Der Hessische Landbote Nossacks

20.11.2013 Haimo L. Handl

«Der Hessische Landbote» von Hans Erich Nossack. Von wem bitte? Hans Erich Nossack, deutscher Schriftsteller, geboren 1901, gestorben 1977, Büchner-Preisträger 1961. Es sind einige, die den Namen noch kennen, wenige seine Werke, die zwar noch zu einem Teil aufliegen bzw. Wiederauflagen erlebten, aber eben nicht so bekannt und begehrt sind. Trotzdem gibt es eine Neuerscheinung, eine Erstauflage von ihm, sein deutsches Trauerspiel «Der Hessische Landbote», 1934 geschrieben, nie veröffentlicht.


Jetzt von Gerald Funk und Tilman Fischer im Aisthesis Verlag, Bielefeld herausgegeben und mit einem kundigen Nachwort versehen. Das Nachwort auf 29 Seiten des schmalen Bändchens von insgesamt 106 Seiten liefert, mit präzisen Quellenangaben versehen, eine kleine, aber informative Geschichte der Literatur zur Zeit der Nazis und nach dem Krieg, zu einem Autor, der in der inneren Emigration schrieb und zu publizieren versuchte bzw. nach dem Krieg als Schriftsteller sich einen Namen machte, und dazu eine Geschichte seiner Rezeption von Georg Büchners «Hessischem Landboten», 100 Jahre vorher verfasst.

Während das Drama eher literaturhistorisches Interesse befriedigen wird bzw. Kenner von Nossack, bietet das Nachwort praktisch einen Lektüreverweis, den es nachzugehen, nachzuschlagen lohnt. Nossack hat sich ein wenig selbst stilisiert. Er, der in der inneren Emigration im Land blieb während der Nazizeit, erkannte, dass es besonderer Anstrengungen bedurfte, um nach dem Krieg, er war immerhin schon Mitte Vierzig, literarisch zu reüssieren. Er hatte nur eine Chance, und die ergriff er: «Wenn ich jetzt nicht an die Oberfläche tauche, wird es nie geschehn, und daran habe ich mich zu halten.» Von ihm war vor dem Krieg nichts Wesentliches erschienen. Er verstand sich eher als Dramatiker und tippte die vom Brand geretteten Manuskripte ab. «Meiner ursprünglichen Anlage nch halte ich mich für einen Dramatiker, nur daß mir eben im Jahre 1943 alles verbrannte.»

Der große Brand von Hamburg war eine Katastrophe, die aber der Autor auch als eine Art von Befreiung von altem Ballast sah, als Chance, sich jetzt «neu zu erfinden». Er schrieb «Meine ganzen bisherigen Arbeiten waren verloren. Wiederherstellen ließen sie sich nicht.» Das stimmte nicht ganz. Erst spät wird eine Prüfung der Korrespondenz und Tagebucheintragungen zeigen, dass einiges gerettet worden war, dass Nossack intendiert das Bild zimmerte vom Autor, der alles verloren hatte, der neu anfangen musste. Mit einem Text dieses Neuanfangs erregte er einiges Aufsehen. «Der Untergang», 1948 verfasst, schildert trocken, unsentimental und dennoch oder gerade deshalb eindrücklich die Bombardierung Hamburgs, den Feuertod. Er war damit einer der ersten deutschen Schriftsteller, die sich dieses Themas gleich nach dem Krieg annahmen.

Zuvor hatte er «Nekyia. Bericht eines Überlebenden» und Gedichte publizieren können, einige Jahres später folgte der Roman, der zu seinem bekanntesten werden sollte, «Spätestens im November». Mit seinen Dramen hatte er jedoch weniger Erfolg. Seine Erzählungen, Reden und Aufsätze erreichten gute Auflagen. Dennoch hielten sich Legenden, wie die vom Publikationsverbot in der Hitler-Zeit, oder vom Außenseiter, der nach dem Krieg negiert worden sei oder keinen Anschluss gefunden habe. Nossack war zwar nicht Mitglied der Gruppe 47, aber weder unbekannt noch publikationsbehindert. Er war auch nicht introvertiert zurückgezogen, sondern rührig, ja geschäftig, was sich nicht zuletzt in den vielen Ämtern und Positionen bzw. Preisen, die er erhielt, zeigt. Diese Legenden gehen auf sich widersprechende autobiographische Aussagen Nossacks zurück bzw. der Tatsache, dass er offensichtliche Mythen nie öffentlich korrigierte.

Johannes Hilgart hat diese Problematik vornehm zurückhaltend und dennoch deutlich beschrieben: «Da es Nossack nicht gelingt, die von ihm für einen Schriftsteller als einzig »echt« oder »authentisch« postulierte Haltung selbst einzunehmen, verwirklicht er sie idealtypisch in verschiedenen Figuren seiner Werke ... und projiziert sie auf Autoren seiner »wirklichen Familie«. Den schmerzhaften Widerspruch zwischen dem einzelgängerischen Idealbild und der Lebenswirklichkeit des betriebsamen Literaten, dem die Arbeit in verschiedenen literarischen Akademien erhebliche Energie abfordert, trug Nossack mit sich selbst in seinen Tagebüchern aus.»

Und zum für uns hier interessanten Aspekt seiner verbrannten Dramentexte schreibt Hilgart: «Die Lösung dieses rätselhaften Versteckspiels Nossacks mit seinen alten Stücken muß wieder in seinem Schriftstellerideal und dessen problematischer Umsetzung im eigenen Leben gesucht werden: Zu einem einsamen Dasein »ohne Hintergrund« passen verbrannte Werke besser als erhaltene. Nossack verleugnete diejenigen seiner erhaltenen Stücke, die ihm am wenigsten »echt« erschienen oder seiner inzwischen gewonnenen Literaturauffassung nicht mehr entsprechen – obwohl er deren Typoskripte aufbewahrte und nicht, wie so vieles andere, bei einem seiner vielen Umzüge wegwarf.»

Die beiden Herausgeber von Nossacks Hessischem Landboten, Gerald Funk und Tilman Fischer, sind Experten für Büchners Werk; sie arbeiten in der Forschungsstelle Georg Büchner an der Philipps Universität Marburg, und sind durch etliche Fachpublikationen zum Werk Büchners hervorgetreten. Ihr profundes Wissen bildet eine besonders günstige Ausgangslage, Nossacks Dramatisierung des Büchnerschen Hessischen Landboten zu bewerten bzw. akribisch, minuziös die Datenlage zu erkunden und zu deuten. Deshalb ist das Nachwort, obwohl kurz gefasst, so reich an Informationen und Hinweisen. Wir erfahren einiges aus den Selbstbewertungen des Autors zu seinem Stück, seine eigene Abwertung, die Meinungen von Lektoren und Theatermachern bzw. Verlegern. Es werden Verweise auf Interviews gegeben oder relevante Aussagen in Texten von Literaturkritikern. Kurz, das dunkle Bild wird erhellt, soweit das möglich ist. Damit wird nicht nur ein persönlicher Aspekt des Autors und seines Stücks beleuchtet, sondern es werden die Produktions- und Rezeptionsbedingungen beschrieben, die vielfältigen gesellschaftlichen Einflüsse und Rücksichtnahmen als Aspekte des Literaturbetriebs.

Auch die Fragen, wieweit Nossack sich mit dem Vorbild Büchner und der Vorlage seines Hessischen Landboten identifizierte, worin er Akzente setzte, wie diese etwas über ihn als Autor in den Dreißigerjahren aussagen, werden gestellt und, soweit dies in der Kürze möglich ist, beantwortet.

Der Ruhm Büchners, sein Bild des Revolutionärs, ist so eindimensional positiv, weil Georg Büchner so jung starb. Wer weiß, welcher Eindruck sich verfestigt hätte, wäre Büchner als Professor in Zürich alt geworden, als Beamter im Staatsdienst, und hätte damit den Beleg des ordentlichen, fleißigen Bürgers geliefert, der den Frieden offensichtlich nicht nur in den Hütten fand? Das äußerst kurze Leben begünstigt die Idealvorstellung des Publikums. Wie anders ist das bei denen, die älter oder alt wurden, die Zeugnis ablegen von ihrem Reifungsprozess, von Änderungen? Man denke nur an Goethe, um den prominentesten zu nennen. Nossack verstarb im 76. Lebensjahr. Er hat eine relativ späte literarische Karriere geschafft, war erfolgreich. Er hat Wandlungen durchgemacht, ganz anders als Büchner, der am Anfang stand, und dessen Anfang uns genügen muss. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt dieser Anfang aber als «Ganzes». Ein Konstrukt.

Die autobiografischen Stilisierungen Nossacks können als Versuch eines ähnlichen Konstrukts gesehen werden, weil das reale Leben sich nicht mit dem Idealbild deckte, ganz unabhängig davon, ob es sich hätte decken sollen oder je hätte decken können.

Deshalb ist die Lektüre des Hessischen Landboten von Nossack, den er „Ein deutsches Trauerspiel“ nannte, so aufschlussreich. Es sagt uns etwas über Büchner, aber fast mehr über Nossack. Und über Deutschland.

Hans Erich Nossack: Der Hessische Landbote. Ein deutsches Trauerspiel.
Hg. von Gerald Funk und Tilman Fischer. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013,
ISBN 978-3-89528-989-7

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