Rätselhaftes Land unter der Lupe

14.12.2013

Albanien im April 1924. Zwei Amerikaner werden aus dem Hinterhalt erschossen, als sie über die Droja-Brücke im gebirgigen Norden des Landes fahren. Der Mord auf der Straße des Nordens lebt bis heute im historischen Gedächtnis der Albaner fort. Er war der Funke, der das Pulverfass der innenpolitischen Spannungen zum Explodieren brachte.


Danach eskalieren die Animositäten zwischen den politischen Führern – Großgrundbesitzern, Clanchefs und Kirchenoberhäuptern, die Blutrache setzt sich wieder gegen Recht und Ordnung durch, verfeindete politische Lager errichten Barrikaden und holen ihre Waffen aus den Verstecken. Die parlamentarische Demokratie, erst vier Jahre alt, bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Das rückständige Land droht in einen Bürgerkrieg zu schlittern.

Anila Wilms hat diese dramatische Episode aus der Geschichte ihres Heimatlandes in ihrem literarischen Debüt «Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens» verarbeitet. Mithilfe der kräftig gezeichneten Figuren ihres Dokukrimis lässt sie alle Register des eurasisch geprägten Balkanlandes spielen. Das Buch wurde mit dem Adalbert-Chamisso-Förderpreis 2013 ausgezeichnet.

Alle redeten von dem Mord auf der Straße des Nordens, doch die Wenigsten wüssten, was eigentlich damals genau passiert sei, fand die Historikerin und begann, Material für eine Doktorarbeit zu sammeln. Damals, Mitte der neunziger Jahre, war sie zu einem Studienaufenthalt in Berlin. Später wurde aus der geplanten Dissertation eine literarische Prosa. «Ich wollte aus dem Material lieber ein universelleres Werk schaffen, in dem auch Menschen eine Rolle spielen können. Als Akademiker wird man an einer sehr kurzen Leine geführt. Emotionen und Subjektivität dürfen keine Rolle spielen», erklärte sie dazu in einem Interview für Die Zeit Online.

Anila Wilms schrieb den Roman zuerst auf Albanisch und dann auf Deutsch. Die albanische Version ist angriffslustiger, die Autorin fordert ihre Landsleute heraus, sich der eigenen Geschichte rückhaltlos zu stellen. Die deutsche Version ist dagegen in eine feinsinnige, wohlwollende Ironie getaucht, die um Verständnis für die Albaner und ihre Kultur wirbt.

Das erste Kapitel beginnt mit einem Blick auf die Straße des Nordens, die von Tirana ins nördliche Bergland führt. Die Österreicher hatten sie während des Ersten Weltkriegs für militärische Transporte erbaut. Damals war Albanien ein Spielball der Großmächte gewesen. 1920 rief die politische Repräsentation des Landes, das bis 1912 eine Provinz des Osmanischen Reich gewesen war, eine demokratische Republik aus. Der Marktflecken Tirana löst nach einem knappen halben Jahrtausend Istanbul in der Rolle der Hauptstadt ab. Doch die neue Staatsmacht bleibt unter Legitimationsdruck. Griechenland, Serbien und Italien erheben Machtansprüche, über die Staatsgrenzen wird gestritten. Und dann ist da noch das rebellische Bergland, das große Teile der Landesfläche einnimmt. Die urwüchsigen Bergstämme verweigern Tirana die Loyalität. Sie erkennen nur das althergebrachte Gewohnheitsrecht des Kanun an, dessen tragende Säulen die Blutrache und das sakrosankte Gastrecht sind. Anführer der Clans tauchen als Freischärler unter.

Die Regierung hält allerdings einen Trumpf in der Hand, der den peripheren Küstenstaat auf das Schachbrett der Weltpolitik katapultiert. Geologische Untersuchungen lassen vermuten, dass in Albanien beträchtliche Ölvorkommen liegen. Britische Diplomaten ziehen längst die Strippen, die Holländer mischen mit und 1923 eröffnen auch die USA in Tirana eine Gesandtschaft. Der Gesandte Julius Grant, dessen Berufsethos unter dem Einfluss der kruden Landessitten allmählich zu bröckeln beginnt, ist eine der einprägsamsten Figuren des Dokukrimis. Gerüstet mit Neugier, Tatendrang und Lehren aus Handbüchern für Diplomaten, die den Balkan als eine «eigentümliche Mischung aus Heimtücke und Verschlagenheit mit Ehrgefühl und Edelmut» beschreiben, schlägt er sich durchs Gestrüpp der levantinischen Intrige, um der Standard Oil Company den Weg zu den albanischen Ölquellen zu ebnen.

Die Romanfigur Julius Grant ist aber nur eines der Prismen, in denen die Autorin die historischen Ereignisse spiegelt. Grant wird durch Rückblenden, innere Monologe, Berichte an das Außenministerium und lebendige Dialogszenen stilistisch effektvoll charakterisiert. Nicht minder plastische Figuren sind Grants albanische Gegenspieler. Premierminister Fuad Herri ist der mächtigste Mann im Lande, ein streitbarer, machtbesessener Emporkömmling aus den Bergen, der von Großgrundbesitzern und Clanführern gestützt wird. Sein Kontrahent, Bischof Dorotheus, der Gründer der albanisch-orthodoxen Kirche, hat lange in Boston gelebt und schart nach der Rückkehr aus der Emigration die liberalen und modernistischen Kräfte um sich, die sich aus der Jugend und der städtischen Bildungsschicht rekrutieren. Der muslimische Außenminister Adnan Bey Gorica, der altem albanischen Landadel entstammt, der scharfzüngige Spötter Keno Efendi, der die Debatten an den Kaffeehaustischen beherrscht, und der junge Kriegsflüchtling Nino Komneni, der mit vagen Idealen in die Heimat zurückkehrt, bilden weitere Brennpunkte von Anila Wilms´ multiperspektivischer Darstellung der altalbanischen Männergesellschaft, in der Frauen im öffentlichen Leben nicht vorkommen.

Das landestypische Flair vermitteln knappe, doch prägnante Skizzen von Schauplätzen und Szenen. So heißt es über die Ausrufung der Republik 1920: «Das Parlamentsgebäude war damals wie eine junge Braut herausgeputzt worden: die Wände mit weißem Kalk getüncht und das Dach mit Blumen geschmückt. […] So viele hohe Herren in traditioneller Tracht, so viele Pferde und Kutschen auf einmal hatte Tirana noch nie gesehen. Die Herren defilierten am Volk vorbei und winkten huldvoll mit ihren Hüten, ehe sie einer nach dem andern unter Beifall und begleitet von den Klängen der Pauken und Dudelsackpfeifen das Parlament betraten.»

Die Hauptstadt wird lakonisch als «der bescheidene Marktflecken, wo man früher Honig und Ziegenkäse verkaufte» etikettiert. Und in der blumigen Rede des Abgeordneten Dule Bey Maliqui, der das aufgebrachte Volk nach dem Mord vor der amerikanischen Gesandtschaft beschwichtigt, teilt sich dem Leser die volkstümliche, dem Mythischen verhaftet Mentalität der Albaner unmittelbar mit: «Volk der Hauptstadt! Zwei junge Menschen, rein wie der Sommertau, kamen zu uns, um unser schönes Albanien zu bewundern und mit ihrem Lächeln, einer Frühlingsblüte gleich, sein verweintes Antlitz zu erheitern. Aber eine verbrecherische Hand entriss ihnen ihr blutjunges Leben, so wie eine zarte Blume, geschnitten von einer Sichel.»

Die Faszination des Exotischen und Archaischen, die solche Formulierungen überglänzt, verbindet sich im Stil der Autorin mit einer Fülle griffiger deutscher Idiome, was umso erstaunlicher ist, als Anila Wilms in ihrer Zweitsprache schreibt. Eingenommen vom Charme ihres Tonfalls nimmt man denn auch manche steife Partizipialkonstruktion, die dem Albanischen verpflichtet ist, oder gelegentliche schwerfällige Wendungen in Kauf. Als ihren literarischen Lehrer nennt Anila Wilms den zeitgenössischen albanischen Schriftsteller Ismail Kadare.

Nach langwierigen Ermittlungen ist schließlich gewiss, dass die beiden Amerikaner ahnungslose Touristen waren, die einem Raubmord von Freischärlern zum Opfer fielen. Die Tat hängt nicht unmittelbar mit den umkämpften Ölressourcen zusammen. Die Hinrichtung dreier unschuldiger Hirten erweist sich als fataler Justizirrtum. Wer die Drahtzieher des Raubüberfalls waren, bleibt weiterhin im Dunkeln. Was das Kryptische und Unberechenbare der albanischen Verhältnisse, für das der Leser dank Anila Wilms´ Dokukrimi ein Gefühl bekommt, besiegelt.


Anila Wilms: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens. Roman.
Transit Verlag 2012. 170 Seiten.
ISBN 978 3 88747 279 5

Maria Hammerich-Maier

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