"Der Mann mit den 1000 Gesichtern": Alec Guinness

24.03.2014 Walter Gasperi

Am 2. April wäre der im Jahr 2000 verstorbene Alec Guinness 100 Jahre alt geworden. Berühmt ist die Wandlungsfähigkeit des vielfach ausgezeichneten Briten, der in Dickens-Verfilmungen ebenso brillierte wie in schwarzen Komödien, in den Epen David Leans, als John Le Carrés Spion George Smiley und als Obi-Wan Kenobi in «Star Wars».


Alec Guinness zählt neben John Gielgud und Laurence Oliver zu den bedeutendsten britischen Schauspielern des 20. Jahrhunderts, obwohl die Ausgangssituation für ihn nicht günstig war. Als chaotisch bezeichnet er in seiner Autobiographie «Blessing in Disguise» («Das Glück hinter der Maske») seine Kindheit und Jugend. Mit seiner Mutter wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf, seinen Vater lernte er nie kennen.

Ein Stipendium ermöglichte Guinness ein Schauspielstudium. 1934 debütierte er am Theater, wurde Ensemblemitglied am legendären Old Vic und spielte nach dem Zweiten Weltkrieg, in der er Kommandeur verschiedener Landungsschiffe war, auf der Bühne Herbert Pocket in Dickens´ «Great Expectations». David Lean sah Guinness und gab ihm dieselbe Rolle in der Verfilmung des Romans (1946).

Sechs Filme drehte Guinness mit Lean, mit dem ihn eine Hassliebe verband, bis 1984. Auf die Verkörperung des Juden Fagin in «Oliver Twist» (1948), für die er einerseits gerühmt, andererseits wegen des Spiels mit antisemitischen Klischees kritisiert wurde, folgten ab «The Bridge on the River Kwai» (1957) große Epen. Bevor es aber dazu kam, brillierte Guinness mit seinem trockenen Spiel noch in zahlreichen der legendären britischen Ealing-Komödien.

In Robert Hamers «Kind Hearts and Coronet» («Adel verpflichtet», 1949) spielte er gleich acht englische Adelige, darunter sogar eine Lady, die alle von einem in der Erbfolge nachgereihten Verwandten beseitigt werden. Selbst zum Mörder an einer netten alten Dame wurde er dagegen in «The Ladykillers» (Alexander Mackendrick, 1955), während er in der sozialkritischen Komödie «The Man in the White Suit» (Alexander Mackendrick, 1951) als Erfinder einer neuen, vermeintlich unzerstörbaren Textilfaser in der Bekleidungsbranche für Aufregung sorgte.

Die Idealbesetzung war Guinness auch für die Titelfigur in der Verfilmung von Gilbert Keith Chestertons Detektivroman «Father Brown» (Robert Hamer, 1954) oder als Staubsaugervertreter in Carol Reeds Graham Greene Verfilmung «Our Man in Havanna» (1959). Für Rollen als Liebhaber galt er ebenso so wenig als geeignet wie für die von Helden. Ihm lagen vielmehr britische Durchschnittsbürger und nobel zurückhaltende Charaktere, chamäleonhaft schlüpfte er aber auch in historische Persönlichkeiten wie Disraeli («The Mudlark – Der Dreckspatz und die Königin»; Regie: Jean Negulesco, 1950), Mark Aurel («The Fall of the Roman Empire», Regie: Anthony Mann, 1964), Papst Innozenz III. («Fratello sole, sorella luna», Regie: Franco Zeffirelli, 1972) und weniger erfolgreich Adolf Hitler («Hitler: The Last Ten Days», Regie: Ennio de Concini, 1973). Seine Wandlungsfähigkeit trug ihm auch die Bezeichnung «Der Mann mit den 1000 Gesichtern» ein.

Weltruhm erlangte er mit der Hauptrolle in David Leans «The Bridge on the River Kwai» (1957). Einen Oscar gewann er für die Verkörperung des verbissenen britischen Colonel Nicholson, der sich weigert die Brücke, die er mit seinen Leuten als Kriegsgefangener für den japanischen Feind erbauen musste, zu sprengen. Ihre Fortsetzung fand diese ambivalente Figur im arabischen Prinz Faisal in Leans «Lawrence of Arabia» (1962) sowie im Halbbruder der Titelfigur in der Pasternak-Verfilmung «Doctor Zhivago» (1965). Nebenrollen waren das, doch Guinness verlieh diesen Figuren mit seinem Charisma und seiner Präsenz großes Gewicht.

Außer den Filmen Leans gab es für Guinness in den 1960er und 1970er Jahren kaum große Rollen. Erst die Rolle des weisen Lehrers Obi-Wan Kenobi in George Lucas´ «Star Wars»-Trilogie (1977-83) verschaffte ihm wieder große Öffentlichkeit und machte den britischen Altstar auch einem jungen Publikum bekannt. Gleichzeitig verdiente er durch diese Serie, für die er nur ein geringes Honorar erhielt, aber mit 2% an den Einnahmen beteiligt war, rund sieben Millionen Euro. Die Rolle an sich allerdings hasste er, denn er hielt nichts von dem von Spezialeffekten dominierten Märchen und warf die unzähligen Fan-Briefe ungelesen weg.

Stärker identifizieren konnte sich Guinness schon mit John Le Carrés legendärem Agentenchef George Smiley, den er in der Fernsehserie «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» («Dame, König, As, Spion», 1979) und «Smiley´s People» («Agent in eigener Sache», 1982) spielte. Mit seinem Understatement vermittelte er perfekt, dass sich hinter der gelassenen Fassade Emotionen verbergen, ließ sich aber nie in die Karten schauen.

Der britische Theaterkritiker Kenneth Tynan bemerkte folglich auch, dass Guinness´ beste Figuren «Eisberg-Charaktere» waren, «zu neun Zehnteln verborgen, faszinierend nicht durch ihr Aussehen, sondern ihre Denkweise».

Ab den späten 1980er Jahren übernahm Guinness nur noch selten Rollen in Kinofilmen, wie die eines Prokuristen in Steven Soderberghs «Kafka» (1991). Die Ehrungen aber rissen nicht ab. Nachdem er schon 1959 von Königin Elisabeht II. zum Ritter geschlagen worden war, wurde er 1994 in den Orden der «Companions of Honour» aufgenommen, auf den Oscar für «The Bridge on the River Kwai», folgte 1980 ein Ehrenoscar für das Lebenswerk und 1996 der Lifetime Achievement Award der Europäischen Filmakademie.

Privat aber führte er mit seiner Frau Merula Salaman, die er 1938 geheiratet hatte, ein zurückgezogenes und skandalfreies Leben, bis er am 5. August 2000 nach einer langjährigen Leberkrebserkrankung im Alter von 86 Jahren starb.

Verleihung des Ehrenoscars an Alec Guinness

  • Alec Guinness (2.4. 1914 - 5.8. 2000)
  • Oliver Twist (David Lean, 1948)
  • Kind Hearts and Coronets (Robert Hamer, 1949)
  • The Bridge on the River Kwai (David Lean, 1957)
  • Lawrence of Arabia (David Lean, 1962)
  • Doctor Zhivago (David Lean, 1965)
  • Star Wars (George Lucas, 1977)

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