Aufwachsen zwischen Liebe und Tod

28.12.2013

Cornelia Travnicek, Popstar der jungen österreichischen Literatur, hat einen bemerkenswerten Roman vorgelegt. «Chucks», benannt nach einem Paar roter Laufschuhe, spaziert anfangs recht lässig und selbstverständlich in einen Mix alltäglicher, doch auch tödlicher Situationen hinein. Und dann tut sich für die Ich-Erzählerin, die heranwachsende Mae, deren jüngerer Bruder an Leukämie stirbt und deren Vater, dank eines fremden Höschens im Koffer, von der Mutter rausgeworfen wird, ein Höllentor auf zur unendlichen Öde der Zweisamkeit mit der Tupperware-besessenen Mutter. Mae hasst deren aufgesetzte Zufriedenheit. Auf ihre scheinbar besorgte Frage «wirst du gemobbt?», antwortet sie: «Es ist nichts von den lustigen Dingen, die in deinem tollen Elternratgeber stehen.» Maes Kommentar: «Ich hatte keine Lust, etwas zu erfinden, das sie glaubte zu verstehen.»


Zum Glück wird Mae auf dem Wiener Karlsplatz von Tamara, einer Punkerin, angeschnorrt und, auf der Stelle, zu deren Freundin. Diese nimmt sie, unter missbilligenden Blicken der Mutter, schließlich nicht nur mit ins Bett, sondern zieht mit den Punks auch tagelang durch Wien. Bis sie, wegen Körperverletzung, eine Strafe im Wiener Aidshilfe Haus abarbeiten muss. Wo ihr, die mittlerweile mit dem nüchtern planenden Architekten Jakob lebt, Paul, ihre erste große Liebe, im Treppenhaus direkt vor die Füße fällt.

Natürlich kommt dieser Paul nicht zufällig ins Aidshilfe Haus. Parallel zur Liebe zu ihm keimt in Mae die Angst vor Ansteckung und vor dem Verfall des Geliebten. In winzigen Tupperware-Döschen bewahrt sie ein benütztes Kondom, Fingernägel und ein Haarbüschel von Paul ganz hinten im Gefrierschrank auf. Wie geht sie mit dem ausweglosen Schmerz um, den das Hinsiechen und Sterben des geliebten Menschen verursacht? Und wie erträgt sie nun die plötzlich unerträgliche Sicherheit an der Seite des penetrant gelassenen Architekten?

Nicht nur diese Fragen meistert die Autorin erzählerisch souverän. In erfrischend gestalteten und schichtspezifisch sehr authentisch wirkenden Dialogen, knappen, knackigen Beschreibungen von gleichwohl hoher poetischer Kraft, gibt sie zugleich ein ebenso realistisches wie karikierendes Bild der Umstände, in denen nicht nur junge Selbstsucher leben.
Christian Schreibmüller


Travnicek, Cornelia: Chucks. Roman.
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München, 2012

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  • Cornelia Travnicek 'Chucks'

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