Wandern in Verdun

18.12.2013

Der Krieg lässt Sven Daubenmerkl nicht los. Sein Roman Forscher Geist (2000) beleuchtet retrospektiv die Ereignisse rund um den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, seine Novelle Vom Kriege (2002) spielt vor dem Hintergrund der Märzrevolution in Wien von 1848. Nun legt der Autor mit Wandern in Verdun einen weiteren Prosaband zum Thema vor.


Der am Schnittpunkt von Reportage, Reisebericht und Historiografie angesiedelte Text widmet sich der Schlacht von Verdun 1916, die innerhalb der an Kriegen und militärischen Konfrontationen reichen Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Sonderstellung einnimmt. Innerhalb von 300 Tagen und Nächten wurden nämlich unter beispiellosem Einsatz von Material und Menschen geschätzte 300.000 Soldaten getötet beziehungsweise als vermisst gemeldet und weitere 400.000 verletzt – ein bis zu diesem Zeitpunkt einzigartiges Gemetzel.

Um diese für die deutsch-französischen Beziehungen traumatisierende Auseinandersetzung im wahrsten Sinne des Wortes zu «begreifen», besucht Daubenmerkl das auf einem Hochplateau außerhalb der Stadt Verdun gelegene Schlachtfeld, wandert über die noch heute sichtbaren Bombentrichter, erkundet Forts und militärische Stellungen und kommt mit Leuten vor Ort ins Gespräch. Von diesen will er erfahren, wie sie «mit der Geschichte leben». Mithilfe seiner Begleiterin, die als Fotografin und Dolmetscherin fungiert, holt er Informationen ein und montiert sie mit Exkursen in die Vergangenheit dieser Stadt am westlichen Rand von Lothringen.

Bereits 843 schrieb Verdun mit dem gleichnamigen Vertrag, der die Aufteilung des Frankenreichs festlegte, europäische Geschichte, wobei der geografische Ort erst durch la Grande Guerre von 1914 bis 1918 in das kollektive Gedächtnis aufgenommen und Teil eines touristisch ausgeschlachteten Erinnerungskultes wurde. Verdun mit seinem nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufgebauten Zentrum und seiner mächtigen Kathedrale und dem Bischofsitz, die das Städtchen dominieren, bezeichnet sich heute, gleichsam um den historischen Bruch mit 1916 zu markieren, etwas großspurig als Capitale Mondiale de la Paix, also «Welthauptstadt des Friedens», und verfügt demgemäß über ein so genanntes Centre Mondial de la Paix, wo auf jene, die nach der Besichtigung diverser Forts noch eine Dosis Grauen vertragen können, eine Ausstellung mit Fotografien aus den Schützengräben wartet.

Daubenmerkl recherchiert beflissen und versäumt während seines Aufenthalts keine Gelegenheit, sich das Unvorstellbare und deshalb Unsagbare dieser Schlacht von Verdun zu vergegenwärtigen. Den dokumentarischen Duktus hinter sich lassend, begibt sich der Autor daher verschiedentlich auf genuin fiktionales Terrain und sucht dabei dem inkommensurablen Schrecken von 1916 im Modus der Literatur Ausdruck zu verleihen. Gleichwohl haftet diesem gewiss lobenswerten Versuch, in der «Komfortzone» des Friedens – zumal als Nachgeborener – die Grenzerfahrung des Krieges zu beschwören, etwas Artifizielles an, das allein durch die Redlichkeit des Autors, der die Absurdität des Gemetzels von Verdun anhand von überprüfbaren Fakten entlarvt, aufgewogen wird. Dass militärische Lösungen zwischenstaatlicher Konflikte allemal der falsche Weg sind, unterstreicht Daubenmerkl, indem er ein Diktum zitiert, das einem französischen Soldaten zugeschrieben wird und in der deutschen Übersetzung lautet: «Nicht der Gegner ist der Feind, der Krieg ist der Feind.»

Trotz seines intensiven Interesses am Wesen und der Kausalität von Politik und Krieg verfällt Daubenmerkl nie in plakativen Pazifismus, sondern argumentiert besonnen und launig zugleich. Der Leser, so scheint es, soll sich anhand der historischen Sachlage ein Bild machen können und nicht der Übermacht der Rhetorik zum Opfer fallen. Dem Verfasser von Wandern in Verdun gelingt dieses literarische Unterfangen, ohne die grauenvollen Ereignisse im Nachhinein didaktisierend aufzuladen. Auf diese Weise bleibt Platz für den einen oder anderen erheiternden Rekurs ins Biografische.

Exemplarisch sei hier jene Anekdote genannt, die von einer Interrail-Reise gemeinsam mit einem Klassenkameraden berichtet. Der Auskunft einer jungen Frau folgend, verlässt das unbedarfte Duo auf dem Verduner Bahnhof den Zug und macht sich auf zu einem vermeintlichen Campingplatz, der sich im Nachhinein als Zigeunerlager entpuppt. Als Daubenmerkl Jahrzehnte später im Zuge seiner Nachforschungen der Stadt wieder einen Besuch abstattet, erinnert er sich an jenen Abstecher auf das Gelände der gens du voyage, des «fahrenden Volkes», wie sie heute euphemistisch genannt werden.

Der Krieg muss also keine todernste Angelegenheit sein, auch wenn man ihn todernst nimmt, das lässt sich nach der Lektüre von Wandern in Verdun auf jeden Fall festhalten, weshalb sich dieser Band auch an jene wendet, die diesem literarischen Thema bisher wenig Beachtung geschenkt haben.
Walter Wagner


Sven Daubenmerkl: Wandern in Verdun. Prosa
Gosau, Salzburg und Wien: Arovell Verlag 2013

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