Der Dichter und sein Germanist

14.09.2013 Haimo L. Handl

Die Anthologie gibt die Arbeiten der gleichnamigen Konferenz wieder, die 2011 im Institut für Germanistik der Universität Wien stattfand, die dem Andenken des bekannten, berühmten und gefeierten Germanisten gewidmet war, aber sich nicht auf Gedenkarbeiten beschränkte, sondern literaturwissenschaftliche bzw. –historische Themen abhandelte, die nichts oder nur entfernt mit Schmidt-Dengler zu tun haben.


Die Anthologie versammelt in zwei Teilen auf 201 Seiten Beiträge zu Wendelin Schmidt-Dengler und zum Themenkreis, wie ihn der Titel benennt. Fünf Autoren äußern sich zur Person Schmidt-Dengler, neun im zweiten Teil, wovon 3 Autorinnen sind, zu literaturwissenschaftlichen Fragen.

Der Titel mag einige erstaunen, weil er im Singular gehalten ist. Er evoziert auch Erinnerungen an ähnliche Titel, die sehr gängig scheinen, wie „Der Dichter und sein Schatten“, „Der Dichter und sein Astronom“ oder „Der Dichter und seine Gönnerin“.

Im einleitenden Vorwort der Herausgeber lesen wir, dass Schmidt-Dengler „das Verhältnis zwischen Philologen und Dichtern neu erfunden hat“. Es ist anzunehmen, dass Schmidt-Dengler das realistischer (und korrekter) formuliert hätte, weil er nichts erfunden, sondern höchstens neu gestaltet und belebt hatte, was seinen Bemühungen keinen Abbruch tut. Aber zu erfinden, „neu erfinden“ (wie kann man alt erfinden?), war nichts, weil es auch vor Schmidt-Dengler natürlich Beziehungen zwischen Philologen oder Germanisten mit Dichtern und Schriftstellern gab, auch wenn sie anders als später, nach dem Wirken Schmidt-Denglers, waren. Dass auseinandergeratene Beziehungen, scharf getrennte Bereiche, nicht beziehungslose isolierte sind, zeigt die Germanistik nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Die aus verschiedenen Gründen problematischen Beziehungen sind trotz Störungen Beziehungen, was denn sonst? 1985 schrieb dazu der Schweizer Autor Adolf Muschg in der ZEIT einen informativen Beitrag unter dem Titel „Der Krieg ist vorbei“. Dass die Verhältnisse und Beziehungen nicht harmonisch glatt geworden sind, ist kein Manko. Marc Reichwein meint in seinem Beitrag „Wieviel Kritik braucht der Betrieb?“ (LITERATURKRITIK.de, 23.6.2013), „Dass man sich von Produktions- und Distributionsseite der Literatur offiziell abgrenzt und distanziert, gehört nach Pierre Bordieu zur illusio des literarischen Feldes.“

Im ersten Teil lesen wir eine hübsche Eloge von Friedrich Achleitner, einen Beitrag von Helmut Neundlinger zu Schmidt-Denglers Nachlass (war im Mai 2012 im STANDARD erschienen), von Hannes Schweiger einen Aufsatz über Ernst Jandl und sein Verhältnis mit dem Germanisten, sodann eine Arbeit von Stefan Alker und Wolfram Seidler über die Bibliothek Schmidt-Dengler an der Fachbereichsbibliothek Germanistik der Universität Wien. Der wichtigste und gehaltvollste Beitrag dieses Abschnittes ist die Arbeit von Karlheinz Rossbacher, „Wendelin Schmidt-Dengler liest Johann Nestroy“, worin der Autor, wie er schreibt, zeigen will, „wie Nestroy ein Autor für Schmidt-Dengler wurde und Schmidt Dengler ein Germanist für Nestroy.“ Wir erfahren, dass Schmidt-Dengler mit Respekt die österreichische Nestroy-Forschung beurteilte, wenn auch nicht die ganze. „Durchaus weniger aber hat er Arbeiten geschätzt, die von vornherein zu verstehen geben, wo Nestroy ideologisch gestanden oder nicht gestanden sei. Deshalb vorweg: Schmidt-Denlger hat es als seine Leitlinie betrachtet, ‚dass die entscheidende Differenzqualität Nestroys zu den Vorgängern, Zeitgenossen und Nachfahren in der Instrumentalisierung der Sprache liegt’.“ „Er steuerte seine Blicke auf Nestroy zwischen Vereinseitigungen hindurch: Weder sah er Nestroys Leistung allein von den Gegebenheiten des Wiener Volkstheaters her, noch sah er sie allein von der europäischen Komödientradition her, also Aristophanes – Shakespeare – Moliere.“ „Die Präsenz Nestroys in der Schrift setzte Schmidt-Dengler hoch an, er hielt ihn für den ‚Dramatiker für Leser schlechthin’, und er sagte es noch deutlicher, nicht zur Freude aller: Nestroys Werk sei ‚zu wichtig, um es den Regisseuren zu überlassen.’“

Informiert und überlegt geht der Autor auf verschiedene Aspekte des Nestroyschen Werkes ein, so etwa die fehlende Resignation in seinen Stücken, die Absenz des Heldischen, die Entzauberung des Heroismus und der Montur und die Wichtigkeit der Sprache. „Wie schon Mautner geht auch Schmidt-Dengler von dem berühmten Essay aus, den Karl Kraus zum 50. Todestag Nestroys im Jahre 1912 in der Fackel veröffentlicht hat. Nestroy könne als der erste Satiriker gelten, ‚in dem die Sprache sich Gedanken macht über die Dinge.’ Für Schmidt-Dengler hat Kraus damit Nestroy, dessen Rezeption bis dahin keineswegs immer schmeichelhaft war, …, erst auf ein Niveau gehoben, „auf dem eine Wahrnehmung durch die Literaturwissenschaft möglich war.’’ Rossbacher verbindet diese Feststellung mit einer Bemerkung zu Hofmannsthals Chandos-Brief, und rührt mit den beiden erwähnten Autoren Kraus und Hofmannsthal an zwei immer noch umstrittene Figuren, die die Interpretation der Arbeit und Position Schmidt-Denglers erhellen, denn Schmidt-Dengler „bindet diese Sprachskepsis [Hofmannsthals], sofern man darunter nicht nur Misstrauen und Zweifel am Gebrauch der Sprache versteht, auf Nestroy zurück.“

Der Aufsatz von Hannes Schweiger zu Jandl und Schmidt-Dengler schildert nicht nur die Beziehung des Germanisten mit dem Dichter, sondern geht konzise auf ein generell problematisches Verhältnis von Tradition und Gegenwart, von Althergebrachtem und Neuerungen ein, wie es sich nicht nur seitens der Literatur, dem Literaturbetrieb, sondern auch der Germanistik als Literaturwissenschaft zeigt. Schon die Zwischentitel indizieren dies: „Die Öffnung der Germanistik – Ernst Jandl an der Universität“, „Wendelin Schmidt-Denglers Rolle in der Jandl-Forschung“, „Wendelin Schmidt-Denglers Jandl-Lektüren“ und „Ernst Jandl und Wendelin Schmidt-Dengler als Vermittler österreichischer Gegenwartsliteratur“.

In den frühen Siebzigerjahren wurde an der Universität Wien der Versuch unternommen, die Germanistik in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Ernst Jandl wirkte dabei von Anbeginn mit, wobei er mit einer grundsätzlichen Infragestellung begann. „Jandl thematisiert die Art und Weise des Sprechens über seine Texte, das insofern ein fragwürdiges Unterfangen sei, als doch ‚alles, was zu dem Gedicht gehört’, dieses selbst enthalten müsste. ‚Alles aber, was das Gedicht enthält, ist für alle da, nämlich für jeden, der sich damit beschäftigt, und er bekommt es vom Gedicht genau in dem Ausmaß, als er sich damit zu beschäftigen versteht.’“ Jandl setzte sich vehement für einen interdisziplinären Kontakt und Austausch ein, schlug sogar eine Art „künstlerisch-wissenschaflticher Akademie der Stadt Wien nach Darmstädter oder Berliner Vorbild’ vor, was aber nie verwirklicht wurde, und trat für eine enge bzw. engere Zusammenarbeit der Grazer Autorenversammlung, die 1973 gegründet wurde, mit „progressiven“ Germanisten ein, um ein Gegengewicht zu den durch den PEN vertretenen konservativen Germanisten zu bilden. „Die Kritik an einem selbstgefälligen und dünkelhaften österreichischen Traditionalismus, der die eigene Vergangenheit verklärte, war ein weiteres Verbindungsglied zwischen literarischer Avantgarde und progressiver Germanistik.“ Aus diesen Bemühungen resultieren auch die frühen Überlegungen für Schreib- und Dichterschulen, die sich an den amerikanischen Vorbildern ausrichteten.

In einem kleinen, aber wichtigen Aspekt sekundierte Schmidt-Dengler dem Autor Jandl: „Wie bei kaum einem anderen Schriftsteller ist im Fall Jandls das Werk eng an seine Stimme, an das performative Moment ihrer Vorführung durch den Autor, gebunden. Dazu Schmidt-Denglers Hinweis, dass es wichtig sei, „mit den Texten [auch] allein umzugehen, – ohne autors stimme.“ „Damit wendet sich Schmidt-Dengler mit dem Autor gemeinsam gegen einen ‚sich hartnäckig behauptenden Topos der Jandl-Rezeption’: der Annahme, seine Gedichte würden ihre Wirkung nur dann entfalten können, wenn sie vom Autor selbst gelesen werden.“ Schmidt-Dengler: „Essentiell ist das Vorhandensein der Partitur, und jeder hat die Chance, nach Lust und Vermögen, seine adäquate Realisation zu finden, ohne darauf angewiesen zu sein, daß diese als authentische vom Autor sanktioniert werde.“

Ein bedeutsames Argument, das heute, in Zeiten der neuen Unverbindlichkeit und Expertengläubigkeit wichtiger ist denn je, betont doch der Experte damit die beschränkte, begrenzte Rolle nicht nur des Autors als Kreator, sondern auch des Germanisten, des Spezialisten, als Deuter. Im emanzipatorischen Sinn wird dem Leser, dem Rezipienten, seine eigenständige Rolle zuerkannt, was leider nicht selbstverständlich ist.

Ein Ding hat mehrere Seiten. Situationen und Zustände auch. Nichts ist eindimensional oder eindeutig. Die Kehrseite des freien Umgangs, der Interpretation kann leicht zur Entwertung führen, wenn massenhaft geübt. Das zeigt sich oft bei der Rolle von Jandls Texten in Schulen. „Trotz der vielfältigen Möglichkeiten, Jandls Texte im Unterricht einzusetzen, plädierte Schmidt-Dengler nachdrücklich dafür, Jandl nicht ‚zu einer Ravensburger Spielzeugfirma für Sprachbasteleien’ zu machen.“

Im zweiten Teil finden wir einen kurzen Beitrag von Marcel Lepper zu „Dichter- und Philologennachlässe im Archiv“, von Johannes Keller über „Mystische Philologie am Abgrund“ (ja, auch das gibt es immer noch), von Birgit Peter „NS-ideologische Metamorphosen am Beispiel von Heinz Kindermann: Ferdinand Raimund und Franz Grillparzer als deutsche Volksdramatiker“, von Karin S. Wozonig „Self-fashioning und Anekdote. Betty Paoli und ihre Biographien“, von Daniela Strigl „Der Biograph als Testamentvollstrecker. Anton Bettelheim erfindet Marie von Ebner-Eschenbach“, von Norbert Christian Wolf „’Hybrid wie die Dichtkunst’ – Hofmannsthal und die Germanistik seiner Zeit“, von Michael Rohrwasser „Die Figur des Wiederentdeckers und die neue Liebesunordnung. Mit einem Prolog zum Zufall von Stephan Kurz“, von Roland Innerhofer „Der Germanist als Schiedsrichter. Brüchige Allianzen im österreichischen ‚Dichterkrieg’ der 70er Jahre“ und von Christoph Weinberger „Dichten mit dem Lötkolben: Friedrich Kittler liest Thomas Pynchon“.

Es fehlt hier der Platz um auf alle Beiträge einzugehen; jene von Keller, Wolf und Rohrwasser sollen aber kurz erörtert werden. Johannes Keller leitet seinen Beitrag mit dem auch von Schmidt-Dengler behaupteten Vorsprung der Theologie vor der Philosophie ein, weil die Theologen Texte viel genauer läsen. Wieweit aber genaue Lektüre, vor allem in der Theologie, etwas für ihre angemaßte Wissenschaftlichkeit hergibt, ist eine andere Frage, die leider nicht erörtert wird bzw. von Schmidt-Dengler nicht behandelt wurde. Seit wann soll für die Wissenschaft eine Theologie als Vorbild dienen? Sich von Lesetechniken leiten lassen, sei unbenommen. Aber so simpel formuliert, klingt es wie eine unstatthafte Erhöhung einer Disziplin, die in der Wissenschaft nichts zu suchen hat (weshalb ja die Religionswissenschaft sich von der Theologie unterscheidet!).

Davon abgesehen sind die Überlegungen zu Aussagen Meister Eckharts, auf die Keller sich demonstrativ stützt, hoch interessant, weil sie ein semiotisches Problem benennen. Es geht um das Nichts und das Sein und die Sprache, die eben auch Gott, der über allem ist, in den Mund nimmt. Eckhart wendet sich gegen Metaphorik und Gleichnisse; sie seien „unreines Sprechen“ über Gott. Aber er selbst kommt nicht ganz ohne Gleichnisse aus. Viele werden sich da an den Sprachdenker Heidegger erinnern, aber auch an Wittgenstein, und von dort her die Problematik einer Situation beleuchten, in und mit der Sprache über diese hinaus etwas zu denken, zu sagen. Immerhin stellt(e) diese Frage nicht nur Philosophen vor Probleme, sondern auch Dichter und Schriftsteller, nicht zuletzt Hugo von Hofmannsthal, dessen Sprachkrise schon erwähnt wurde.

„Die grundsätzliche Frage ist, was eigentlich mit dem Wort geleistet werden kann, wie weit kommen wir mit der Sprache, und wo liegen ihre Grenzen.“ Nur wer, vielleicht verbildet von irgendeiner Theologie, sich anmaßt, alles erkennen zu wollen, zu sollen oder zu müssen, wird verzweifeln. Die andern meistern die Sprachkrise. Im Kern geht es um einen Eigenwert von Sprache, um SEIN und nicht nur Bezeichnen, Mitteilen. Wenn der Gläubige von der „mehr oder minder ‚mittelbaren’ oder ‚unmitelbaren’ Vereinigung des Menschen mit Gott“ spricht, ist das eine Rede, die allen Ungläubigen unglaubwürdig erscheinen muss. Da trennen wirklich Abgründe. Soll die Literaturwissenschaft sich theologisieren? Mensch, bewahre! Ein Zeichen, das nicht als Zeichen, sondern als (eigenständiges) Objekt wahrgenommen wird, ist kein Zeichen mehr. Wenn das Wort „Gott“ keinen Gott bezeichnen kann oder darf, sondern in der Sprache Gott wird, haben die Sprache und ihre Zeichen ihre eigentliche Qualität und Funktion verloren zugunsten eines Glaubenskonstrukts, in dem Gott IST: „Das wirkende Wort zielt darauf ab, uns Gott nicht nur ähnlich, sondern gleich zu machen, jeder einzelne soll zu Gottes Sohn werden.“

Was im Einzelnen durchaus interessant ist, verlangt aber nach Positionsbezug (Kritik) und damit nach Deutung. Die Art, wie hier mystisches Denken wieder in die Wissenschaft eingeführt wird, stellt einen Rückschritt dar.

Norbert Christian Wolf geht auf Hofmannsthal und die Germanistik seiner Zeit ein, beleuchtet dazu kurz die Historie, das soziale Umfeld der damaligen Zeit und den Bildungsweg, den Hofmannsthal nahm. Besonderes Augenmerk erfährt der Kontakt Hofmannsthal mit Walther Brecht, der, nach zitierter Auskunft seiner Gattin, „der einzig zünftige Gelehrte“ gewesen sei, „der Hofmannsthal jemals nahegestanden hat.“ Brechts etwas „verquaste Hofmannsthal-Deutung“ wird jedoch mit Verweis auf die Studien von Christoph König nicht wiederholt; die nötigen kritischen Anmerkungen betonen die fehlende Distanz Brechts bzw. seine Rolle, die eben nicht, wie von Hofmannsthal gemutmaßt, einem Wissenschaftler (im heutigen Sinne) entspricht.

Mit Verweis auf Aussagen von Ernst Osterkamp wird verdeutlicht, wie problematisch Hofmannsthal Beziehungen zu Germanisten waren bzw. wie fragil und komplex das Verhältnis Dichter und Gelehrter sich gestaltete. Ostermann plädiert für einen genauen Blick auf die „konkreten Entstehungsbedingungen“ dieses Verhältnisses.

Das liefert einige Aspekte, die generell von Bedeutung sind für die Interpretation von Werk und Personen, insbesondere Dichtern und Exegeten bzw. Experten. Zitate, auch extrem abwertende, wie von „Schriftstellerkollege Richard Kralik“, bereichern das facettenreiche Bild. Auch das politische Nahefeld bespricht Keller, in welchem sich „in der Vor- und vor allem in der Zwischenkriegszeit ‚Germanisten und Dichter nicht zuletzt im Zeichen gemeinsamer politischer Zielsetzungen und Wertmaßstäbe zusammen [finden]’, deren ideologische Tendenz häufig auf die in Hofmannsthals Schrifttums-Rede apostrophierte Konservative Revolution hinausläuft.“

Werden die von Hofmannsthal 1926 verfassten Notizen „Über Walther Brecht“ als in raunender Diktion apostrophiert und gemeint, dass dies eher an Heidegger als an Hofmannsthal erinnere („In der Sprache, genialisch gebraucht, west das Geheimnis.“), erinnert sich der Leser an den Beitrag von Keller, wenige Seiten davor, der von der mystischen Philologie am Abgrund raunte, ohne dass eine Kritik ihn einbremste. Der unfreiwillig hergestellte Vergleich zwischen dem Raunen von Hofmannsthal und Heidegger und heutigen Wissenschaftlern ist jedenfalls köstlich.

Interessant auch, was Wolf über Josef Nadler und die Position Hofmannsthal zu ihm schreibt, was einem heute noch ein Kompliment gegenüber Hofmannsthal abringt, wie klug er die Gewichte in Nadlers Literaturgeschichte maß und bewertete. „Keineswegs entgeht es Hofmannsthal, ..., dass Nadler ‚nicht eigentlich die künstlerische Qualität zum Maßstab nimmt, sondern die Stärke, mit der eine tiefste vitale Tendenz zum Durchbruch kommt, ...’.“ Wolf weiter: „Insofern gilt ihm das Werk des Germanisten weniger als eine die spezifischen künstlerischen Qualitäten epochaler Dichtung angemessen würdigende historische Leistung denn als ‚eine moralische Macht’.“ Hofmannsthal wahrte gegenüber Nadler „trotz aller Verehrung eine gewisse Reserve“, die aber nicht soweit ging, dass er Nadlers Literaturgeschichte nicht hoch schätzte und etliche Gedanken auf sie baute.

Zwar nahm Hofmannsthal die unheilvolle rassistische Anbiederung Nadlers an die Nazis besorgt wahr, sah in ihm aber immer noch einen gültigen Vertreter einer Theorie österreichischer Literatur und Kultur im Unterschied zur reichsdeutschen.

Im Schlussabsatz zitiert er das von Harry Maync 1926 postulierte „Prinzip der hermeneutischen Distanz“ und betont, dass dieses „im Sinne Wendelin Schmidt-Denglers keineswegs zu einer Abstinenz der Germanistik von der Gegenwartsliteratur führen sollte (und auch nicht muss), wie es seinerzeit intendiert war, wird damit doch ein philologischer Standard bezeichnet, hinter den eine zeitgemäße, methodenbewusste Literaturwissenschaft nicht zurückfallen sollte. Mit diesem Fazit sei vor jenen Formen peinlicher germanistischer Panegyrik und pseudodichterischen Lyrismen von geringer Halbwertzeit gewarnt, deren sich manche Fachvertreter bei ihrer gebeugten Annäherung an die von ihnen gefeierte Dichtung gern befleißigen.“

Dieses Zitat musste ich vollständig anführen, weil es einen ganz wichtigen Schlusspunkt oder –strich setzt, weil es eine begrüßens- und lobenswerte, wichtige Kritik am Betrieb äußert (die später, in anderem Zusammenhang, auch bei Michael Rohrwasser zu finden sein wird). Kenner der Szene werden wissen, wen der Autor meint. Unabhängig von einzelnen Personen spricht die Kritik aber einen gewissen, bedauerlichen Rückfall ins Pseudo an: „Auch heute noch korrespondiert die steigende Höhe des Tons bisweilen mit wachsender Inhalts- und Erkenntnislosigkeit“. Wie wahr!

Norbert Christian Wolf liefert einen sehr lesenswerten, informativen Beitrag zu dem hochkomplexen Beziehungsphänomen Dichter und Germanist bzw. Hofmannsthal und Germanisten mit Bezugsmöglichkeiten zu unserer Gegenwart.

Michael Rohrwasser, von dem man spätestens seit seinem Buch, basierend auf seiner Habilitationsschrift, „Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten“ bzw. „Coppelius, Cagliostro und Napoleon. Der verborgene politische Blick E. T. A. Hoffmanns“ (beide 1991), weiß, dass er nicht nur präzises Quellenstudium betreibt, sondern auch um- und einsichtig interpretiert, liefert in seinem Beitrag „Die Figur des Wiederentdeckers“ Überlegungen zu einem kontroversen Thema. Er schält heraus, wie wichtig der sogenannte Zufall dabei ist, subjektive Dispositionen und sich ergebende Situationen, dass einer diese oder diesen entdeckt oder wiederentdeckt. Er streift auch die oft peinlichen Aspekte von Selbstlob und Überschätzung, die dabei gewisse Autoren sich leisten, bzw. bedenkt auch den Aspekt der „Leichenfledderei“. Die unterschiedlichen Autoren, die er als Beispiele anführt, zeichnen ein buntes Bild, das anregt, in jemandes eigener Literaturgeschichte die Blicke zu schärfen, Perspektiven neu einzunehmen.

Er verwendet Gedanken an die DDR-Literatur und Exilliteratur, und die spezifischen ideologischen Implikationen. Dabei kommt er auf einen Aspekt, den schon Norbert Christian Wolf ins Auge gefasst und kritisiert hatte, der vor allem mit der „wiederkehrenden Wahrnehmung [zusammenhängt], wie hartnäckig sich literaturhistorische Narrative fortpflanzen und behaupten, und dass diese Erzählungen stark genug sein können, das Unpassende unsichtbar werden zu lassen. Das mögen Erzählungen sein ... die davon handeln, dass die Exilliteratur das gute Gegenteil der schlechten Literatur der ‚Zurückgebliebenen’ war, Erzählungen darüber, dass die österreichische Nachkriegsliteratur keine zeitpolitischen Werke kannte und vor der Auseinandersetzung mit politischen Themen ins Sprachspiel geflohen sei, oder dass in der westdeutschen Nachkriegsliteratur von Vertreibung und Luftkrieg nicht die Rede war – es sind Erzählungen von professionellen Lesern, die sich auf das beschränken, was sie gesucht haben.“

Nüchtern proklamiert Rohrwasser: „[W]ir wollen kein Lesen als Sühneaktion, und wir wollen auch nicht das Wiederentdecken als Sühnearbeit gewertet wissen.“ (Hier führt Rohrwasser als Negativbeispiel eines Klischeebemühten Elias Canetti an!) Doch sieht er die Hauptvertretung dieser klitternden, zimmernden, revisionistischen Ideologen nicht primär in seiner Zunft: „Dabei will ich noch einmal darauf hinweisen, dass die treibende Kraft bei der Revision dieser Erzählungen oft nicht von den germanistischen Instituten kommt ... sondern von Literaturkritikern und Autoren, von Mitarbeiterinnen in Literaturhäusern (ich denke da sofort an Ursula Seeber und Evelyne Polt-Heinzl im Wiener Literaturhaus oder an Ernest Wichner in Berlin), von Verlegern und Antiquaren, Redakteuren und Literaturdetektiven.“

Fein, dass er Namen nennt und konkretisiert. Diese Personen stehen für eine ganze Schar von Literatur-Gutmenschen, die systematisch das Niveau senken, die aktiv eine Reideologisierung betreiben.

Wie schillernd diese Gruppe ist, ergänzt er mit der Erwähnung der japanischen Autorin Yoko Tawada, die in Deutschland lebt und höchst erfolgreich im Literaturbetrieb wirkt. Er führt diesen Umstand auf ganz spezifische Beziehungsgeflechte zurück und illustriert damit einmal mehr den in verschiedenen Beiträgen schon erwähnten Sozialaspekt. „Viele Wiener AutorInnen sind mit GermanistInnen befreundet, was zu problematischen Verschwägerungseffekten geführt hat. Deshalb wähle ich als Beispiel eine auf deutsch schreibende japanische Autorin, die von vielen Seiten geschätzte Yoko Tawada. Man kann sich ja ein Gespräch imaginieren, in dem eine Professorin Frau Tawada von ihrem Arbeitsgebiet erzählt, beispielsweise von der Gattung Album spricht, und Frau Tawada diese Anregung aufgreift und sagt: ‚Schöne Idee, ich werde demnächst ein Album machen’. Es kommt zur gegenseitigen Befruchtung – aus der Begegnung von Autorin und Germanistin entsteht nicht nur Sekundär-, sondern auch Primärliteratur, und die Autorin verschafft der Germanistin nebenbei neue Belege.“

Ich habe in meinen Rezensionen zu Yoko Tawada („Fremde Wasser. Yoko Tawadas Poetikvorlesungen“) und Evelyn Polt-Heinzl („Ein schwaches, verfehltes Plädoyer. Evelyne Polt-Heinzls ‚Österreichische Literatur’“) zu dieser Problematik Stellung genommen (Driesch # 14). Es ist erfreulich, dass Germanisten solche Verhältnisse kritisch kommentieren.

Die Anthologie liefert insgesamt eine Fülle an Material, einiges weniger ansprechend als anderes, das interessant und kundig das Thema erhellt. Ich hätte mir, ohne pingelig sein zu wollen, mehr Arbeiten zur Person Wendelin Schmidt-Denglers gewünscht. Aber das mindert nicht meine Wertschätzung dieser Publikation.

Stephan Kurz, Michael Rohrwasser, Daniela Strigl (Hg.): Der Dichter und sein Germanist. In Memoriam Wendelin Schmidt-Dengler. (Zur neueren Literatur Österreichs, Bd. 26) new academic press, Wien 2013. ISBN 978-3-7003-1836-1

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