Lew Schestows "Siege und Niederlagen"

30.11.2013

Der Philosoph Lew Schestow ist ein wenig bekannter russischer Denker, dessen radikale unzeitgemäße Subjektivität auch heute noch zu provozieren vermag. 1866 in Kiew geboren, in elitärem, bildungsgesättigtem Milieu aufgewachsen, floh er vor den Folgen der Oktoberrevolution 1921 nach Paris, wo er bis zu seinem Tode 1938 an der Sorbonne unterrichtete, ohne jemals ein philosophisches Studium absolviert, einer philosophischen Schule angehört, oder eine solche begründet zu haben. Letzteres ein Ansinnen, das er vermutlich nicht nur weit von sich gewiesen hätte, sondern das sich auch zu seinen Intentionen in nahezu jeder Facette in diametralem Widerspruch befände, da Schestow jede Philosophie, verstanden als System, grundsätzlich in Frage stellt.


Eine weitere Merkwürdigkeit und in seinem Sinne vielleicht auch logische Vorgehensweise Schestows zeigt sich darin, dass seine «Antiphilosophie» keine eigenständigen Texte produziert, sondern lediglich als ebenso minutiöse wie radikale Kritik ausgewählter Fremdtexte in Erscheinung tritt. Die Bezeichnung «ausgewählte» Texte könnte man ohne weiteres durch «auserwählte» Texte ersetzen, denn zum Kreis seiner auserwählten zu dekonstruierenden Lieblinge zu gehören, erwies er nur wenigen Literaten und Philosophen die Ehre. Im vorliegenden Band handelt es sich dabei um Shakespeare, Turgenew, Heine, Ibsen, Kierkegaard, Tolstoj, Dostojewsky und Tschechow, die hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen. Es finden sich zudem noch Querverweise auf Nietzsche, Sokrates und Blaise Pascal, die er, mit Einschränkungen, ebenfalls schätzte.

Die Willkür, mit der er seine Auserwählten straft oder erhöht, hat etwas Richterlich – Alttestamentarisches, ja, Willkür als Haltung und Strategie wird von Schestow auch explizit bejaht und mit der des Künstlers gleichgesetzt und gerechtfertigt. Nur, dass die Willkür des Künstlers von anderer Beschaffenheit ist und sehr wohl Gesetzmäßigkeiten zumindest nach sich zieht - nur, dass der Künstler zeigt und darstellt und nicht wertet. Schestow allerdings wertet ununterbrochen, wertet ab, wertet auf, um getroffene Aussagen dann wiederum in Frage zu stellen und zurückzunehmen, sie in ihr Gegenteil zu verkehren, weil nichts und niemand weder der Bejahung noch der Verneinung standhalten kann im Angesicht, oder vielmehr in der Ahnung des Absoluten.

Dieses ständige schmerzliche Umkreisen des geahnten Absoluten ist es auch, was Schestow so unaufhörlich umtreibt, und was wiederum seine oft überzogenen, zurechtgebogenen Urteile und Verurteilungen allein erträglich macht. Schestow ist ein in seinen Bestandteilen sich ständig selbst bekämpfendes Konglomerat aus Künstler und biblischem Propheten. Der ihm in seiner existenziellen Tragik und Subjektivität durchaus verwandte Nietzsche vermochte sich in seiner oft mit lyrischer Intensität dahinströmenden Sprache mit seinem eigenen Künstlertum zeitweise zu versöhnen, aber diese Fähigkeit blieb Schestow versagt. Man mag sogar darin wiederum eine Qualität entdecken - vielleicht hat die Fähigkeit, sogar noch auf die Schönheit aufgrund der ihr potentiell innewohnenden Eitelkeit und Oberflächlichkeit zu verzichten, etwas Großartiges. Jedenfalls nötigt der Wille Schestows, sich selber aufs Spiel zu setzen, in der Unbedingtheit seines Denkens immer wieder Bewunderung ab.

Wie man es in einer Welt, die man für so heillos und absurd hält, 72 Jahre lang aushalten kann, ist allerdings erstaunlich. Wie man seine Verzweiflung 17 Jahre lang als Professor an der Sorbonne verkünden kann, noch mehr.

Eine solch fundamentale, mit solcher Konsequenz verfolgte, stets aufs neue in Erinnerung gerufene existenzielle Ausgesetztheit sucht und findet ihr Ziel und ihren Trost natürlicher – oder herkömmlicherweise in der Religion. Für Schestow war es die christliche Religion, oder genauer gesagt, die Figur Jesu, die er in steter Sehnsucht umkreiste, ohne jemals in ihr Ruhe zu finden, da er das Instrument der Vernunft, das er so sehr zu verachten vorgab, doch niemals aus der Hand geben konnte und wollte. Während die Weisheit des von ihm ebenfalls verehrten Sokrates in den Worten kumuliert „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“, wird diesem von Schestow Jesu tiefste Wahrheit gegenübergestellt , die in den Worten «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?», dergleichen kokette Selbstbespiegelungen weit hinter sich lässt - ohne dass solche Erkenntnis dem verhinderten Philosophen und auch nicht dem Menschen Schestow im geringsten geholfen hätte.

Der erste und längste Essay des vorliegenden Bandes ist Shakespeares «Hamlet» gewidmet. Wie bei allen folgenden Essays erfährt man mehr über den Autor als über Hamlet oder Shakespeare. Schestow macht sich die Mühe, einzelne andere von Shakespeare erschaffenen Charaktere, wie etwa den Junker Jacques aus «Wie es euch gefällt», oder Macbeth mit Hamlet zu vergleichen und gegen ihn und manchmal sogar alle gegeneinander auszuspielen. Dass er an Hamlets Charakter einiges auszusetzen hat, wird bald hinlänglich klar, die Argumentationskette ermüdet aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit, endloser Wiederholungen und mangelnder psychologischer Plausibilität. Was Schestow für sich und sein Denken jederzeit in Anspruch nimmt und sogar für ein Königsrecht hält, genau das billigt er Hamlet nicht zu, nämlich ein – dazu noch höchst komlpexer – Mensch in seinem Widerspruch zu sein. Nein, er stellt an ihn den Anspruch «ein ausgeklügelt Buch» zu sein und fährt über all dessen Taten, Aussprüche und Regungen drüber mit dem Hobel des gesunden Menschenverstandes.

Auch der nächste Kandidat kommt nicht besser weg, eher schlechter, oder wenigstens zwiespältiger, da Schestow in Turgenews Fall nicht nur eine Figur oder ein Stück des Dichters, sondern dessen ganzes Werk wie den Dichter selbst seiner Kritik unterzieht, wenngleich er beidem in manchen Punkten positive Aspekte abgewinnen kann. Die hauptsächliche Schwachstelle des Dichters ortet Schestow in dem unaufgelösten Konflikt Turgenews zwischen seiner slawischen (archaischen) Grundnatur und dem lebenslangen Liebäugeln des Dichters mit westlicher (dekadenter) Kultur.

Merkwürdig milde geht Schestow in seinem nächsten Kapitel mit Heinrich Heine um. Es ist derjenige Poet, dem Karl Kraus bescheinigte, das «Mieder der deutschen Sprache so weit gelockert» zu haben, dass nun «jeder sie befingern kann». Vielleicht ist eine Erklärung der Sympathie für diesen Dichter in dessen jahrelangem und mit heroischer Ironie ertragenen Dahinsiechen in der Matratzengruft zu suchen.

Ebenfalls mehr oder weniger Gnade finden in den nächsten drei Essays die Urgesteine Ibsen, Dostojewsky und Tolstoj. Vor allem dem Monument Tolstoj wird eine hohes Maß an einfühlsamer Verehrung zuteil. Dem Prophetenstatus, den alle drei aus seiner Sicht auf ihre besondere Art beanspruchen dürfen, wird bei aller Kritik Respekt gezollt. Unnötig zu sagen, dass man auch hier mehr über den Autor - dessen Sehnsüchte, Vorbehalte, Widersprüche, dessen existenzialistische Verzweiflung - als über den Gegenstand seiner Betrachtungen erfährt, wenngleich sich hier natürlich Überschneidungen ergeben. Und wieder wird aufkommende Ungeduld oder sogar Unwille über die rabiate Subjektivität Schestows gemildert durch das Staunen über dessen unbedingten Willen, sich selber aufs Spiel zu setzen, auch um den Preis der Unglaubwürdigkeit, ja sogar der Lächerlichkeit. Man muss bei Schestow vielleicht weniger auf das, was er sagt, als darauf, wie er es sagt, hören. Es ist der Ton, der die Musik macht, und Musik scheint im Leben des verhinderten Sängers ja eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt zu haben..

Das letzte Kapitel beginnt mit den befremdlichen Worten: «Tschechow ist tot, nun kann man frei über ihn reden.» Eine derartige Einleitung bedeutet meist nichts Gutes für den Erwähnten, und so ist es denn auch. Es ist eines der längsten Kapitel des Buches, in dem sich der Autor voller Verachtung an dem Dichter abarbeitet, dem er in Summe nicht nur Nihilismus vorwirft, sondern noch viel mehr scheint Schestows Zorn hervorzurufen, dass Turgenew unter seinem Nihilismus für seinen Geschmack nicht hinreichend gelitten hat.

Beeinflusst wurde von Schestow vor allem die französische Existenzialphilosophie und die Literatur des Absurden (Sartre, Bataille, Camus, Cioran, Ionesco), auch wenn sich deren Vertreter kaum jemals ausdrücklich auf ihn berufen haben.

Ein erratisches Buch, ein Findling in der Ebene. Ein stellenweise verstörendes Werk, das Widerspruch hervorruft und dies sogar bewusst kalkuliert. Ein in seinen Paradoxien und Ärgerlichkeiten herausforderndes und somit bereicherndes Werk.

Lew Schestow: Siege und Niederlagen. Für eine Philosophie der Literatur von Shakespeare zu Tschechow. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Felix Philipp Ingold. Matthes & Seitz, Berlin 2013. ISBN 978-3-88221-970-8

Gabriele Folz-Friedl

weiterführende Links:

Verlagsseite

  • Lew Schestow: Siege und Niederlagen

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.