Die horen 2013

23.11.2013 Haimo L. Handl

«Die horen», «Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik», wurde 1955 von Kurt Morawietz gegründet; ihr Untertitel lautete bis 1983 «Zeitschrift für Literatur, Grafik und Kritik»; seit 2012 fungiert Jürgen Krätzer als Herausgeber. Sie erscheint quartalsweise im Wallstein Verlag und hält bei der erstaunlich hohen Auflage von 4.000 Exemplaren. Morawietz knüpfte an das berühmte Vorbild «Die Horen» an, eine Monatszeitschrift von Friedrich Schiller, die von 1795 bis 1797 erschien; ihr frühes Ende war vor allem dem damaligen Mangel an guten Mitarbeitern und entsprechenden Beiträgen geschuldet, sodass nach 12 Ausgaben das Projekt eingestellt wurde.


«Die horen» sind da erfolgreicher. Sie werden auch vom Land Niedersachsen und der Stadt Hannover unterstützt. Wichtiger aber sind der nicht versiegende Zustrom qualitativ hochwertiger Beiträge aus dem In- und Ausland, und die umsichtige Redaktionsarbeit, was offensichtlich zur Beliebtheit der Zeitschrift beiträgt. Oft werden verantwortliche Gastredakteure engagiert, die Experten für das gewählte Thema sind.

Die drei vorliegenden Ausgaben 2013 sind:
Nr. 249: «Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt ...» Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land, 239 Seiten
Nr. 250: «Pressköter und Tintenstrolche!» LiteraturZeitSchriften, 319 Seiten
Nr. 251: «In so einem Augenblick ist alles möglich ...» Ein Spaziergang durch die Literatur Brasiliens, 230 Seiten

Griechenland ist in aller Munde. Da Deutschland den heftig kritisierten Buhmann für die griechische Malaise abgibt bzw. abgeben muss, ist diese Themenwahl für eine Literaturzeitschrift besonders brisant und interessant, weil das tradierte, klischierte Bild, das die öffentliche Meinung bestimmt, eine Korrektur erfährt. Möchte man meinen. Aber eine Literaturzeitschrift wendet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an Leser, die, wenn schon, dann andere Stereotypen pflegen, als die allgemeinen Medienkonsumenten hüben und drüben. Das Heft, redigiert von Asteris Kutulas, einem 1960 in Rumänien geborenen und in der DDR aufgewachsenen Autor und Übersetzer, und Ina Kutulas, versucht denn auch ein Panorama der griechischen Literaturlandschaft zu bieten, das sich vom Jahrhundertbeginn bis zur Gegenwart erstreckt und für viele wahrscheinlich Neues offeriert.

In der langen Einleitung von neuneinhalb Seiten führt Asteris Kutulas in die wesentlichen Aspekte der griechischen Geschichte und die neue griechische Literatur ein und macht deutlich, weshalb die nationale Identität Griechenlands vor allem eine kulturelle war. Das dürfte für deutsche Leser nicht unbekannt sein; wer die Geschichte etwas kennt, weiß um die Problematik nationaler Identitäten. Die enge Verknüpfung und Bedingtheit politischer Zustände und kultureller Arbeit wird vor allem am Militärputsch von 1967 herausgestellt. «Diese kulturelle Bewegung konnte sich von der siebenjährigen Unterbrechung durch die Diktatur (1967 bis 1974) nur sehr schwer erholen, und mit Beginn der neunziger Jahre ging diese Ära schließlich ganz zu Ende. Sie wurde in einem schleichenden Prozess abgelöst von einer kosmopolitischen, zumeist indifferenten Kulturlandschaft, die ihre nationalen Charakteristika immer mehr einbüßte.» Hier zeigt sich eine Schlagseite, die wahrscheinlich politisch-ideologisch bedingt ist. Was als kosmopolitische Bewegung denunziert wird, traf auch andere Länder, nicht nur Griechenland. Der Ton erinnert an die Ostrhetorik aus den Tagen der Sowjetunion und ihres treuen Bauern- und Arbeiterbruderstaates deutscher Nation. Das Beklagen der Indifferenz, der Verlust nationaler Charakteristika könnte den unseligen Texten der Verfallstheoretiker der Geschichtsmorphologen entstammen, deren Blick auf den Untergang fixiert war und ist. – Und das als Ausgangslage für eine offene (Literatur)Politik in der Gegenwart?

Es wird die herrschende Identitätskrise beklagt, das „rigorose Uminterpretieren und Umschreiben der Geschichte“, die einen Kulturkampf in Griechenland ausgelöst habe: „Dieser Angriff auf allen Ebenen des sozialen Lebens als auch auf das ‚Geschichtsbewusstsein’ und die ‚Integrität’ der Griechen löste eine noch nicht dagewesene Identitätskrise des sich bislang als selbstbewusst empfindenden griechischen Volkes aus. Es war zugleich ein innerer Krieg zwischen einer sich der Globalisierung verschreibenden, also ‚anti-griechisch’ neoliberal agierenden Regierung und der älteren, noch mit Krieg, Bürgerkrieg und der Junta konfrontierten Generation, die ihre Kraft und ihre Zuversicht stets aus den nicht nationalistisch verstandenen Begriffen ‚Griechenland’, ‚Heimat’, ‚Freiheit’ sowie aus der griechischen Geschichte und Kultur schöpften. ... Somit wurde das Volk insgesamt für die Regierenden zum Feind, es musste kampfunfähig gemacht werden.“

Der Schlussbefund ist dramatisch: „Griechenland hat – infolge der Regierungspolitik der letzten vierzig Jahre und der Auswirkungen einiger wirksamer Bestrebungen ausländischer politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme – seine junge Generation verloren und damit seine Zukunft. Seine Geschichte wird umgeschrieben; somit verliert das Land seine Vergangenheit. Seine nationale Identität ist infrage gestellt.“

Gut, dass es gerade in Deutschland ein Medium gibt, das Platz bietet für die griechischen Autorinnen und Autoren, für ihre brennenden Themen: „Dieser Band offenbart zumindest, dass Griechenland sich seit jeher im ‚Kriegszustand’ befunden hat und dass bis heute Menschen mit Worten und Taten darauf reagieren und Widerstand leisten.“ Bravo! Die vielen Griechenlandtouristen, Linke, Grüne, Aussteiger, neben den Angehörigen der Schickimickigeneration, haben das in ihrem Urlaubs- oder Aussteigerparadies all die vergangenen Jahre wahrscheinlich nicht mitbekommen. Waren zu unbekümmert. Jetzt besteht die Gelegenheit, das Bild zurechtzurücken.

(Wie nahe die Realitätswahrnehmungen in Deutschland und in Südeuropa sind, zeigt eine Schlagzeile in Politis, Zpyern, vom 29.3.2013: „Ihr habt den Euro ... wir die Zivilisation“! Mit so einem Kultur- und Zivilisationsbegriff lässt sich allerdings kein zukunftsorientierter Staat machen.)

Eine Art Bestandsaufnahme von Literaturzeitschriften bietet der von Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer redigierte Band 250, der zur runden Zahl ein gewichtiges Heft liefert in Form von kurzen Porträts von Literaturzeitschriften (das Genre ist so weit gefasst, dass auch die „Intersignes“ oder der „Freibeuter“ behandelt werden) von damals und heute. Das stellt natürlich eine Fundgrube dar, lädt ein zum Schmökern und Nachsinnen, gibt Stoff zum Nachdenken über Entwicklungen, die weiterführten und solche, die abbrachen. Manch einer wird Titel finden, von denen er nichts wusste, wird staunen über die Energieströme, die da weitaus intensiver flossen als die meist immer knappen Finanzmittel. Die Auswahl mag leicht verwundern. Aus Platzgründen können nicht einmal alle wichtigen deutschsprachigen Zeitschriften behandelt werden, vor allem nicht die Exilzeitschriften. Warum dann auch solche aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland behandelt werden, wird nicht ganz klar, außer man nimmt das als Ausweis der Weltoffenheit und Ausgewogenheit. Aber die Beiträge liefern bedingterweise nur kleine Facetten und Splitter, reißen ein bisschen an, vertiefen aber nicht und können keine tiefergehende Information oder Deutung offerieren. Man weiß doch, dass die horen international sind, viele Texte übersetzen, neue Autorinnen und Autoren im deutschen Sprachraum vorstellen.

Die bloße Versammlung und Aneinanderreihung von Artikeln über einzelne Zeitschriften, garniert mit ein paar Aufsätzen zum Literaturbetrieb („Aus dem Alltag eines Lyrikverlegers“ von Anton G. Leitner,. „Versehrtenrente für Selbstversorger oder wozu noch: Literaturzeitschriften, Literaturkritik, Literatur? von Martin Lüdke, „Von der Sinnlosigkeit dieser Dinge“ von Kurt Drawert, „Leben mit Zeitschriften“ von Michael Buselmeier) ersetzen nicht die fundierte Interpretation des Phänomens Literaturzeitschriften. Die autobiografischen, anekdotischen Erzählungen verdienter Verleger, Kritiker und Autoren sind ja nett, aber Tupfer am Rande des Bildes. Mir geht der kundige Essay ab. Anstatt der Beiträge über griechische, russische, weißrussische, bulgarische, koreanische, chinesische, polnische, isländische Zeitschriften hätte ich mir lieber einen Aufsatz von Format und Gehalt zum Heftthema gewünscht. So überzeugt diese Ausgabe mehr durch den Umfang und die Vielfalt, aber weniger durch die Qualität.

Es ging den Herausgebern darum, nicht einfach eine Jubelfestschrift zu den horen zu produzieren, sondern die 250. Ausgabe im 58. Jahrgang zum Anlass zu nehmen, ‚ganz ‚horenüblich’ eine möglichst offene Form“ zu finden: „Einmal das Medium selbst zu würdigen, auf die Literaturzeitschrift (in all ihren Wortbestandteilen) zu schauen, schien der geeignete Weg, in Zeiten kulturpessimistischen Munkelns allemal.“ Fragen wurden gestellt an die Geschichte, die „Gründungsmythen“, die Motivationen, die spezifischen Erfahrungen, und, ganz wichtig, „wie wichtig sind Literaturzeitschriften für Autoren, für Leser?“ Weiters trieb die Herausgeber die Neugier nach draußen: „Wie sieht die Literaturzeitschriftenlandschaft außerhalb unserer Grenzen aus? Wo sind die Verhältnisse vielleicht nicht nur finanziell prekär, sondern auch und vor allem politisch?“

Schon im Titel wird auf Karl Kraus, der die epochale Fackel herausgab, verwiesen. Im Inhaltsverzeichnis heißt ein Abschnitt „Nachgetragene Liebe. Konterbande“, und befasst sich mit Erinnerungen, unter anderem von Günter Kunert, Kathrin Schmidt, Uwe Kolbe oder Norbert Hummelt. „Konterbande“ wird einige vielleicht an Heinrich Heine erinnern, der sein Schmuggelgut, wofür „Konterbande“ oder „Kontrebande“ steht, kognitiv führte: „Die Konterbande, die mit mir reist, die hab ich im Kopfe stecken.“ Zeitschriften als subversives Schmuggelgut ...

Auch die Titel der anderen Abschnitte sind Zitate, die manche, wenn sie sie nicht erkennen, im Netz nachschlagen werden: „Das ist das kümmerliche Wort von ‚Engagement’“, „ ... natürlich wurde gestritten“, „aus deinem kragen / ragte ein preisschild“, „ ... aber ich kann nie bereuen, es versucht zu haben“, „Von der Suche nach der anderen Seite der Dinge“, „Ein unerhört aufregender Gegenstand oder Stile und Schreibhaltungen“ und „ ... allen Eclat zu vermeiden“.

Günter Kunerts Beitrag „Zeitreisen“ hebt die Bedeutung von Zeitschriften als Vehikel für Zeitreisen, für Entdeckungen, hervor, tauglicher als Bücher: „Nicht bloß Bücher haben ihre Schicksale, auch die literarischen und kulturpflegenden Veröffentlichungen; sie haben einen Rest von Individualität. Bücher, sobald sie dem ‚Erbe’ zugeschlagen worden sind, werden dadurch auch entpersonalisiert. Die Zeitschriften hingegen, die zugleich Unwichtiges, Nebensächliches, Banales, also künstlerisch unbedeutendes Beiwerk mit sich schleppen, sind dadurch ihrer einstigen Ära verhafteter und damit für diese zeugnisfähiger als jedes andere literarische Produkt.“

Es fehlt hier der Platz um auf alle einzelnen Beiträge näher einzugehen. Ich nehme nur einige aus dem zweiten und dritten Abschnitt heraus: Der Brenner, Das Karussell und Der Monat.

Während Rolf Schneiders Beitrag über Die Fackel zwar gut geschrieben ist, aber zu allgemein, um Krauskenner zu befriedigen, zu kursorisch, um Unbedarfte wirklich zu informieren, bringt der Aufsatz von Eberhard Sauermann über die Tiroler Zeitschrift Der Brenner trotz seiner Kürze interessante Details und kritische Anmerkungen, die ihn über das Kursorische heben. Der Brenner wurde von Ludwig von Ficker 1910 in Innsbruck gegründet und erschien bis 1954. Im Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck (wo auch der Autor arbeitet) wird das Erbe verwaltet; es gibt intensiv arbeitende Forschungsgruppen und –projekte, und der gesamte Brenner ist online zugänglich Dank einer Kooperation des Brennerarchivs mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Sauermann geht auf die kulturelle Lage Tirols zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, zeigt die Ausnahmestellung des Brenners auf und erklärt die Feindschaften gegen ihn, die tirolerische Ignoranz, die Abwehrmaßnahmen einerseits, und die paar Unterstützungen andererseits. Die Abqualifizierungen, die er zitiert, belegen, dass damals wie heute, je nach ideologischer Position und Borniertheit, das Vokabular gleich geblieben ist bzw. die Vorgangsweise der Etikettierung ähnlich ist.

Für Leser der horen, die auch das vorher erwähnte Heft Nr. 249 über Griechenland kennen, stellen sich unweigerlich déjà-vus ein, lesen sie die zitierten Ausfälle über den Brenner, der „alles eher als Tiroler Art“ sei, er statt „Tiroler Kernigkeit die Sentimentalität unserer modernsten Modernen“ vertrete usw. Der Herausgeber des Griechenlandheftes hatte ja heftig den Kosmopolitismus als Geißel angegriffen, für mehr griechische Identität plädiert, die Globalisierung verteufelt – kurz, in einem Ton lamentiert, der jenem aus 1910 durchaus entspricht. Auch das Programm „Zurück zur Natur“ verdient in diesem erweiterten Zusammenhang neue Interpretation, z. B. hinsichtlich der griechischen Alternativen. Zufällig und unfreiwillig liefert die Zeitschrift also Widersprüchliches, das aufmerksame Leser selbst kritisch weiterführen können.

Sauermann gelingt es, die vage Mehrdeutigkeit von Bewertungen wie „modern“ oder „konservativ“, die beide für den Brenner zutreffen, aufzuzeigen, und zwar nicht nur allgemein, sondern auch durch Verweise auf konkrete Positionen des Herausgebers bzw. einiger besonders häufig vertretener Autoren. Der Brenner war in der Frühzeit expressionistisch orientiert, vermittelte als erster Georg Trakl, wofür er heftig angegriffen wurde, negierte aber die Expressionisten Johannes R. Becher oder August Stramm. Sauermann weist besonders auf die christlich-humanistische Ausrichtung, die sich auch vom alten chinesischen Denken beeinflussen ließ, hin, der ein bestimmter „Ursprungsglaube“ unterlag, welcher auch die Verbindung zum Sprachmeister und Puristen Karl Kraus schuf. „Der neue Mensch, wie er im frühen Brenner propagiert wird, ist nicht der ‚Neue Mensch’ des Expressionismus als Mitglied einer Gemeinschaft, sondern der außerhalb der Gesellschaft stehende, naturbelassene ‚reine Mensch’, der Mensch der Vorzeit als Vorbild Laotses oder der sich im Leben Christi wiederfindende Mensch. Ganz abgesehen davon, dass dieser neue Mensch männlich war – Frauen blieben ausgeklammert.“

Der Brenner war, so paradox das klingen mag, trotz seiner Rückwärtsorientierung „Zurück zur Natur“, seiner tiefreligiösen Ausrichtung, zugleich ein geöffnetes Fenster, das Blicke in die Welt jenseits des muffigen Tiroler Lebens gestattete und frischen Wind hereinließ.

In der ersten Ausgabe vom 1. Juni 1910 heißt es im Geleitwort: «Vielleicht ist schon der Beginn dieser Zeitschrift ein Fehlbeginnen, indem die Aussicht auf Bestand gering erscheint gemessen an den vorhandenen Mitteln und dem Zusammentun von nur Wenigen. Vielleicht ist auch für das Erscheinen der Zeitschrift keine Notwendigkeit da in dem Sinne, daß sie von vielen gewünscht wird. Aber es sind Unternehmungen von reger Beteiligung und größtem Aufwand von Mitteln gescheitert, und andere – ausgesetztere – haben sich durchgerungen und behauptet. Darum wollen wir trotz der wenig ermunternden Aussicht den Versuch wagen und gestützt auf ernstes Wollen in der Öffentlichkeit mit dem Unternehmen festen Fuß zu fassen suchen, indem wir uns bemühen, dasselbe so auszubauen, daß es uns die Begriffe: Kultur, Kunst, Dichtung lebendig und fruchtbar erhält. Es bedeutet uns im Kerne ein Unterbringen der menschlichen Natur – ein Unterbringen von Menschentum. Und zuletzt dünkt uns ein solcher Versuch schon eine Tat.»

Natur und Menschentum. Das war damals vielerorts zu lesen und zu hören. Sauermann notiert dazu: „Bekämpft wurden der Intellekt (als Ursache aller Missstände der Zivilisation), religiöse und wissenschaftliche Doktrinen, der regionale Kulturbetrieb und die herrschende Moral, gefordert wurde ein Zurück zur Natur.“

Die spezifische Intellektuellenfeindlichkeit speiste sich auch aus einem eigenen Verständnis von Nietzsches Schriften, die mit christlichen Grundsätzen, wie sie die Brenner-Vertreter verstanden, amalgamierten.

Der Beitrag von Wolfgang Braungart über „Das Karussell, eine Kasseler Nachkriegszeitschrift. Ein Porträtversuch – und nichts als Fragen“ liefert ein eindrückliches Beispiel des Literaturbetriebes unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland, dem re-education-Programm der amerikanischen Besatzungsmacht und den besonderen Umständen dieser Zeitschriftengründung, die weniger auf ein durchdachtes Konzept, als auf personale, subjektive Faktoren traf, die die Gründung 1946 ermöglichten und den Bestand bis Mitte 1948 gewährleisteten.

Keine moderne Zeitschrift, keine offene, in die Zukunft weisende. Das lag am Mangel eines durchdachten Konzepts: „Aus der Zentralmetapher des Karussells hätte sich nichts wirklich Weiterführendes entwickeln lassen, literarisch nicht, kulturell nicht, aber auch nicht politisch und gesellschaftlich.“, heißt der Schlussabsatz dieses informativen Beitrags. Denn es ist nicht ganz klar, weshalb die Zeitschrift so früh einging. Wahrscheinlich hing es mit dem Umzug der Herausgeberin nach den USA zusammen.

Braungart stellt wichtige Fragen, gibt einige Hinweise, die das Umfeld darlegen: Die erstaunlich frühe Lizenzierung mit Papier, die verschafften Druckmöglichkeiten, die nicht nachweisbaren wichtigen Kontakte, die es der Zeitschrift, trotz ihrer politischen vordergründigen Unbedarftheit ermöglichten, Texte wichtiger Autoren zu publizieren, das weite Netz persönlicher Beziehungen zu den amerikanischen Kulturoffizieren, das höchstwahrscheinlich reichlich Quellen sprudeln ließ (wir werden das später beim Monat sehen!). Die Herausgeber Wolfgang Pöschl und Maria-Harriet Schleber schafften es, schon vier Monate nach Kriegsende eine Lizenz für ihr Zeitschriftenprojekt zu bekommen. Braungart weist richtig auf die Bedeutung der Entstehungsbedingungen hin: „“Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass man die publizistische Situation während der Besatzungszeit und unter Lizenzierungsbedingungen von der seit Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre unterscheiden muss.“

So brachte Das Karussell schon in der ersten Nummer eine Tagebucheintragung Thomas Manns, während eben diese Tagebücher nach einer Verfügung des Autors bis 1975 unter Verschluss blieben und erst dann publiziert wurden. Wie war das möglich? Es liegen keine Daten vor, wer von der Zeitschrift welche Kontakte zu Max Kommerell (1902-1944) bzw. zu Helmut Strebel, dem Nachlassverwalter, hatte bzw. die Texte vermittelte (schon in der Vorabnummer wurde Kommerells „Die rote Hand“ abgedruckt).

Braungart weist darauf hin, dass die Zeitschrift „eine der wenigen ‚reinen’ Literaturzeitschriften“ war. „man findet in ihr – jedenfalls zunächst – keine Essays zur Lage Deutschlands, keine dieser oft etwas strapaziösen Selbstentlastungs-Reden an die ‚jüngere Generation’, keine Bilanzierungen der Situation des christlichen Abendlandes, keine flammenden Aufrufe zum kulturellen Neubeginn. ... die literarischen Beiträge des Karussells sind jedoch selbst nicht wenig rhetorisch. Als Beispiel nur ein Gedicht von Dagmar Nick, über dessen Qualität man nichts sagen muss. Es nimmt den berühmten Rilke-Vers aus dem Archaischen Torso Apolls auf und variiert ihn ins für die Jahre nach 1945 signifikante ‚Wir’, das die Frage nach der individuellen Schuld und Verantwortung überspielt. Es entlastet, weil es die Perspektive – in der letzten Strophe – ins Existenzielle und Anthropologische verschiebt und damit der deutschen Verantwortung ausweicht.“ Was Braungart hellsichtig hier moniert, passt allerdings auf den Säulenheiligen der Literatur des 20. Jahrhunderts, Franz Kafka, der gerade wegen seiner nicht konkreten Vagheit so beliebt und gefeiert wurde. Das wäre eine eigene Betrachtung wert, die die eingeschworene Gemeinde aber nicht leisten will.

Die üblichen Verallgemeinerungen, bei uns seit Jahrzehnten von sich kritisch-verantwortlich Denkenden vorgebracht, wie „Hitler ist in uns allen“ oder ähnlicher Frechheiten, verwischen tatsächlich, ähnlich den dummen Reduktionen auf die Pathologie, auf die Person, als ob es keine objektiven Bedingungen des Nazismus gegeben hätte. (Ähnliche Entlastungsmechanismen pflegen z. B. auch viele Griechen, wie wir nicht zuletzt dem Vorwort des Griechenlandheftes entnehmen müssen).

Wolfgang Braungart liefert mit seinem „Porträtversuch“ einen der besten Beiträge dieser Ausgabe, den ich den Lesern dringend empfehle.

Wir kommen zum Monat, dem gleich zwei Artikel gewidmet sind. Einer von Marko Martin, einer von Peter Härtling. Martin, 1970 in der DDR geboren und kurz vor Torschluss, im Mai 1989, in die Bundesrepublik umgesiedelt, wo er sein Studium absolvierte und Karriere als Schriftsteller und Publizist machte, sieht im Monat „Ein Fenster zur Welt“ und schreibt im Untertitel „Der Monat – Eine kritisch-subjektive Würdigung“. Ich finde seinen Beitrag nicht kritisch, wohl aber subjektiv. Und bedenklich. Eigentlich ist es eine Hagiographie auf Lasky. Er liest sich wie das Elaborat eines Konvertiten, der par tout beweisen muss, wie positiv, weitreichend, nachhaltig, politisch vernünftig das war, wofür er sich begeistert, die Zeitschrift Der Monat, 1948 von Melvin Lasky gegründet, bis 1971 erschienen. Nach der Einstellung gab es 1978 eine Wiederbelebung, die aber schon 1987 endgültig verstarb.

Die Bewertung der Zeitschrift braucht sich nicht an der Persönlichkeit des Melvin Lasky, einem Paradebeispiel eines geifernden Kalten Kriegers, zu orientieren. Das Beitragsprogramm war beeindruckend und kulturell wertvoll. Die Versammlung wichtiger Autoren aus der westlichen Welt, soweit sie nicht kommunistisch orientiert waren, ist vielfältig und hochgradig. Und auch als man nach der Enthüllung der New York Times wissen musste, dass die CIA der umfassende Finanzier war, Der Monat, neben anderen, ähnlichen Zeitschriften in Wien (Forum), Frankreich (Preuves), Italien (Tempo presente), England (Encounter), Cuadernos, spanisch, aber in Paris publiziert, Brasilien (Cdernos), Mexiko (Examen) bzw. The China Quarterly vom Geheimdienst als kulturpolitische Waffen unterstützt waren, im Verbund mit den publikumswirksamen „Kongressen für kulturelle Freiheit“ und ähnlicher Propagandamaßnahmen, auch dann war oder ist weder der literarische Gehalt, noch die bildnerische Funktion der einzelnen Zeitschriften in Abrede zu stellen. Es war nur klar geworden, soweit man es nicht vorher schon ahnte oder vermutete, dass auch die vielbesungene Freiheit der Kultur, ähnlich jener der Wissenschaft, so frei nicht war (und ist), sondern sogar als „Waffe“ eingesetzt wurde und wird.

Dass Marko Martin aber hergeht und in einem beträchtlichen Teil seiner Eloge dies alles abweist, bagatellisiert, wie er es nie hinnehmen und minderdeuten würde, ginge es um Manöver der Gegenseite, der früheren Sowjetunion oder seines Heimatlandes DDR, zeigt eine politische Schlagseite, die auch einem Charakterzug des Unkritischen, des Parteigängers, zuzuschreiben ist. Der politische Unverstand, eine bedingte Kurzsichtigkeit und Vordergründigkeit dieses Publizisten lässt sich auch an den quacksalbernen Erklärversuchen ablesen, wenn er schreibt, dass er Text für Text, Zeile für Zeile, durchgeackert habe um zu prüfen, ob sich Propaganda im Monat finde. „Doch ich fand genau Gegenteiliges: Bereits Anfang der fünfziger Jahre wurde im Monat die Hysterie des Senators Joseph McCarthy scharf kritisiert, wurde dann die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King mit immenser Sympathie begleitet und der Vietnamkrieg abgelehnt – und bei all dem nicht etwa einem wie auch immer gearteten ‚american way of life’ die Präferenz gegeben, sondern eher einer Form westeuropäisch sozialliberalem Rechtsstaats.“

Das verschlägt einem schier den Atem. Wie kann man heute, nach soviel Bildungs- und Informationsmöglichkeit, noch so unverfroren „naiv“ argumentieren? Der Ex-DDRler klebt an den Buchstaben, hat nichts Propagandistisches gefunden, sondern Gegenteiliges. Die CIA als Lieferant anti-amerikanischer Sätze! Der Autor kennt weder die amerikanische Innen- noch Außenpolitik, er ermisst nicht die Art der amerikanischen Kultur- und Medienpolitik, und versteht nicht das Konzept der „Freiheit“, das gerade in den USA sehr biegsam ist. Er schwadroniert in seinem „kleinen Würdigungsartikel“ von der heilen Welt und der hehren Aufgabe des Westens zur Rettung der freien Welt.

Er, der in einem Satz schnöde Werner Mittenzweigs Brechtbiographie als „vermeintlich ‚kritisch’“ abtut, erwähnt zwar den Artikel der New York Times, hat aber die einschlägigen Arbeiten zu dieser amerikanischen Kulturpolitik entweder nicht gelesen oder wieder aus seinem Denkhorizont verbannt. Es gibt neben deutschen, englischen, französischen Arbeiten auch amerikanische, z. B. die von Frances Stonor Saunders (Wer die Zeche zahlt. Die CIA und die Kultur im Kalten Krieg), in deutscher Übersetzung just bei Siedler 2001 publiziert, jenem Siedler, den er auf warme Empfehlung Laskys besuchte ... Es wurde von arte TV 2006 eine aufschlussreiche Dokumentation gesendet, auf die in Telepolis Wolf-Dieter Roth näher einging (26.11.2006), es gab in der New York Times immer wieder Beiträge zur „Kulturpolitik“ der CIA, etwa am 18.3.2000 den Beitrag von Laurence Zuckerman „How the Central Intelligence Agency played dirty tricks with our culture“, worin die hier erwähnten Umtriebe und die smarte Instrumentalisierung von Werken bekannter Autoren, die natürlich immer jenseits plumper, offener Propaganda waren, behandelt werden. All das übersieht der enthusiastische Elogenschreiber.

Dieses Elaborat wird ergänzt durch einen kurzen Beitrag von Peter Härtling, der für Marko Martin versichernder Gewährsmann für die volle, totale redaktionelle Freiheit des Monat war.

Die Ausgabe Nr. 251 widmet sich der brasilianischen Literatur. Das bot sich an, da Brasilien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist. Die Leser haben Gelegenheit, neben vielen Artikeln, Magazinbeiträgen, Videos oder Fernsehsendungen zu Brasilien und seiner Literatur und Kultur, hier eine besondere Auswahl zu finden. Brasilien ist mehr als der Karneval in Rio, mehr als billige Huren für Charterflugtouristen, mehr als Kaffee oder Niederholzen des Regenwaldes. Auch mehr als Fußballweltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele 2016, die aufzeigen, wie tief gespalten in Reich und Arm, in Obere und Untere, dieses Land immer noch ist, trotz erfolgter kleiner Reformen, trotz Wirtschaftsstärke. Brasilien brodelt.

Michi Strausfeld, die sich als Lektorin und Herausgeberin spanischsprachiger Literatur enorme Verdienste erworben hat (Suhrkamp Verlag bis 2008), redigierte diese Ausgabe. Ihre Einleitung beginnt mit der Feststellung des grenzenlosen, allgegenwärtigen Optimismus, der seit Jahrtausendbeginn in Brasilien herrsche. Die neuesten Nachrichtenmeldungen relativieren zwar diesen Befund. Es ist noch nicht ausgemacht, wie optimistisch das Land, in dem „in so einem Augenblick alles möglich ist“, wirklich bleibt, wem der Optimismus was bringt.

Ähnlich wie im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4.10.2013 geht sie kurz auf die Geschichte ein, nennt die wichtigen Autoren von damals, schlägt die Brücke zur Gegenwart und erklärt davor, wann der Aufschwung begonnen hat: „Der Aufschwung der brasilianischen Literatur verdankt sich vor allem aber der ‚Woche der Modernen Kunst’, die 1922 in São Paulo stattfand und Dichter und Maler, Musiker und Architekten, Romanciers und Essayisten zusammenführte. In Manifesten wurde eine ‚modernistische Revolution’ gefordert, Eigenständigkeit und Abkehr von allen europäischen Modellen.“ Sogar während der Diktatur unter Getúlio Vargas (1930-1945) ging es der brasilianischen Literatur nicht schlecht, obwohl die Kulturpolitik restriktiv war. „Bücher von Jorge Amado wurden zwar öffentlich verbrannt, und er wie auch Graciliano Ramos kamen wiederholt ins Gefängnis, aber dennoch publizierten sie weiter. Hinzu kamen die Stimmen der neuen Giganten: João Cabral de Melo Neto, João Guimarães Rosa und Clarice Lispector.“ Es folgten neun Präsidentschaften auf diese Diktatur, bis es zum nächsten Staatstreich kam, der eine zwanzigjährige Diktatur einläutete, die für alle Künstler recht schwierig war. Erst um 1979 begann eine politische Öffnung, in der die Zensur abgeschafft wurde, womit eine neue Blüte ermöglicht wurde: „Viele von ihnen erzählten wunderbare Geschichten, vor allem João Ubaldo Ribeiro, der mit Brasilien, Brasilien (1984) ein Meisterwerk vorlegte. Dalton Trevisan, Antônio Torres, Márcio Souza, Lygia Fagundes Telles ... sie überraschten und faszinierten ihre Leser auf zuvor nicht gekannte Art.“

Für die Neunzigerjahre konstatiert Strausfeld viel weniger neue Autoren. „... es fiel und fällt den Schriftstellern seit den 90er Jahren immer schwerer, Aufmerksamkeit und Interesse bei den Lesern zu finden.“ Und jetzt, im neuen Jahrtausend? „Der Literaturbetrieb ist aktiver und offener geworden, auch wenn kaum einer der jungen AutorInnen wirklich glaubt, den Lebensunterhalt allein durch das Schreiben von Büchern bestreiten zu können. Dennoch spürt man überall kreative Unruhe und das unübersehbare Bemühen, engen Kontakt zum Leser zu bekommen.“

Die Sammlung der brasilianischen Texte bietet ein spezielles Lesevergnügen. Neben den Texten zu tristen, tragischen Lebensereignissen und –erfahrungen, Gefängnis, Slum, Gewalt, gibt es auch solche zur Historie und Politik bzw. einfach „literarische“. Manchmal verwundert einen die Übersetzung; man fragt sich, ob das Original so eigen ist oder nur die Übersetzung, wie bei Luisa Geislers Text „Alle“, worin ich lese, dass die Protagonistin „das Zischen geöffneter Büchsen“ höre, was mich sehr verwundert, weil ich keine solchen Büchsen kenne. Auch brennt in dieser Geschichte die Mittagssonne so heiß, dass sie auf der Haut schmerzt, während zugleich aber ein eisiger Wind weht. Wie das zusammengeht, auch in Brasilien, verstehe ich nicht.

Einen politischen Beitrag bietet Márcio Souza mit „Wer ist in diesem Land eigentlich moderner?“ worin er nüchtern feststellt, dass den Brasilianern die Erfahrung des Bürgerkriegs fehle, wie ihn die Amerikaner machten. Die kurze Erzählung „Die Bibliothek“ von Luiz Schwarcz nahm mich gefangen, und das nicht nur, weil der Titel ein Bild von dem argentinischen Borges wachrief, sondern weil die Geschichte simpel daherkommt, aber merkwürdig sich festmacht in der Vorstellungswelt des Lesenden. Recht viele Gedichte sind ausgewählt worden. Sie zeigen am deutlichsten, dass in der Lyrik das persönlich Eigenständige ohne Lokalkolorit, ohne Dimensionen des Ortes oder der Ethnie, am ehesten zu Leben erwacht, was erklärt, weshalb Poems so wenig als Ausweis von Nationalliteratur taugen, wenn sie nicht daraufhin abgestimmt wurden.

Wie anders da ein Text wie „I love my husband“ von Nélida Piñon, der einem einerseits satirisch erscheint, andererseits, bei Berücksichtigung der brasilianischen Zustände, durchaus realistisch. Oder ist er satirisch, weil hyperrealistisch? Jedenfalls köstlich.

Diese Ausgabe zur brasilianischen Literatur ist eine willkommene Ergänzung zum Messeprogramm in Frankfurt und den Artikeln, die wir in der Tages- und Wochenpresse dazu finden konnten. Die Anthologie des „Spaziergangs durch die Literatur Brasiliens“ hat auch den Vorteil, immer wieder zur Hand genommen werden zu können, wenn man wieder Mal Lust hat zu flanieren.

weiterführende Links:

die horen

  • Cover die horen # 251
  • Cover die horen # 250
  • Cover die horen # 249

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