All Is Lost

17.12.2013 Walter Gasperi

Als ein verlorener Schiffscontainer ein Leck in eine Segelyacht reißt, beginnt für einen namenlos bleibenden Mann in der südostasiatischen Straße von Malakka ein zunehmend aussichtsloserer Überlebenskampf. – Nur einen Darsteller, das weite Meer und die Yacht, aber keinen Dialog und keine Psychologisierung gibt es in J.C. Chandors meisterhaftem Drama, das in seiner Reduktion einerseits hochspannendes physisches Kino bietet, andererseits auch als große Metapher auf das menschliche Leben an sich gelesen werden kann.


Ein Mann schreibt einen Abschiedsbrief. Noch sieht man nichts, hört nur seine Stimme. Mehrfach entschuldigt er sich, stellt fest, dass außer Körper und Seele nun alles verloren sei, bis mit einem Insert acht Tage zurückgeblendet wird.

Mächtig schiebt sich ein rostbrauner Schiffscontainer in der ersten Einstellung ins Bild und kracht gegen eine zwölf Meter lange Segelyacht. Ein Frachtschiff muss den mit Sneakers gefüllten Metallbehälter verloren haben. Nichts Weiteres erfährt man darüber, doch der Aufprall weckt den alten Segler (Robert Redford), der allein in der südostasiatischen Straße von Malakka unterwegs ist. Er begutachtet den Schaden, befreit mittels eines Ankers seine Yacht vom Container, macht sich dann daran das Leck mit Glasfasermatte und Polyesterharz notdürftig abzudichten.

Unaufgeregt agiert er, seine Handgriffe sind besonnen. Er ist sichtlich ein erfahrener Segler. Das eingedrungene Wasser pumpt er mit der Hand ab, trocknet die nassgewordenen Gegenstände und versucht einen Funkspruch abzusetzen, doch die Verbindung bricht sofort wieder ab. Außer diesem Notruf und den - nur einmaligen - verzweifelten Ausrufen «Gott» und «Scheiße» wird in den 105 Minuten kein Wort geredet werden.

Weil keine Hilfe herbeigeholt werden kann, versucht er eine der großen Schifffahrtsrouten zu erreichen, muss sich dabei aber nach den Sternen orientieren, da seine elektronischen Navigationssysteme durch den Wassereinbruch unbrauchbar wurden.
Bald zieht aber ein Sturm auf, in dem die Yacht weiteren Schaden erleidet, sodass der Mann zunächst vorübergehend, dann endgültig ins Rettungs-Schlauchboot wechseln muss. Immer aussichtsloser wird seine Lage, denn er kann sich nur noch auf dem Meer treiben lassen. Langsam gehen auch Nahrungsmittel und Trinkwasser zur Neige. Die Not macht ihn zwar erfinderisch, doch auf sich allein gestellt scheint ein Überleben unmöglich…

Nachdem J. C. Chandor mit «Margin Call» zwar spannend, aber auch dialoglastig vom Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 erzählte, legt er mit «All Is Lost» quasi ein Gegenstück vor, ein Film, der pures Kino bietet und praktisch ohne Dialoge auskommt. Nichts erfährt man über den von einem grandiosen Robert Redford mehr gelebten als gespielten Segler. Die Besonnenheit wird er bis zum Ende nicht ablegen, wird nicht aufgeben, obwohl seine Lage immer verzweifelter wird. Zunehmend gezeichnet ist er von seinem Überlebenskampf, zieht sich beim Sturm in der Kabine eine Kopfverletzung zu, wirkt später ausgetrocknet vom Durst.

Immer auf Augenhöhe und hautnah an diesem Mann ist die Kamera zunächst, bietet nicht in Totalen einen Überblick, sondern versetzt den Zuschauer quasi in die Lage des Seglers. Keine Erklärungen gibt es hier, sondern Chandor beschränkt sich ganz auf die akribische Beschreibung der Handlungen des Mannes.

Erst später, wenn die Lage zunehmend hoffnungsloser wird, vermitteln wiederholt Totalen von oben oder Unterwasseraufnahmen die Verlorenheit des kleinen Bootes auf dem endlosen Ozean. Kein Spektakel bietet Chandor und er braucht auch kein 3 D, sondern vertraut ganz auf die fast schon quasidokumentarische Schilderung dieses Überlebenskampfes.

In dieser Reduktion entwickelt dieses Drama existentielle Wucht, denn da es nur diesen einen Mann gibt, kann man in ihm den Menschen an sich und in seinem Überlebenskampf eine Metapher für das Leben sehen, das immer auch ein Weg in Richtung Sterben ist.

Als Parallelfilm zu Alfonso Cuarons Weltraumdrama «Gravity» präsentiert sich «All Is Lost» in dieser Schilderung der Ausgesetztheit des Menschen, seiner Verlorenheit und des nackten Überlebenskampfes, geht aber in der Reduktion noch viel weiter.

Auch auf aufdonnernde Musik verzichtet Chandor weitgehend, setzt sie nur reduziert zur Akzentuierung einzelner Momente ein. Als virtuos muss man es bezeichnen, wie der 40-jähriege Amerikaner es versteht, mit diesen selbst auferlegten Beschränkungen Hochspannung zu erzeugen, wie es ihm gelingt in seinem Kammerspiel auf offener See den Zuschauer, um einen Menschen bangen zu lassen, über den man absolut nichts erfährt, der aber im Laufe des Films einem zum Freund, wenn nicht zu einem Alter ego wird.

Kritisieren kann man an diesem in seinem Minimalismus kaum zu übertreffenden Meisterwerk nur das Ende, das man zwar einerseits als geschickt bezeichnen kann, weil es keine absolute Verzweiflung zurücklässt, dem man andererseits aber auch in seiner Doppeldeutigkeit und Offenheit einen unentschlossenen Kompromiss und fehlende Konsequenz vorwerfen kann.

Wird vom Filmforum Bregenz am Donnerstag, 10.4. um 20 Uhr und am Samstag, 12.4. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt

Trailer zu «All Is Lost»

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