, also so ziemlich alle, die für leicht auszulösende Reaktionen in Frage kommen.

In Österreich hatten vor dem Wettbewerb über 38.000 Unterstützer die Seite «Nein zu Conchita Wurst beim Songcontest» unterschrieben. Die werden nun wohl Vilimsky wählen, nachdem sich Kanzler und Bundespräsident für Conchita Wurst ausgesprochen haben (natürlich erst nachdem sie gewonnen hatte). Ich nehme an, dass Neuwirths Sieg von US-amerikanischen Medien noch in der tiefsten Provinz verkündet werden wird, um bei den ländlichen Puritanern das Bild des dekadenten Europa aufzufrischen.

Die juristisch interessantere, aber optisch weitaus weniger spektakuläre Tatsache hingegen, dass unlängst in Australien, das man im Klischee eher von permanent besoffenen Redneck-Machos bevölkert vermutet, der Oberste Gerichtshof einer Person bestätigt hat, dass sie sich im Pass nicht als Mann oder Frau deklarieren und überhaupt in offiziellen Dokumenten kein vom Staat anerkanntes Geschlecht angeben muss, ist nur von wenigen Medien und dort sehr beiläufig gemeldet worden.

Interessant zu erfahren wäre gewesen, was Judith Butler zu Conchita Wurst gesagt hat – falls sie etwas gesagt hat. Die Leitfigur der Genderei hatte während ihres Wien-Aufenthalts wegen Freud-Vorlesungen in einem Interview in «Die Presse» einen seltsam neutralen Wischiwaschi von sich gegeben, dem jemand, der noch nie von Butler gehört hatte, nicht hätte entnehmen können, wofür sie eigentlich steht. Zu Conchita Wurst hätte sie explizit werden müssen.


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