Großes Finale einer Trilogie von Erika Kronabitter

21.12.2013

Sechs Jahre nach dem ersten Band bringt die Vorarlberger Autorin Erika Kronabitter den Schlusspunkt ihrer Trilogie heraus, den Roman Nora. X. Der Titel mutet auf den ersten Blick etwas seltsam an, doch bildet er eine Analogie zum ersten Band mit dem Titel Mona Liza. Nora und X., das sind zwei Personen, Schwester und Bruder. In allen Titeln stehen Namen, der zweite Band hieß Viktor.


Zur Erinnerung: Mona ist die Frau, deren nicht gerade rosige Kindheits- und Ehegeschichte im ersten Buch erzählt wird; Liza ihre Freundin – obwohl nicht ganz klar ist, ob Liza tatsächlich eine andere Person oder vielleicht Monas Alter Ego, eine Art imaginiertes zweites Bewusstsein darstellt. Viktor ist Monas Ehemann, Wachebeamter einer Haftanstalt mit überaus aggressiven Anwandlungen, die er an den Gefängnisinsassen, noch mehr aber an seiner Frau und seinem Sohn auslässt. Dieser Sohn heißt X. – mehr Name erhält er nicht – und dessen Schwester ist Nora.

Während die ersten beiden Bücher etwa zur selben Zeit spielten, wirkt Nora. X. fast wie ein Epilog, denn wir finden uns Jahre später, als beide Kinder junge Erwachsene sind und versuchen, ihr eigenes Leben einzurichten und – das ist der Kern des Romangeschehens – mit der Vergangenheit, die beide als keine schöne erlebt haben, fertigzuwerden und abzuschließen. Denn, so X.: «Die Erziehung hängt an uns wie das Fell am Bären. Wir ziehen und können uns nicht davon befreien.» (S. 106)

Nora, kulturell sehr interessiert und aktiv, verschlägt es dabei nach Spanien. Sie arbeitet an einer andalusischen Ausstellung mit, hat die Aufgabe, den zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges von den Falangisten ermordeten Dichter Federico García Lorca sozusagen virtuell zum Leben zu erwecken; sie sucht Darsteller für die einschlägigen Filmaufnahmen, wählt aus, filmt und kommt dem Gewählten, José, schlussendlich auch menschlich näher. Ihre Strategie, mit der Vergangenheit, der Ohnmacht der Mutter und der Gewalt des Vaters, abzuschließen, ist eher das Ruhenlassen und Verzeihen. Aber sie hat einen mehr oder weniger engen Kontakt mit ihrem Bruder, X., dem vom Vater Ungeliebten, dem allzeit Störenden, dem Kind, das so sehr im Weg stand, dass ihm sogar der Name verwehrt wurde.

Die Gespräche der beiden, zumeist telefonisch geführt, bilden das Rückgrat des Romans, den roten Faden, der sich vom Beginn zum Ende durchzieht. Die beiden Kinder, nun eben erwachsen, sprechen viel über die Vergangenheit, über die Eltern, über ihre eigene Verwicklung in die ganze Geschichte, über die Verletzungen, die sie beide davongetragen haben, aber auch über jene, die, wie sie allmählich erkennen, bereits Mutter und Vater trugen. Vielleicht sind es diese Gespräche, die den dritten Band von Erika Kronabitters Trilogie zum analysierenden machen, zu einem Kopfbuch, zu einer Selbstbeschau, die stellenweise sehr bedrückend wird.

In diesem Sinne sehe ich Mona Liza als das Buch der Emotion, Viktor als Buch der Aggression und Nora. X. als Buch der Nüchternheit.

Vielerorts fallen Sätze auf, die nachdenklich machen. Etwa wenn X. gegenüber der Schwester sagt: «Nicht die Besten setzen sich durch, sondern immer noch die Mächtigen. Die mit den besseren Beziehungen. Die mit den besseren Seilschaften. Jene, die es sich richten können.» (S. 100) Eine traurige Lebensweisheit, die im Grunde jeder kennt, die aber trotzdem schmerzt. Oder die folgende Aussage, bei der unklar bleibt, ob es sich um ein Zitat von García Lorca oder einen Spruch der ihn spielenden Romanfigur José handelt: «Wir sitzen auf einem Pulverfass. Niemand kann für sich die Hand ins Feuer legen.» (S. 166)

X. kann mit dem Prinzip des Ruhenlassens nichts anfangen. Am Vater hat er sich, durchaus mit der Komplizenschaft seiner Schwester, bereits gerächt, ist zu erfahren. Auf seinem Handy hatten sie Nacktvideos einer Gefängnisinsassin gefunden. Deren Weiterleitung und Veröffentlichung kostete Viktor Job und Kragen. Wie diese Affäre im Detail verlief, kommt zwar nicht heraus, doch begegnet das Geschwisterpaar in einer Szene dem Vater, der an einer erschreckend realistisch wirkenden Vergesslichkeit leidet und sich vor allem an das von ihm selbst betriebene Martyrium des Sohnes nicht mehr zu erinnern scheint. X. ist völlig irritiert, weil er nicht mehr nur Wut, sondern auch Mitleid empfindet.

Am Beginn des Buches hat X. einen gut dotierten Posten im Bankwesen. Als ihm die Übernahme einer amerikanischen Filiale angeboten wird, kommt es zu einer Schlüsselszene. Ein Kollege, genau genommen sein Vorgesetzter, lässt den Satz fallen, dass es noch Wichtigeres gäbe im Leben, und das führt bei dem ohnehin schon innerlich zerrissenen X. zu einem radikalen Persönlichkeitswandel. Er «steigt aus», hängt alles an den Nagel und beginnt, für internationale Organisationen im Zeichen des Friedens zu arbeiten. Er fährt in Krisengebiete, berät Hilfsorganisationen hinsichtlich der Sicherheit und vermittelt zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Die Vorgangsweise sowie die zugrunde liegende Philosophie beeindrucken zutiefst, und als Leserin oder Leser stellt man sich sofort die Frage, ob es solch wohlüberlegte, humane und vernünftige Aktivitäten denn tatsächlich auch im realen Leben gibt. Natürlich bringt X. sich damit auch in große Gefahr; inzwischen hat er immerhin eine Lebensgefährtin und bald auch ein eigenes Kind. Etwaige Parallelitäten der beiden beruflichen Tätigkeiten thematisiert die Autorin geschickt als eine im Raum stehenbleibende Frage: «Gibt es Parallelen zwischen deiner früheren Arbeit bei der Bank und jetzt als Krisenberater?» (S. 134)

Geschickt eingeflochten wurde das Sterben der Mutter. Zwischen den Zeilen kündigt sich sich bereits länger an, doch das eigentliche Ableben im Spital findet auf ein paar Seiten (152-154) Platz und mutet – nicht nur ob dieser Bezeichnung – wie ein Protokoll an. Jedes der kurzen und kürzer werdenden Kapitel wird als «Störfall» bezeichnet, denn hier verursachen ärztliche Unterlassungen eine Komplikation nach der anderen – die in der Wirtschaft übliche Gewinnoptimierung und Menschenverachtung gehört inzwischen wohl auch zu den Tugenden der Spitalsbetreiber. Der Tod der Mutter ist zwar kein Einschnitt mehr im Leben der Geschwister, aber nachdenklich macht er allemal, und die Reflexionen der beiden befassen sich mit dem gesellschaftspolitischen Umfeld dieses Todesfalls.

Es sind unterschiedliche Lebenswege, welche die Geschwister vermeintlich voneinander entfernen, am Ende aber einander näherbringen. Ihre Liebesbeziehungen entstehen fast unmerklich und stellen sich doch in eine Reihe mit der Vergangenheitsbewältigung der beiden. Sie bringen am Ende wichtige Änderungen mit sich und lassen Nora und X. reifen.

Stilistisch erinnert dieses dritte Buch stark an das erste. Hier gibt es ähnlich überraschende Satzwendungen, hingestreute Bemerkungen, die dann ohne weitere Ausführungen stehen bleiben. Das Buch des Vaters scheint auf den ersten Blick ein Ausreißer gewesen zu sein, doch bildet es einen zentralen Angelpunkt, über den sich das Buch der Mutter und das Buch der Kinder mit ihren Verflechtungen spiegeln. Dass Viktor bereits im Titel anders, nämlich gewissermaßen einsam ist und in einem deutlich konventionelleren Stil geschrieben wurde, hat Methode. Erst mit dem Vorliegen der vollständigen Trilogie tritt dies zutage.

Einmalig sind die sogenannten Naturstudien, die sich im dritten Band finden. Erika Kronabitter fasste diese kurzen, geradezu lyrisch wirkenden Gedankensplitter heraus und verstreute sie, schlicht nummeriert, über das ganze Buch. Sie lockern auf, reißen stellenweise heraus und lassen die Leserinnen und Leser rätseln. Manche dieser Naturstudien scheinen bestimmte Szenen weiterzuführen, andere fallen mitunter frappant aus dem Zusammenhang. In der 14. Naturstudie heißt es: «Wie sie mit den Gepäckstücken in der Bahnhofshalle stehen, wie sie um ihre Gepäckstücke herumstehen, wie sie sie bewachen, wie sie über ihre Sachen wachen, wie die Ankunft des Zuges angekündigt wird, wie sie den richtigen Bahnsteig.» (S. 104) Sonst nichts. Hingeworfene, grammatisch unvollständige Sätze, eben Gedankensplitter oder Farbspritzer – Erika Kronabitter ist ja auch bildnerisch tätig. Den Roman bereichern die Naturstudien jedenfalls mit einer eigenwilligen, poetischen Note.

Alle drei Bücher erschienen im inzwischen in Innsbruck ansässigen Limbus Verlag. Während Mona Liza neuerdings auch als Taschenbuch angeboten wird, fehlt sozusagen noch die Gesamtausgabe der Trilogie im Schuber – diese wäre der verlegerische Schlusspunkt von Erika Kronabitters Romantrilogie.


Erika Kronabitter: Nora. X.
Roman, 182 Seiten
Limbus Verlag, Innsbruck 2013
ISBN 978-3-902534-91-0


Klaus Ebner

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  • 'Nora X' von Erika Kronabitter
  • Erika Kronabitter; Bildquelle: Wikipedia

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