Europäischer Blick auf Amerika: Sergio Leone

07.04.2014 Walter Gasperi

Nur sieben Filme konnte Sergio Leone drehen, doch seine Dollar-Trilogie, «Spiel mir das Lied vom Tod» und «Es war einmal in Amerika» haben unbestritten ihren Platz in der Filmgeschichte. Das Filmpodium Zürich widmet dem Italiener, der 1989 im Alter von 60 Jahren in Rom an einem Herzinfarkt starb, derzeit eine Werkschau.


Der am 3. Januar 1929 geborene Sergio Leone wuchs als Sohn des Filmregisseurs Vincenzo Leone und der Stummfilmdiva Edvige Valcarenghi von klein auf mit dem Kino auf. Nachdem sich der Vater, der mit den Kommunisten sympathisierte, in den 1920er und 1930er Jahren von der Filmregie zurückgezogen hatte, begann er ab 1939 unter dem Pseudonym Roberto Roberti wieder Filme zu drehen.

Sohn Sergio durfte ihn bei den Dreharbeiten in der römischen Filmstadt Cinecitta immer wieder begleiten, hatte im letzten Film des Vaters («Il folle di marchiaro», gedreht 1944 und 1949; 1952) einen Kurzauftritt und arbeitete als unbezahlter Regieassistent mit.

Diese Funktionen hatte Leone auch bei Vittorio de Sicas Klassiker «Ladri di bicicletti» (1948) und wirkte in den 1950er Jahren beim zweiten Aufnahmeteam mehrerer amerikanischer Großproduktionen wie «Quo vadis» (Mervyn LeRoy, 1951), «Helen of Troy» (Robert Wise, 1955) und «Ben Hur» (William Wyler, 1959) mit. Gesteigert wurde dadurch Leones Begeisterung für das Hollywood-Kino, das er schon durch die Kinoerlebnisse in der Jugendzeit entwickelt hatte.

Die zweite wichtige filmische Sozialisierung stellten die zahlreichen italienischen «Sandalenfilme» dar, an denen er als Regieassistent in den 1950er Jahren mitarbeitete. Als der Regisseur Mario Bonnard während der Dreharbeiten von «Gli ultimi giorni di Pompei» («Die letzten Tage von Pompeji», 1959) erkrankte, stellte Leone diesen Film fertig und konnte im folgenden Jahr in eigener Regie «Il colosso di rodi» («Der Koloss von Rhodos», 1960) drehen. Nach diesem von der Kritik wenig beachteten Debüt sammelte er weitere Erfahrungen mit der Regieassistenz bei Robert Aldrichs «Sodom and Gomorrha» (1961).

Der Durchbruch gelang Leone dann drei Jahre später mit «Per un pugno di Dollari» («Für eine Handvoll Dollar», 1964), den er als Verbeugung vor seinem Vater, der unter dem Pseudonym Roberto Roberti gearbeitet hatte, als «Bob Robertson» drehte. Erfunden hat Leone damit den Italo-Western allerdings keineswegs, denn es gab schon zahlreiche Filme dieser Art, freilich keinen so erfolgreichen.

Der Filmfan übernahm den Plot von Akira Kurosawas «Yojimbo» (1961), was auch rechtliche Konsequenzen nach sich zog, verlegte die Handlung aber in den amerikanischen Westen. Gedreht wurde allerdings nicht in den USA, sondern um das südspanische Almeria.

Im Gegensatz zum amerikanischen Western oder auch den damals beliebten deutschen Karl May-Filmen, die im damaligen Jugoslawien gedreht wurden, zeichnet Leone eine durch und durch schmutzige und brutale Welt, in der sich nicht der moralisch Gute durchsetzt, sondern der hinterhältigste und schnellste Schütze. Leone erzählt auch nicht von der Landnahme, von Ranchern oder Konflikten mit Indianern, sondern einzig von brutalen Machtkämpfen unter den Weißen.

Stärkster Trumpf des Films war die Besetzung der Hauptrolle des schweigsamen Fremden mit dem amerikanischen Fernsehdarsteller Clint Eastwood, aber auch der zumindest für die damalige Zeit eigenwillige Soundtrack von Ennio Morricone trug wesentlich zum Welterfolg des Filmes bei. Bald folgten mit «Per qualche dollaro in più» («Für ein paar Dollar mehr», 1965) und «Il buono, il brutto et il cattivo» («Zwei glorreiche Halunken», 1966) zwei noch erfolgreichere Fortsetzungen und die drei Filme wurden als «Dollar-Trilogie» zusammengefasst.

Von den amerikanischen Western hoben sich diese Filme aber nicht nur durch das pessimistische Welt- und Menschenbild ab, sondern auch durch die Inszenierung. Zelebriert wurde hier Gewalt, statt lakonisch zu erzählen, wurden Duelle endlos gedehnt, Details wie Stiefel oder Gesichtspartien markant ins Bild gerückt oder von der Totale in Detailaufnahmen gesprungen. Völlig neu war diese aggressive Inszenierungsweise für die damalige Zeit.

Der Erfolg der «Dollar-Trilogie» ermöglichte es Leone seinen nächsten Film in den USA und mit größeren Stars zu drehen. Völlig gegen den Strich besetzte er Henry Fonda in «C´era una volta il west» («Spiel mir das Lied vom Tod», 1969) als brutalen Killer und entzauberte in opernhafter Inszenierung noch entschiedener als in den vorigen Filmen den Mythos vom Werden der amerikanischen Nation. Keinen glorreichen Helden gibt es hier, sondern nur den fast aussichtslosen Kampf der Schwachen gegen einen Kapitalisten, der mit seinen Helfern mit Gewalt seine Interessen durchzusetzen versucht.

Der barocke und elegische Stil dieses Films, mit dem Leone nach der «Dollar-Trilogie» seine so genannte «amerikanische Trilogie» begann, kam aber in den USA nicht an und der Film flopte an den Kinokassen. Auf diesen – schon durch den Titel «C´era – Es war einmal» angedeuteten – märchenhaften Blick auf Amerika folgte mit «Giu la testa» («Todesmelodie», 1971) eine satirische Schilderung der mexikanischen Revolutionswirren, die nicht nur beim Publikum durchfiel, sondern auch die Filmkritiker enttäuschte.

Jahrelang war Leone in der Folge nur noch als Produzent tätig und zeichnete in dieser Funktion unter anderem für die sehr erfolgreiche Terrence-Hill-Westernkomödie «My Name is Nobody» (1973) verantwortlich. Seinen letzten großen eigenen Film und den Abschluss der «amerikanischen Trilogie» konnte er dann 1984 mit «Once Upon a Time in America» (1984) realisieren. Zwölf Jahre lang hatte er dieses vierstündige Gangster-Epos vorbereitet, doch die Geschichte von zwei Jugendfreunden, die sich entfremden, überforderte den Zuschauer durch die komplexe Verschachtelung von drei Zeitebenen.

Nach diesen Blicken auf Amerika wollte sich Leone Europa zuwenden, wollte in «Leningrado» von der Schlacht um Leningrad während des Zeiten Weltkriegs erzählen, doch mitten in den Vorbereitungen für dieses Großprojekt starb er am 30. April 1989 an einem Herzinfarkt.

Literatur: Steinwender, Harald (2012): Sergio Leone - Es war einmal in Europa. Deep Focus 7. 2. überarb. Aufl. Berlin: Bertz & Fischer, 404 S. ISBN 978-3-86505-317-6, 29.--€

Schlussszene von «C´era una volta il west - Spiel mir das Lied vom Tod»

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  • Per un pugno di Dollari (1964)
  • Il buono, il brutto et il cattivo (1966)
  • C´era una volta il west (1969)
  • C´era una volta il west (1969)
  • Giu la testa (1971)
  • Once Upon a Time in America (1984)
  • Steinwender Harald, Sergio Leone - Es war einmal in Europa
  • Sergio Leone (1929 - 1989)
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