Es war einmal oder nicht

… ist ein Buch über «afghanische Kinder und ihre Welt» so wie «Das Gute an der Mafia ist, dass sie sich gegenseitig umlegen» ein Buch über neapolitanische Kinder und ihre Welt ist. Hier treffen sie sich.


1. Die Story: Die Geschichte der afghanischen Kinder ist eine traurige Geschichte. «Hier ist ein Land», schreibt Willemsen, «das nach drei Jahrzehnten Krieg die Frage beantworten muss, was man mit dem Frieden anfangen soll ... In Afghanistan lässt sich in dieser Zeit auf eine bedrückende, traurig repräsentative Weise studieren, wie sich eine Kultur herausbildet, formt und organisiert, nachdem sie im materiellen Sinn großräumig zerstört wurde.» Dorthin lenkt Willemsen unseren Blick so wie Marcello d‘Orta und Luigi Merola ihn auf die Problemviertel Neapels lenken. «Eine Hirte», so liest man beim «Anti-Camorra-Priester» Merola, «muss den strengen Geruch der Schafe atmen», er muss sich «die Hände schmutzig machen», denn «was nützen einem saubere Hände, wenn man sie in die Taschen steckt?»

2. Die Helden: Für alle drei sind die Kinder und Jugendlichen die Helden der Zukunft, sie «träumen von einem Neapel, das zu neuem Glanz findet», wünschen sich ein Afghanistan, das «frei und unabhängig ist und nicht mehr von fremden Mächten besetzt.» Ihnen will Merola eine Stimme geben. Sie brauchen eine geregelt Schul- und Freizeit.

3. Der Sound: «So schlicht, naiv oder rührselig für abgebrühte Ohren solche Zeilen auch klingen mögen, hier malen und zeichnen Kinder, die zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens das erlebt haben, was den Namen »Frieden« verdient.»

4. Coole Worte: Freizeit («Schön wär’s, wenn ich mal Freizeit hätte! Neben meiner Arbeit in der Werkstatt, neben Schule, Hort und Besorgungen für meine Mama habe ich keine Zeit, auch nur für eine Sekunde in den Erdboden zu versinken!») und Spiel («Als ich auf dem Lande Kinder nach ihrer Freizeitbeschäftigung fragte, wussten sie manchmal nicht genau, was das sein sollte, und nannten das »Tierehüten« oder das »Nähen« als ihr Spiel. Es hatte sich im Bewusstsein dieser Kinder nicht als etwas Selbstverständliches durchgesetzt, dass man seine Lebensfreude im scheinbar Sinnlosen entfalten kann.»)

5. Coole Bilder: «Es wäre einfach zu sagen, dass diese Zeichnungen traumatische Schocks bearbeiten. Es gibt in Afghanistan kaum irgendwo eine Diagnosestelle und fast keine therapeutischen Initiativen für vermeintliche Luxus-Erkrankungen wie die Belastung durch ein Trauma. Aber das ändert nichts daran, dass man Kindern begegnet und zusieht, wie sie allenfalls in die Obhut des Schamgefühls genommen werden», erläutert Willemsen.

6. Zum Nachdenken: «Damit die Probleme von Neapel verschwinden, müssten die Neapolitaner werden wie mein Onkel: Der ist aus Salerno.»

7. Die Autoren: «Engagiert Euch!» hat vor kurzem Stéphane Hessel gefordert. Hier sind Autoren, die sich engagieren – und wir brauchen sie. Den ersten Aufsatzband von D’Orta / Merola, «Io speriamo che me la cavo» («In Afrika ist immer August»), hat übrigens die große Lina Wertmüller verfilmt.

8. Die Bücher: Roger Willemsen: Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und ihre Welt. Frankfurt/M.: Fischer 2013, 256 Seiten, EUR 20,60; Das Gute an der Mafia ist, dass sie sich gegenseitig umlegen. Aufsätze neapolitanischer Kinder über die Camorra. Aus dem Italienischen von Sophia Marzolff, herausgegeben von Marcello D'Orta, Don Luigi Merola. Zürich: Diogenes 2013, 128 Seiten, EUR 15,40


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