Der große Bruch

07.12.2013 Haimo L. Handl

Felix Philipp Ingolds Buch über Russland im Epochenjahr 1913

Pünktlich im Epochenjahr 2013* legt der 1942 in Basel geborene Slawist, Schriftsteller und Übersetzer Felix Philipp Ingold sein epochales Werk „Der große Bruch“ über „Russland im Epochenjahr 1913“, das bereits im Jahr 2000 erschienen war, in einer erweiterten Auflage wieder vor. Im Format 170 x 240 mm umfasst sein Werk 645 Seiten, wovon 20 dem Vorwort zur Neuauflage gewidmet sind, 7 der Einführung, 220 Seiten dem „eigenen“ Werk, seinem Essay, über die Hälfte den Dokumenten und dem Anhang.


Schon vor 13 Jahren waren den vielen Rezensenten besonders der Umfang und die Unmenge an Textstellen, die der Slawist erstmals ins Deutsche übersetzt hatte, hohes Lob wert; vor allem sein Fleiß wurde hervorgehoben. Es war, als ob die Materialfülle das Fassungsvermögen sprengte bzw. den genauen Blick etwas verschwimmen ließ, denn die kritischen Würdigungen unterblieben in den meisten Fällen.

Das Buch ist wirklich eine Fleißaufgabe. Und die vielen Textstellen sind beeindruckend. Das Ganze ist eine Fundgrube. Aber der Slawist Ingold hat sich als Kompilateur betätigt, als Buchhalter der Historie und nicht als Historiker. Er vermeidet jede Deutung und Interpretation, sieht seine Aufgabe im Vermitteln der Daten, wozu er auch brav X Verweise liefert, nicht jedoch in einer Zusammenschau, wie man sie zu Recht von einem Historiker erwartet. Das Buch hat also seine Stärken, aber auch seine Schwächen, und die geraten schlussendlich zu einer Enttäuschung.

Das fällt demjenigen stärker auf, der sehr wohl Deutungen und Beurteilungen eminenter Historiker unserer Zeit kennt, z. B. des kürzlich verstorbenen Eric Hobsbawm oder des in England lehrenden Historikers Christopher Clark, der 2012 sein epochales Werk „The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914“ publizierte, das jetzt in deutscher Version vorliegt. Jener vermag es, dem Leser seine Deutung zu unterbreiten, die allerdings durch Belege unterstützt und plausibel ist. Wäre er vorgegangen wie Ingold, würden wir auf den 700 Seiten seines Werks auch nur die Datenmaterialfülle loben können. Aber Clark ist Historiker von Format und schreibt kritisch, das heißt, er bezieht Position und deutet Fakten und Tatbestände oft neu. Das macht seine herausragende Leistung aus. Ganz anders Felix Philipp Ingold.

Wenn man sich von der Datenmenge nicht täuschen oder oberflächlich beeindrucken lässt, wenn man sich besonders auf den Essay richtet, vermisst man den Durchblick, das eigene Urteil des Autors.

Wesentliche Fragen seiner Prämissen, werden nicht reflektiert (der Epochenbegriff wird unzureichend abgehandelt, der Avantgardebegriff nicht wirklich erörtert, mögliche Kausalverhältnisse nicht hinterfragt, Kulturäußerungen trotzdem verallgemeinernd als Ausdruck des Epochenjahres genommen usw.), meist ersetzen die vielen Zitate und Verweise eigene Schlussfolgerungen. Man darf nicht ungerecht sein, der Autor hält explizit fest, dass er nur ein Sammler ist, der seine Fundstücke ausbreitet:

„Im folgenden wird der erstmalige Versuch unternommen, das Jahr 1913 als Schlüsseljahr der russischen Moderne diskursiv und dokumentarisch zu vergegenwärtigen. Die Bereiche Politik und Ökonomie, Technik und Bildung, Gesellschaft und Alltagswelt bilden, knapp skizziert, den zeitgeschichtlichen Raster für eine detaillierte Präsentation der künstlerischen Kultur Russlands. Darstellung und Analyse sollen weitgehend wertungsfrei erfolgen; auf Theoriebildung wird ebenso verzichtet wie auf die kritische Aufarbeitung einschlägiger Forschungsliteratur – angestrebt wird vielmehr, mit ständigem Rekurs auf Quellentexte und Zeitdokumente unterschiedlichster Art, eine repräsentative Bestandsaufnahme, die außer den inzwischen als ‚klassisch’ rubrizierten Autoren und Werken manches von dem berücksichtigt, was heute mit Recht völlig vergessen ist, damals jedoch eine seine aktuelle, womöglich weit überschätzte und in der Folge nur noch ephemere Bedeutung hatte.“

Der Autor kehrt also heraus, dass er keine kritische Aufarbeitung leisten wolle, sondern eine „repräsentative Bestandsaufnahme“. Er führt weiter aus: „Das vorliegende Werk ist in der Art eines zeitgeschichtlichen Panoramas aufgebaut und setzt sich, nicht nur den Überblick über das Berichtsjahr, sondern auch zahlreicher Einzelansichten erschließend, aus unterschiedlichen Textteilen und Textsorten zusammen.“ Das klingt wie nach einem Katalog einer riesigen Ausstellung, nicht aber nach einer eigenständigen Studie. Es entspricht damit der gängigen Unverbindlichkeit; darum wohl reicht wohl schon der Fleiß – nach dem „Wofür“ wird meist nicht mehr gefragt. Die Fülle ist wie ein Steinbruch, der nur eine Fundgrube für Experten ist, die die Datensätze selbst in ein deutbares Gefüge einzubringen vermögen.

Auch ein Bestandssammler wählt aus, und nicht zuletzt seine Selektionen folgen gewissen Wertungen. Es ist sicher kein Zufall, dass er Hermann Broch und Robert Musil erwähnt, nicht aber Karl Kraus, und besonders befremdlich fällt das Fehlen von Leo Trozkij auf (in zwei Fußnoten wird sein Name genannt!), der ja nicht nur Revolutionär, Armeeführer und wichtigster Stratege war, sondern auch einer der Spitzenintellektuellen, der sich auch zu Fragen der Kultur und Bildung äußerte, wie man, nicht zuletzt, in seinem Buch „Literatur und Revolution“ (1924) nachlesen kann, das viele bereits früher veröffentlichte, verstreute Beiträge enthält.

Hat man seinen Blick nicht ideologisch eingeengt, findet man bei Trotzkij eine erfrischend plausible Kritik der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intelligenz und Künstler, wie sie ein Buchhalter oder Sammler sich nie trauen würde zu äußern. Trotzkijs Bewertungen wären eine interessante Konterkarierung der vielen zitierten Kulturausweise, die Ingold als Beleg der russischen Moderne nimmt. Sie brächten die unbedingt zu beachtende politische Dimension ins Blickfeld, die bei der Fokussierung auf die Kunst verlorengegangen zu sein scheint.

Der gesellschaftliche Rahmen, die profanen Daten der Beschaffenheit des Landes nicht nur in der kulturellen Infrastruktur eines kleinen, abgehobenen Kreises, sondern der Bauern, die den Hauptteil der Bevölkerung ausmachten, sowie der eigentlichen Infrastruktur (Industrie, Handel, Verkehr, Verlage, Medien, Bildung, Schulwesen, Alphabetisierungsrate, Lebensbedingungen der Klassen und Schichten usw.) wird leider nicht geboten, dafür tausenderlei Verweise auf Bilder und Gedichte als herausragende Dokumente. Es werden „Spitzen“ und „Blüten“ gezeigt, aber nicht der Boden untersucht, seine Düngung, auf dem dies alles wächst. Diesen Boden, die „Kontextfaktoren“, behandelte Leo Trotzkij. Vielleicht wurde er, stellvertretend für andere profane Stimmen, deshalb nicht beachtet.

Wenn man als Leser nicht in der Lage ist sich zu vergegenwärtigen, wie hoch der Anteil der Lesekundigen war, wie viele Zugang zu Zeitungen hatten, wie die Zensur sich auswirkte, der vermag die „repräsentative Bestandsaufnahme“ nicht selber zu deuten, weil ihm das Rüstzeug fehlt, nämlich die nötigen Umfelddaten bzw. ihre Einschätzung. Wie stark war der Anteil der (urbanen) Intelligenz? Wie hoch war die Alphabetisierung? Was kosteten Zeitungen damals? Wie viele Bauern und Arbeiter konnten sich eine leisten, hätten sich eine leisten können, waren aber desinteressiert? Wie wurden die avantgardistischen Künstler in der Bevölkerung aufgenommen? Gelten die Millionen nichts gegen die wenigen in den Städten, die sich als Bauchnabel der Welt empfanden? Hier klingt vieles an, was den Kommunisten, die als Bolschewiki schließlich diese Bagage von Adeligen, Großgrundbesitzern, Beamten, Halbweltlern usw. wegschwemmten, zu Recht ein Problem war. All das liegt außerhalb des Bestandsaufnahmefokus. Schade.

Dass am Vorabend von Umbrüchen nicht nur Nihilismus herrschen muss, sondern kulturelle Hochblüte, ist aus dem Fin de Siècle bekannt; besonders die K. u. K. Monarchie Österreich-Ungarn liefert hier ein beredtes Beispiel. Nur dass dort und damals keine Revolution folgte, sondern lediglich ein Zusammenbruch mit seinen Verschiebungen. Dass in Russland, wo, gefolgt auf den Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) 1905 schon eine Revolution stattfand, die dann doch scheiterte, während des Ersten Weltkriegs, 1917 endlich die Oktoberrevolution siegte, war 1913 nicht prognostizierbar. 1913 war, wie in allen anderen Ländern auch, nur ein Jahr vor dem Krieg, dessen „Einbruch“ man vage annahm, vielleicht sogar ersehnte, nicht aber zu datieren vermochte. Also sind Kulturproduktivitäten, auch ex post facto, nicht so eindeutig als Indikatoren zu werten, auch wenn sich das verführerisch anbietet. Denn ähnliche Voraussetzungen gab es in anderen Staaten, doch mit anderen Resultaten. Und warum 1913, das Jahr vor dem Krieg, das nur danach als Vorjahr erkennbar wird, ein Epochenjahr gewesen sein soll, wird von Ingold nicht plausibel erklärt. Schließlich gehen die Kriegsbemühungen für den 1. Weltkrieg viel weiter zurück, schließlich „brach der Krieg“ nicht einfach aus, wie eine Seuche oder ein Virus, sondern war geplant, konstruiert, gemacht. Sätze wie „Schon Mitte 1914 wurde das Zarenreich in einen Krieg involviert, der rasch zum Weltkrieg wurde“, wie sie Ingold so simpel setzt, sind unhaltbar. Seine Sprache verrät ihn. Die falsche Passivform insinuiert ein notgedrungenes Reagieren. Aber Russland war sehr aktiv kriegstreibend, und es wurde nicht involviert.

Wegen des mangelnden politischen Blicks und des Fokussieren auf Kunst und Neuerungen bzw. des stolzen Anerkennens der zaristischen Erfolge Russlands im Epochenjahr, wird die soziale Relevanz völlig außer Acht gelassen. „Das Zahlenmaterial, das wir aus dem Jahr 1913 für Rußland zur Verfügung haben, spricht eine deutliche Sprache, es spricht durchweg für Fortschritt, Erfolg, Expansion, Gewinn. Auch wenn die Zahlen naturgemäß fast ausschließlich auf die Wirtschaftslage bezogen sind und nur deren quantitativen Status dokumentieren, lassen sie keinen Zweifel daran, daß das Land damals in seiner statistisch erfassbaren Gesamtheit weltweit einzigartig dastand – nirgendwo sonst gab es zwischen 1897 und 1913 so hohe Zuwachsraten in so vielen volkswirtschaftlichen Sektoren wie hier; nirgends war die Bevölkerungsentwicklung so vital; nirgends gab es – bei entsprechendem Nachholbedarf – so hohe Anstrengungen zur Renovation des Bildungswesens, zur Förderung und Implementierung neuer Technik, zur Diversifizierung und Popularisierung kultureller Aktivitäten.“ Das hohe Lied vom einzigartigen Erfolg wird durch die Realität, nachprüfbar, spürbar, Lügen gestraft. Von welcher Kultur spricht Ingold? Jener der Privilegierten? Der Arbeiter, die später als Proletarier den Umschwung mitmachten? Der Adeligen, des Zarenhofs? Und wie soll die Jubelmeldung gewertet werden: „Rußland ist es damit erstmals in seiner Geschichtsentwicklung gelungen, in allen Domänen der künstlerischen Kultur mit Westeuropa gleichzuziehen, in einigen Breichen sogar wegweisende Pionierarbeit zu leisten“? Aha, und was wurde für wen erreicht? Die große Masse jedenfalls hatte nichts von dieser einmaligen Spitzenleistung. Die von Ingold beschworene „künstlerische Kultur“ muss schon eine sehr marginale gewesen sein, sonst wäre sie nicht kurz nach dem Epochenjahr so jämmerlich zusammengebrochen.

Nach welchen Werten ist eine künstlerische Kultur „einzigartig“ oder „einmalig“? Wie unterscheidet er die künstlerische von der anderen Kultur? Engt hier die Ausrichtung auf einen Aspekt der Kunst nicht das Gesichtsfeld der komplexen kulturellen Produktivität ein? Unterliegt Ingold nicht einem Trugbild? Die Krux ist seine ideologische Ausrichtung, seine von vornherein übernommene Kultursicht, die seine „repräsentative Bestandsaufnahme“ lenkt. Hätte er Georg Lukács gelesen und erinnert, oder Autoren der Frankfurter Schule, oder eben Leo Trotzkij, würde er nicht so losgelöst überbewerten, den Überbau als Grundfaktor für Veränderungen nehmen ...

Was für ein Erfolg soll es sein, künstlerisch mit Westeuropa gleichgezogen zu haben? Mit den italienischen Faschisten, den Franzosen oder Engländern, den Deutschen oder Spaniern? Westeuropa war weder homogen, noch politisch oder ökonomisch gleichwertig. Die Errungenschaften waren auf unterschiedlichen Niveaus. An welchen orientiert sich Ingold für seinen Vergleich? Könnte man nicht, umgekehrt, die Angleichung als Niederlage sehen, obwohl im Detail höchst erfolgreich, weil eben die Verankerung in der Gesellschaft fehlte, weil es nur viele Einzelne, kleine Gruppen waren, aber kein entsprechendes kulturelles Umfeld? Dieses wurde erst nach der Oktoberrevolution geschaffen (sein Misserfolg ist ein eigenes, anderes Problem). In dieser unbestreitbaren Vielfalt „an sich“ eine Qualität zu sehen, ist völlig unhaltbar, weil damit gesagt wird, dass künstlerische Qualität unabhängig der Gesellschaft, ihrer Beschaffenheit, ihres Wirkens (Zensur, Verfolgung, Ausbeutung usw.) möglich ist: die russische Avantgarde hat es bewiesen. Nein.

Man stelle sich vor, wir interpretierten die USA aufgrund ihrer erfolgreichen Populärkultur und ihrer noch erfolgreicheren Spitzenkunst, die den Markt dominiert, als „gewinnbringend“ erstrebenswert. Gewinn für wen? Just diese Frage hat Ingold nicht beantwortet.

Ingold zitiert aus dem Essay „Die gesellschaftlichen Stimmungen“ von Aleksandr Isgojew (1913), der kritisch die politische Lage beurteilte, lobt aber dessen Besonnenheit. „Von der revolutionären Ungeduld eines Lenin, eines Stalin ist bei Isgojew allerdings nicht zu spüren“. Trotzkij wird wieder nicht erwähnt, als ob Ingold einer alten Direktive folgte.

Das Vorwort zur Neuausgabe erfolgt unter dem Titel „Zerstörung als Schaffensprinzip“. Es werden die alten schlimmen Zeiten der Verfolgungen im Zarenreich etwas leichtfertig mit den polizeistaatlichen Umtrieben im heutigen Russland verglichen. Gewisse kulturelle Deutungen erhalten ihren Wert nicht aufgrund einer umfassenden Analyse, sondern durch Gegenüberstellung: „So gut wie alles, was die historische Avantgarde einst als Schrott und Ballast ‚vom Dampfer der Gegenwart’ warf, gilt im heutigen Russland erneut als maßgebliches ‚Erbe’, an das neu anzuknüpfen sei und das unter neuen Bedingungen fortgeführt werden solle.“ „Alles“? War alles bestens, was damals verworfen wurde? Ist alles schlecht, wessen sich das offizielle Russland heute erinnert?

Wenn man schon vergleicht: Wie sehen denn die Änderungen nach dem 2. Weltkrieg in den westlichen europäischen Ländern aus? Wie wurde die Gunst der Stunde in Deutschland genutzt? Wie lange? Welche Nachhaltigkeit der Neuorientierung können wir in Frankreich ablesen oder in Großbritannien? Wie steht es mit Spanien und Italien? Wie mit den skandinavischen Ländern?

Wie könnte eine Avantgarde überhaupt überleben? Liegt es nicht in ihrem Wesen, wenn wir schon meinen von einer sprechen zu können und zu dürfen, dass sie zeit- und umstandsbezogen ist? Wenn eine Vorhut an ihr Ziel gelangt ist, bleibt sie nicht mehr Vorhut. Zudem bestimmt sich die Vorhut immer vom Ausgang und vom Ziel. Waren also die Ziele der russischen Avantgardisten so positiv? Man stelle sich vor, in der Schweiz, in Deutschland und anderen Ländern hätten die Dadaisten „gesiegt“. Hätte solch ein Sieg nicht in ein ähnliches Fiasko gemündet, wie die Gegenseite, die Reaktion es hergestellt hat, nur auf der anderen Skalenseite? Denn die meisten Avantgardisten, insbesondere die Futuristen und Dadaisten, teilten mit dem Pöbel der Faschisten, soweit sie nicht selbst ausgewiesene Faschisten waren, die Menschenverachtung, das elitäre Aufmucken rabiater Spießer, gegen die sich, z. B., auch ein Leo Trozkij wandte.

Ingold gelingt das Kunststück, die Kampfrhetorik der „zukünftlerischen“ Neuerer als „verbalen Vandalismus“ abzutun, die Vernichtungsforderungen, (Zerstückeln, Zerschneiden, Ermorden, Vernichten etc.) als „Kreativitätsmetaphern“ zu werten. Dass diese Haltung nur ganz wenig von der realistischeren, konkreteren der Faschisten bzw. Kommunisten, die nicht nur blökten, schrieen, jammerten, kotzten oder spuckten, sondern handelten, entfernt war, müsste doch, zumindest im Rückblick, zu Denken geben. Aber nein, hier wird ein Malewitsch gelobt, weil er „vorschlug, die Museen als Krematorien zu nutzen, sämtliche überlieferten Werke der Weltkunst zu verbrennen (Destruktion) und die anfallende Asche in Gläsern auf Regalen auszustellen“. Es wird Nikolaj Berdjajew zitiert, der den allgemeinen Verfall konstatierte „Alle festen Konturen des Daseins werden zerstört. Alles wird dekristallisiert, zerschichtet, zerstäubt. Der Mensch dringt in die Gegenstände ein, die Gegenstände dringen in den Menschen ein...“ Berdjajew spricht von „Zersetzung“ und „Zerschichtung“ bzw. „Zerstäubung“. So eine Haltung hat einst Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“ (1977) kritisiert.

Darauf Ingold: „Das in sich gegenläufige Verfahren der Dekonstruktion ist im gesamten Praxisbereich der avantgardistischen Bild- und Wortkunst zu beobachten“. Wie bitte? Der Begriff „Dekonstruktion“ wurde in den 1960er Jahren von Jcques Derrida eingeführt. Was will Ingold mit diesem relativ Jungen Begriff für 1913?

Die „Sprachtheorie“ der Formalisten wird nur angeführt, nicht aber kritisch gewertet. „Der Tod erschafft die Poesie“, darf ich lesen, habe es im eogfuturistischen Manifest 1912 geheißen. Fein, lasst uns morden, damit der Massentod die Massenpoesie bringe! Der Anklang an das faschistische „Viva la muerte!“ wird nicht weiter bedacht. Von einem Gedicht von Michail Senkewitsch wird berichtet, das „von einer Fleischhauerei mit reihenweise aufgehängten Tierkadavern“ handele, „die nun zerlegt und einem neuen Zweck zugeführt werden sollen: ‚So ist das halt. Wir sind Menschen, in unsrer Macht steht es, / Auf diesem nassen glitschigen Holzblock / Die abscheulich zerhackten Teile / Mit Messern in rote Stücke zu fetzen.“
Sind das jene avantgardistischen Errungenschaften, die Ingold zu unrecht vergessen sieht? Interessant, dass die Vergleiche zu den scheußlichen nazistischen Karikaturen unterbleiben, die sich bei solchen Bildern sofort einstellen (Metzgerei mit ausgestellten Wurstwaren aus Judenfleisch). Das eine war avantgardistisch, das andere nur böse. Wie einfach ist doch die Welt.

Der gepriesene Dichter Chlebnikow formulierte eindeutig: „Wir wollen ein Schwert aus dem reinen Eisen von Jünglingen.“ Emil M. Cioran hatte zu einer gewissen Zeit ähnlich gedacht, als Mitglied der Eisernen Garde. Aber er war nicht Chlebnikow. Und Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ gilt immer noch als problematisch. Nicht aber Chlebnikow und seinesgleichen.

Fazit: Eine Datenfülle, die dem Experten nützliche Übersetzungen liefert, dem Dateninteressierten viel versammelt, aber keine profunde Interpretation, keine Historiografie, keine Studie von Format. Fast möchte man versucht sein ein Klischee fleißigen Schweizers zu strapazieren, des Buchhalters, der eine dicke Kompilation zusammentrug, aber der Zusammenschau sich nicht aussetzte. Die muss der Leser leisten, ähnlich wie in den Datenbanken des Internets, wo ja auch abertausende Verweise nur darauf warten, abgerufen zu werden.

* Wenn sich wer wundert, warum ich vom „Epochenjahr 2013“ spreche, dann sei auf die Fragwürdigkeit des Epochenbegriffs verwiesen. Ich nehme nun mal an, dass auf 2013 ein Jahr oder Jahre folgen werden, die retrospekt das Jahr 2013 zum Epochenjahr machen. Ich kann mich täuschen. Dann wird die Attribution geändert. Aber wir leben in Zeiten, in denen permanent von „historischen Ereignissen“ geschwätzt wird, von epochalen Vorkommnissen, und vieles deutet in der tiefen Krise darauf hin, dass sich Änderungen anbahnen müssen. Aber, wie gesagt, es gibt keine sichere Prognose, nicht nur, weil sich die Kriterien für Epochales und Epochen selbst dauernd ändern.

Felix Philipp Ingold: Der große Bruch. Rußland im Epochenjahr 1913. Kultur, Gesellschaft, Politik. Erweiterte Neuauflage. Format 170 x 240 mm, XX, 645 Seiten, Matthes & Seitz, Berlin 2013, ISBN 978-3-88221-039-2

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