Treideln

03.09.2013 Haimo L. Handl

Ein Buch aus Briefen, die keinen altmodischen Briefroman bilden, sondern ein Als-ob. Denn die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, 1974 geboren, studierte Rechtswissenschaftlerin (LLM-Eur) und Diplomabgängerin des Leipziger Deutschen Literaturinstituts, gab Poetikvorlesungen, die keine waren. Sozusagen Antipoetik, wie ein Insider des Literaturbetriebs begeistert bekundete.


Aktionismus und Show also, eine Performance, die die Themaverfehlung gut verkäuflich macht, erst als griffige Veranstaltung, dann als nettes Buch; kurz und gut oder schlecht: Das geölte, bestens laufende Aufmerksamkeitsmanagement hat sich wieder erfolgreich unter Beweis gestellt.

Die Autorin, ausgezeichnet mit vielen Preisen und Übersetzungen ihrer Werke in viele Sprachen ist bekannt und anerkannt. Sie wurde eingeladen, eine Frankfurter Poetikvorlesung zu halten. Sieht man einige Veröffentlichungen solcher Vorlesungen durch, liest nach, fällt auf, dass nicht nur Juli Zeh sich der Aufgabe verweigerte, nicht ganz, weil sie doch auftrat und ein Buch veröffentlichte, sondern auch andere, ebenfalls namhafte Autorinnen und Autoren die Vorlesung nutzten, um entweder anekdotenhaft aus dem reichen Schatz ihrer persönlichen Erfahrungen zu erzählen, wie es das Publikum, vor allem das weibliche, im vorigen Jahrhundert begeistert aufnahm, oder das Unternehmen gleich als Werbeveranstaltung für sich und die eigenen Produkte nutzten, um sozusagen das sonst kritisierte Nutzendenken («was bringts?») in perfekter Utilitätsorientierung doch zu üben, dialektisch, ablehnend, fern, distanziert kritisch, aber zugleich nützlich und, hätte man früher gesagt, systemaffirmierend.

Aus der Not eine Tugend machen. Wer hätte gedacht, dass heutzutage dieses alte Sprichwort besonders von den Jüngeren beachtet und praktiziert wird? Da hustet und kotzt einer vor dem Publikum, da lässt ein anderer CDs, DVDs spielen und verweist auf seine Bücher, da räsoniert ein anderer über seine Vergangenheit und die beschädigte Gegenwart, aber ganz wenige trauen sich zur Sache zu reden, zur Poetik. Theorie ist nicht in. Poetik gibt es keine. Und wer davon schwätzt, ist ein Arsch.

Eine Geschichte über Ärsche, Trottel, Unverbesserliche also. Reden und Schreiben über Haltungen und Werte bzw. fehlende, aber keine Vorlesung zur Poetik, keine theoretische Erörterung.

Ein Witz? Substitut für die mediengeile Spaßgesellschaft mit ihrer Spaßkultur der halbgebildeten Bürgerinnen und Bürger. Die Vermischung von Privatem und Öffentlichem, aber nicht seriös, theoretisierend als Poetikvorlesung, sondern zur Promotion der Autorin, die ja nicht nur eine attraktive Erscheinung ist, sondern auch gut schreibt.

Diese Qualität soll ihr auch nicht abgesprochen werden. Aber die schnoddrige Art, wie sie die Aufgabe nicht wahrnimmt, welchen Zirkus sie liefert, und dennoch vom Literaturbetrieb Anerkennung einheimst, zeigt, dass unseriös, spaßig, lärmend, auffallend, sogar blödelnd, alles machbar ist – und das noch akklamiert.

Nutzenliteratur für die literarische Geschäftigkeit. Warum hält sie überhaupt eine Vorlesung, die keine ist? Weil der Verlag es will, ihr Management? Der Markt bzw. der Betrieb? Warum der Etikettenschwindel? Weil es gleichgültig ist, das Publikum alles frisst?

In den flüssig geschriebenen Zeilen finden sich ja durchaus treffende Bemerkungen. Aber der Text liefert keine Theorie, keine seriöse Überlegung zur Poetik. Vielleicht fehlt der Autorin das Format dazu. Anstatt abzusagen biegt sie um. Zeh treidelt im Ab-, Um- und Verbiegen. In Zeiten des gekrümmten Rückgrats, des Kriechens statt des aufrechten Ganges, kommt der Etikettenschwindel aber gut an. Vor allem, wenn er von einer politisch aktiven Autorin geliefert wird; ihresgleichen fühlt sich unterhalten. Das reicht. Juli Zeh ist zwar nicht die Hagemann, geriert sich aber als Literaturgöre, die beklatscht wird. Dabei sagt sie ganz unverblümt: «Ich habe keine Poetik. Niemand hat eine Poetik, jedenfalls nicht, solange er Bücher schreibt.» Das erste kann man ihr leicht abnehmen. Das beweist sie ja. Das zweite Argument ist purer Humbug.

Eine unbedarfte Leserin bzw. eine, die vom Engagement der Autorin begeistert ist, könnte manche witzigen Bemerkungen als Gesellschaftskritik deuten, als Engagement, und die Rolle der Autorin als engagierte Literatin, die sich um die Poetik heute und die Literatur Gedanken macht. «Dieser kapitalistische Glückszwang, der permanent in Form des erfolgreichen, gesunden und hocherfreuten Idealmenschen in Wort und Bild an uns herangetragen wird, führt lediglich dazu, dass wir Depression und Burn-out inzwischen als neue Volkskrankheit bezeichnen! Die Leute werden nicht krank, weil sie so viel arbeiten! Sondern weil sie sich ständig freuen sollen! Wer sich nicht freut, ist ein Versager! Der hat was falsch gemacht! Nicht das Richtige gegessen, nicht genug Sport gemacht, nicht die richtige Creme benutzt, nicht die richtige Sex-Praktik ausgeübt!»

Wem das als ein Déjà-vu erscheint, liegt nicht falsch. Das hat man schon oft vielerorts gehört und gelesen. Man fragt sich, wie sehr sich Frau Zeh freut und doch keine Versagerin ist, weil sie offensichtlich das Richtige macht. Allerdings scheint sie in der Schule gelitten zu haben, trotz mehrer erfolgreicher Studien, wenn man ihren Ausführungen Glauben schenken darf, oder gilt hier doch die Trennung von Text und Person der Autorin? «Für diese ehrenvolle Aufgabe [der Poetikvorlesung] wäre ich eine denkbar schlechte Besetzung. Zu deutlich stehen mir Vormittage an deutschen Gymnasien vor Augen, wo ich der zwangsversammelten Schülerschar als lebendiger Beweis für die Existenz von Gegenwartsliteratur präsentiert wurde. Ich saß da im sicheren Glauben, einen typischen Hilfe-ich-muss-wieder-zur-Schule-Abltraum zu druchleben, und wartete aufs Aufwachen.»

Klar, dass in deutschen Gymnasien die Schülerschar «zwangsversammelt» ist. Kommt sie in amerikanischen Schulen, die verschulter sind, als alle in Europa, zwangslos frei zusammen? Warum machte sie bei der Vorführung mit, wenn sie solche Albträume durchleben muss? Oder ist das nur eine billige Art sich Lacher und Zustimmung zu holen, weil fast alle schlechte Erinnerungen an die Schule und Lehrer haben?

Sie sinniert über Gründe und Abgründe des Unterfangens einer Poetikvorlesung und ihrer Rolle als Schriftstellerin. Dann kommt ein witziger Seitenhieb: «Nein, mein lieber Verleger, wir beide kennen das wahre Geheimnis hinter der Poetikfreudigkeit der Schriftstellerzunft. Es ist das Herta-Müller-Prinzip.» Dann bemerkt sie, dass man eben dabei sein müsse, sogar «Unbürgerliche wie Rainald Goetz, Einar Schleef und Thomas Meinecke» die Einladungen nicht abgelehnt haben. «Wie sollte eine Oberbürgerliche wie ich sich dann entziehen?» Mit dieser entwaffnenden Offenheit kann sich die Showmasterin in die Arena wagen und gewinnen.

Vielleicht hätte sie noch mehr gewonnen an Aufmerksamkeit und höheren Verkaufszahlen, wenn Frau Zeh nicht nur ihre Zehen, sondern ihre Titten am Podium präsentiert hätte oder, wie einst Valie Export, ihre Möse zur Schau gestellt, um die wahren, dunklen Untergründe des unbeschreibbaren der Poetik darstellerisch, als künstlerische Performance, zu verdeutlichen.

Oder, man stelle sich vor, Frau Zeh hätte so einen alten Knacker, der immer noch (s)eine Literaturtheorie ernst nimmt, aufs Podium geholt und abgefertigt, fertiggemacht (wer von den Jungen weiß um die Etymologie dieses Unworts?!), wie er es verdient als «Aufschneider, Quacksalber, Schwächling, Oberlehrer, Zivilversager und Scharlatan.»

Wer so rigide und böse andere abqualifiziert, stellt sich selbst ins rechte Licht: Ich bin das Gegenteil dessen, was ich beschmutze, verachte, erniedrige.

In den 197 Seiten, die «Treideln» umfasst, finden sich viele köstliche Beobachtungen und Bemerkungen, Wahrheiten und Halbwahrheiten, Klischees und Bonmots und Apercus. Aber «the medium is the message». Juli Zeh verpackte alles, wie es sich gehört, und mindert damit die mögliche Seriösität ihrer Aussagen, weil alles ein Text-Ding wird, ein Spaßartikel einer Literaturbetriebsmitarbeiterin.

Leser, die sich gerne leicht unterhalten lassen und ein wenig vom Geschmack des Literaturbetriebs kosten wollen, kommen auf ihre Rechnung. Andere, die eine Poetikvorlesung erwarten, werden enttäuscht. Die liefert die Autorin allzu beredt nicht. Dafür offeriert sie einen hübschen Plauderton.


Juli Zeh: Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen. 197 Seiten. Schöffling & Co., Frankfurt am Main, 2013., ISBN 978-3-89561-437-8

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  • Cover: Juli Zeh: Treideln

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