Neues über einen alten Bekannten

10.03.2014 Kurt Bracharz

Ein eher unscheinbarer, verwilderter alter Rebstock inmitten von Buschwerk auf einer Viehtrift im Eisenstädter Ortsteil St. Georgen wird als Naturdenkmal ausgewiesen. Der inoffiziell St. Georgener Rebe oder Georgirebe genannte Rebstock hat sich nach ampelografischen Untersuchungen im Jahre 2005 als ein Exemplar der Muttersorte des heute verbreitetsten und bekanntesten österreichischen Weißweins, des Grünen Veltliners, erwiesen; die Vaterrebe ist der Traminer.


In Eisenstadt und in Langenzerdorf wurden Versuchsweingärten mit 600 bzw. 20 Stöcken der Georgirebe angelegt und im Februar 2014 ein aus dem allerdings nicht optimal gereiften Traubengut in geringster Menge produzierter Wein verkostet, der bei guten Extraktwerten ordentlich Säure und Würze aufwies, um die es bei dieser eher experimentellen Verkostung ja auch gegangen war. Die Georgirebe dürfte also zum Grünen Veltliner u. a. das bekannte «Pfefferl» beigesteuert haben. Der Traminer ist auch ein fülliger und kräftiger Wein, aber eher säurearm.

Die Namensgebung des Grünen Veltliner war nicht allzu glücklich gewählt. «Grün» bedeutet zwar in diesem Zusammenhang, dass der Wein jung getrunken werden sollte (wobei hochwertige Grüne Veltliner ihren Geschmack noch etwa drei bis fünf Jahre lang entwickeln und viele Jahre halten bzw. als Altweine durchaus interessant sein können), aber der Grüne Veltliner ist mit den anderen Veltlinern, also dem Roten, Frühroten, Rotweißen oder Braunen Veltliner, botanisch nicht verwandt. Seine regionalen Synonyme (Veltliner, Grüner, Weißer, Grüner Weißer, Grünmuskateller, Grüner Muskateller, Weißer Muskateller, Weißgipfler, Manharts- oder Mouhardrebe) haben sich aber nie durchgesetzt.

In Bartel F. Sinhubers Buch «Der Wiener Heurige», Wien 1980, war der Grüne Veltliner zwar schon als «eine Art Nationaltraube» bezeichnet, aber noch nicht als Material für Spitzenweine eingeschätzt worden: «Beliebt bei den Hauern aller österreichischen Weingebiete, ist er in Niederösterreich die führende Sorte. Dort werden auch die besten Qualitäten erzielt. Dank seines natürlichen Kohlensäuregehalts ist er als ein rescher Heurigenwein vor allem in und um Wien, aber auch an der Brünner Straße und in der Wachau besonders beliebt. Kaiser Augustus soll ihn bereits bevorzugt und aus dem rätischen Teil Tirols bezogen haben. Seiner Herkunft nach ist er wahrscheinlich ein Kind Niederösterreichs, obwohl die Abstammungsfrage (...) eher schwierig ist, selbst wenn die Weinhauer aus Poysdorf im Weinviertel seine Entdeckung allein für sich beanspruchen.»

Der römische Kaiser wird zwar eher originalen Traminer als dessen Abkömmling Grünen Veltliner getrunken haben, aber der Grüne Veltliner könnte durchaus aus Poysdorf stammen, auch wenn dieser allerletzte Stock im Burgenland entdeckt worden und die Entdeckung der «Mutterschaft» der Rebe den St. Georgenern zuzubilligen ist. Der Verein Dorfblick St. Georgen hat mit EU-Förderung das Buch «Von der Wurzel ins Jetzt» herausgebracht, in das man unter www.dorfblick.info/trilogie-st-georgen/einblick-buch-3/ einen Blick werfen kann.


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