Bei uns verblieben – Geschichten tschechischer Deutscher

31.12.2013

Für eine Geschichtsaufarbeitung, die frei von Komplexen ist, setzt sich die gemeinnützige Organisation Antikomplex schon seit Mitte der neunziger Jahre ein. Nichts soll ausgeklammert werden beim Blick zurück, insbesondere nicht der Anteil der Österreicher und Deutschen an der Geschichte des heutigen Tschechiens. Ein Land sei nur dann wirklich frei, wenn es sich seiner Vergangenheit vorbehaltlos stelle. Nur dann sei es auch vor Manipulationen mit der Geschichte geschützt.


Um klischeehafte Geschichtsbilder und stereotype Verhaltensweisen zu überwinden, hat Antikomplex eine Reihe von Projekten ins Leben gerufen, von denen manche schon viele Jahre lang fortgeführt werden. Bei Radtouren in den Grenzgebieten, die jeden Sommer stattfinden, macht sich der Leiter von Antikomplex, der gebürtige Reichenberger Ondřej Matějka, zusammen mit jungen Tschechen und Gästen aus anderen Ländern auf die Suche nach Signalen und Botschaften, die in der Landschaft der grenznahen Gebiete zu entdecken sind.

Steht ein architektonisch schön gestalteter historischer Wasserturm neben einer schäbigen Garagenzeile mit rostigen Wellblechdächern, so weist das zunächst auf mangelnde ästhetische Sensibilität, Blindheit für das Kulturerbe hin. Hier wird etwas verdrängt, ausgeblendet, nicht zur Kenntnis genommen. Ähnliche Signale senden zugewachsene Grundstücke mit verstreuten Grabsteinen, verödete Gutshöfe und Fabrikanlagen, billige Plattenbauten inmitten aussterbender Ortskerne oder verfallende kirchliche Bauten aus. Die Teilnehmer der Radtouren nehmen solche baulichen Relikte zum Anlass, um die verschüttete Vergangenheit des Ortes zu erkunden und sich mit den Ursachen für die Gleichgültigkeit zu befassen, die dazu geführt hat, dass dieses Kulturerbe nicht gepflegt wird.

Ein nächster Schritt ist, die heutigen Bewohner der Grenzgebiete zur aktiven Mitgestaltung ihres Lebensraumes anzuregen. Zu diesem Zweck hält Antikomplex Seminare über Freiwilligendienste oder ehrenamtliches Engagement in den Kommunen ab. Für Schulen hat die gemeinnützige Bürgervereinigung Unterrichtsmethoden entwickelt, mit denen Geschichte als lebendiger Teil der Gegenwart vermittelt wird. Aktuelle Fragen werden auf ihre Vorgeschichte hin geprüft, die Schüler werden dadurch zu einem aktiven Teil des historischen Zusammenhangs und lernen, dass sie auf die Zukunft Einfluss nehmen können.

Am meisten Interesse hat bisher das Projekt «Das verschwundene Sudetenland» hervorgerufen. Die Wanderausstellung, die den Wandel von Orten der tschechischen Grenzgebiete seit dem Zweiten Weltkrieg zeigt und auf die kulturellen Verluste durch die Vertreibung der ursprünglichen, deutschsprachigen Bevölkerung hinweist, ist seit 2002 an zahlreichen Orten gezeigt worden, die Buchpublikation zu der Ausstellung bezeichnet Antikomplex auf seiner Homepage als den «Bestseller» unter seinen bisherigen Veröffentlichungen.

Nun hat Antikomplex aber ein neues Buch vorgelegt, das dem Vorgänger diesen Rang streitig machen könnte. Die zweisprachige Publikation «Zůstali u nás - Bei uns verblieben» wurde gemeinsam mit der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, der offiziellen Vertretung der deutschen Minderheit Tschechiens, herausgegeben. Es befasst sich mit einem wenig beachteten Thema: der Geschichte der Einwohner deutscher Nationalität, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei geblieben sind.

Auf die Flucht und wilde Vertreibung war 1946 die organisierte Zwangsaussiedlung gefolgt. Doch auch danach lebten noch rund 200 000 Deutsche in der Tschechoslowakei. Die größte Gruppe bildeten Personen, für die der Staat das Zeitfenster verpasst hatte, in dem noch Landsleute aus dem Osten in den deutschen Besatzungszonen aufgenommen wurden. Zum Bleiben gezwungen wurden des Weiteren zehntausende Fachkräfte, die gebraucht wurden, um den Gang der Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Angehörige gemischter Familien und Personen, die aktiv gegen den Nationalsozialismus gekämpft oder unter dem faschistischen Terror gelitten hatten, durften wiederum bleiben. Sie waren allerdings mit etwa 5000 Personen nur eine kleine Gruppe.

Das Buch «Bei uns verblieben» enthält vierzehn Lebensgeschichten, die mit Hilfe der Technik des halb strukturierten Interviews aufgezeichnet wurden. Die Lebensgeschichten repräsentieren die ältere, mittlere und jüngere Generation der deutschen Volksgruppe. Diese Einteilung ermöglicht es, den Wandel der deutschen Minderheit zu verfolgen. Die ältere Generation musste mit der staatlich organisierten Diskriminierung der ersten Nachkriegsjahre zurechtkommen, in denen die deutschen Einwohner rechtlose Parias waren. Doch auch in den folgenden Jahrzehnten hielt die soziale Diskriminierung an, berufliche Nachteile, Schikanen im öffentlichen Bereich und private Gehässigkeiten waren an der Tagesordnung. In den meisten Familien sprach man deshalb nur noch zu Hause Deutsch. Wie und in welchem Maße unter diesen Umständen die ethnische Identität an die Kinder weitergegeben wurde, darüber berichten die Vertreter der mittleren Generation. Und die jüngere Generation steht heute vielfach vor der Herausforderung, erst wieder einen Zugang zur ethnischen Identität ihrer Eltern und Großeltern finden zu müssen.

Außer den drei Generationen kommen auch Rückkehrer zu Wort, die nach 1989 wieder in die alte Heimat ihrer Vorfahren zogen. Die meisten dieser Rückkehrer hatten nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Zeitlang in der Tschechoslowakei gelebt und waren erst in den sechziger Jahren oder später im Zuge der Familienzusammenführung oder aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert. Sie verfügen daher über tschechische Sprachkenntnisse.

Die Lebensgeschichten stellen eindrucksvolle Zeitzeugnisse dar, sie bringen menschliche Erfahrungen der Betroffenen und zahlreiche Einzelheiten aus dem Alltagsleben ans Tageslicht, von denen herkömmliche Geschichtsquellen kaum berichten.

Einführende Studien ergänzen die Lebensgeschichten. Die Studie des Historikers Matěj Spurný über «Deutsche in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit» gibt einen kurzen Abriss der politischen Rolle verschiedener Konzepte von Nationalität ab 1848 und befasst sich dann eingehend mit der Ethnisierung der Bürgerrechte im Zuge der «ethnischen Säuberung Böhmens und Mährens» nach Kriegsende. Bis auf wenige Ausnahmen wurden die in der Tschechoslowakei verbliebenen deutschsprachigen Einwohner enteignet, zudem hatten sie durch Flucht und Vertreibung ihr soziales und kulturelles Umfeld eingebüßt. 1947 und 1948 wurden an die 40 000 Deutsche aus den Grenzgebieten ins Binnenland umgesiedelt und verloren ihren Wohnsitz und Arbeitsplatz. Diese Politik der «Umsiedlung und Zerstreuung» zielte darauf ab, die sozialen Spannungen mit der tschechischen Mehrheitsgesellschaft zu entschärfen und eine Selbstorganisation der deutschen Bevölkerung zu verhindern.

1945 war den Deutschen die Staatsbürgerschaft aberkannt worden, sie konnten weder studieren noch heiraten, hatten keinen Anspruch auf eine Wohnung und mussten die untergeordneten Tätigkeiten ausüben, die man ihnen zuwies. Erst in den fünfziger Jahren wurden sie eingebürgert und den Tschechen allmählich rechtlich gleichgestellt. Doch sie blieben weiterhin beruflich und sozial diskriminiert, lebten in schlechten Wohnverhältnissen, kulturelle Aktivitäten wurden untersagt oder, wenn sie stattfinden konnten, argwöhnisch beobachtet und mit Ablehnung bedacht. Die Beziehungen zu Arbeitskollegen, Schulkameraden und Nachbarn blieben bis weit in die sechziger Jahre angespannt. Die lokalen Behörden und Funktionäre vermieden es zwar, Unwillen durch offene Diskriminierung hervorzurufen, verhielten sich jedoch den Anliegen der deutschen Bürger gegenüber vielfach passiv und ignorant.

Diese reagierten auf ihre unbefriedigende Situation mit verschiedenen Strategien: durch Rückzug und Isolation, durch eine aktiv loyale Haltung zum tschechoslowakischen Staat und ab den späten fünfziger Jahren auch durch Auswanderung.

Durch die formelle Beendigung des Kriegszustands mit Deutschland im Jahr 1955 und die Anerkennung der Bundesrepublik als eines souveränen Staates wurde die Aufnahme von Auswanderern in der BRD erleichtert. Die tschechoslowakischen Behörden lockerten die Bedingungen für die Ausbürgerung. Bis zum Ende der sechziger Jahre verließen rund 50 000 Deutsche, also ein Drittel der deutschen Volksgruppe, die ČSSR.

Die Wende von den sechziger zu den siebziger Jahren brachte in der Geschichte der deutschen Minderheit einen Umbruch. Zum einen erhielt sie erstmals vergleichbare Gruppenrechte wie die übrigen Volksgruppen; 1968 begann sich der «Kulturverband» der Bürger deutscher Nationalität zu formieren, dessen Aktivitäten wesentlich dazu beitrugen, die Identität der deutschen Volksgruppe zu erhalten. Anderseits kam es zu einem Generationswechsel. Die Angehörigen der Generationen, die in den siebziger und achtziger Jahren die Volljährigkeit erreichten, stammten oft aus gemischten Ehen, hatten tschechische Schulen besucht, waren zweisprachig und schwankten zwischen einer deutschen und tschechischen Identität.

Der Beitrag «Veränderungen der deutschen Identität über die Generationen hinweg» von Sandra Kreisslová beleuchtet auf allgemeinerer Ebene, welchen Einfluss die Komponenten der sprachlichen, kulturellen, ethnischen, geographischen und staatlichen Zugehörigkeit auf die Identität von Personen und Gruppen haben und welchen Veränderungen diese im Laufe der Geschichte unterworfen war. Der Aufsatz des Linguisten Oliver Engelhardt schließlich befasst sich mit dem Deutschen im heutigen Tschechien.

Die deutsche Minderheit ist heute eine von zwölf offiziell anerkannten Volksgruppen Tschechiens. Bei der Volkszählung 1991 bekannten sich 47 789 Personen zur deutschen Nationalität, 2001 waren es 39 106 Personen und 2011 nur noch 18 656 Personen. Noch drastischer ist die Zahl der Personen gesunken, die Deutsch als Muttersprache angeben. Immer mehr Nachkommen aus deutschen oder ethnisch gemischten Familien sind vollständig assimiliert. Sie wachsen als tschechische Bürger mit tschechischer Muttersprache auf und fühlen sich auch als Tschechen. In dem Maße, wie das Vertrauen in die persönliche Freiheit steigt, besinnen sich anderseits immer mehr Tschechen auf die österreichischen oder deutschen Wurzeln ihrer Vorfahren. Gerade dieser Personenkreis ist heute oft die treibende Kraft bei der Wiederentdeckung des österreichischen und deutschen Kulturerbes in Tschechien und stellt ein wichtiges Bindeglied bei der Anknüpfung und Pflege von Kontakten zu den deutschsprachigen Ländern dar.

Gemeinsam ist allen Erzählerinnen und Erzählern der Lebensgeschichten des Buches «Zůstali tu s námi - Bei uns verblieben», dass sie ihre Identität nicht als etwas durch die Geburt Vorgegebenes und Fertiges, sondern als Ergebnis einer sehr persönlichen Entwicklung betrachten. Persönliche Wahrnehmungsweisen, konkrete Lebensumstände und biographische Beweggründe führen dazu, dass Personen, die in einer ähnlichen Situation geboren sind, ein unterschiedliches Selbstverständnis entwickeln.

Nicht pauschale Zuordnungen und die vereinfachende Reduktion auf bestimmte Gruppenmerkmale, sondern ein offenes und forschendes Herangehen an das individuelle Selbstverständnis ist daher geboten, um die Identität von Menschen angemessen zu erfassen und einen respektvollen Umgang miteinander zu ermöglichen. Diese These, die die Autoren des Buches «Zůstali tu s námi – Bei uns verblieben» am Beispiel der deutschen Volksgruppe Tschechiens darlegen, lässt sich auch auf andere ethnische Gruppen in Tschechien und den übrigen EU-Ländern übertragen – seien es die alt eingesessenen Volksgruppen oder die neuen Minderheiten, die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaften oder die rasch zunehmende Schicht der mobilen EU-Bürger mit multiplen Identitäten.


Zůstali tu s námi – Bei uns verblieben.
Hrsg. von Antikomplex, Landesversammlung der Deutschen
in Böhmen, Mähren und Schlesien. Praha 2013, 530 S.
ISBN 978-80-904421-7-7

Maria Hammerich-Maier

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