Propagandakrieg ums Wasser

17.03.2014 Kurt Bracharz

Der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der gerne demnächst EU-Kommissar werden möchte und für den der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger jüngst in der FAZ eine etwas bizarr anmutende Wahlempfehlung abgegeben hat (weil Schulz einer der ganz wenigen Politiker sei, die sich konkret gegen Überwachung und Abzocke durch Internet-Betreiber und –schnüffler ausgesprochen hätten), hat Anfang Februar in der Knesset, dem israelischen Parlament, eine Rede gehalten, in der er einmal mehr den deutschen Kopfsprung in den nächstliegenden Fettnapf vorbildlich ausgeführt hat.


Schulz gab den täglichen Pro-Kopf-Wasserverbrauch der Palästinenser im Westjordanland mit mickrigen 17 Litern an, während der tatsächliche Verbrauch – je nach Berechnungsgrundlage – bei mindestens 70 oder (laut offizieller palästinensischer Wasserbehörde) bei 103 Litern liegt. Möglicherweise hat ja jemand, der Schulz’ Rede vorbereitet hat, 70 mit 17 verwechselt (Hörfehler oder falsch erinnert oder was auch immer, vielleicht hat ja auch nur Schulz seine Rede selbst verfasst), der Fehler ist aber nicht ganz belanglos und hat verhältlnismäßig heftige Reaktionen ausgelöst, weil es um die Wasserverteilung zwischen Israelis und Palästinensern einen vor allem in den europäischen Medien geführten Propagandakrieg gibt.

Die Wasserverteilung wird seit über sechzig Jahren durch Abkommen geregelt, seit 1993 neben anderen Verträgen durch das Oslo-II-Abkommen, wobei die heutigen Zahlen auf die Proportionen von 1993 zurückgehen. Die von Israelis und Palästinensern jeweils genannten Zahlen beziehen sich manchmal auf Frischwasser, manchmal aber auch auf Frischwasser plus wieder aufbereitetes «Grauwasser», das in der Landwirtschaft eingesetzt wird. So gaben zum Beispiel israelische Quellen 160 Kubikmeter für jeden Israeli, die Weltbank aber zum selben Zeitpunkt 240 Kubikmeter an, weil Letztere das Grauwasser einrechnete. In eine korrrekte Gesamtrechnung einzubeziehen wären auch die Wasserverluste, die bei den Israelis 10 Prozent, bei den Palästinensern aber wegen mangelhafter Infrastruktur und Diebstahl über 30 Prozent betragen.

Die Palästinenser leiten ihr Abwasser ungeklärt in die Umgebung ab und verseuchen damit ihr Grundwasser. Die palästinensische Autonomiebehörde hat Millionenschulden (in Dollar gerechnet) bei Israels staatlicher Strom- und Wassergesellschaft, und erwartet von der internationalen Gemeinschaft, diese Schulden zu begleichen, was die EU übrigens beim Strom schon seit Längerem tut. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch die illegalen Brunnenbohrungen der Palästinenser und die gegenseitigen Vorwürfe, Swimmingpools und überdimensionierte Schwimmbäder zu bauen, was sowohl auf die israelischen Siedlungen als auch auf die palästinensischen Hotels zutrifft.

Grundsätzlich ist es so, dass die Besatzungsmacht den Palästinensern das Wasser verkauft und nicht etwas gratis zur Verfügung stellt. Die palästinensische Autonomiebehörder erhält das Wasser aus Israel zu einem suventionierten Preis. Zwanzig Prozent des Wassers aus dem Westjordanland gehen an die Palästinenser, achtzig an die Israelis auf beiden Seiten der «Grünen Linie». Man könnte noch mehr Argumente und Gegenargumente zum Thema israelische und palästinensische Propaganda rund um die angeblich oder tatsächlich ungerechte Wasserverteilung anführen, aber eigentlich soll hier nur darauf hingewiesen werden, dass in diesem Winkel der Welt nichts so einfach ist, wie es mitteleuropäische Politiker gerne hätten. Aber bessere Vorbereitungen sollten sie für Reden zum Thema schon haben, und das nicht nur in der Knesset.


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