Les Témoins

15.05.2007 Walter Gasperi

Mit leichter Hand verknüpft André Téchiné das Beziehungsgeflecht einer Hand voll Personen mit dem gesellschaftlichen Stimmungsumschwung, den das Aufkommen von Aids Mitte der 1980er Jahre brachte. Doch obwohl an die Stelle von unbeschwertem und ausgelassenem Hedonismus Angst und Verunsicherung treten, verfällt der Franzose nicht in Tristesse, denn mögen auch Freunde an der Krankheit sterben, für die anderen geht das Leben weiter.


Der Titel gibt die distanzierte Erzählperspektive vor. André Téchiné, selbst Zeuge dieser Zeit, blickt von Außen zurück und bricht diese Perspektive nochmals, indem er die Schriftstellerin Sarah (Emmanuelle Béart) in einem Roman die Geschichte erzählen lässt. Schon im Vorspann hämmert sie ebenso gehetzt wie der Rhythmus der den Bildern unterlegten Opernarie in ihre knallrote Schreibmaschine. Mehrmals wird Sarah auch mit Off-Kommentaren die Handlung kommentieren oder zusammenfassen.

Rasend schnell, schier den Atem raubend ist das Tempo im ersten mit dem Titel «Glückliche Tage (Sommer 1984)» versehenen Kapitel. Und die Farben vom Rot der Schreibmaschine über das Gelb von Sarahs Kleid oder der Sträucher um das Strandhaus bis zum Türkisblau des Meers sind von einer Leuchtkraft, wie man sie im Kino selten findet. In dieser Rasanz und in der lichtdurchfluteten flirrenden Sommeratmosphäre werden Lebensfreude und Unbeschwertheit spürbar.

In einem Pariser Park, in dem sich Homosexuelle treffen, trifft der rund 50-jährige Arzt Adrien (Michel Blanc) auf den jungen Manu (Johan Libéreau), der eben erst aus Südfrankreich in die Hauptstadt gekommen ist. Obwohl Adrien sich in Manu verliebt, bleibt die Beziehung platonisch. Über Adrien lernt Manu aber die Schriftstellerin Sarah und ihren Mann, den Polizisten Mehdi (Sami Bouajila), kennen. Obwohl Sarah gerade ihr erstes Kind geboren hat, führt das Paar eine offene Beziehung und so beginnt Mehdi eine Affäre mit Manu. Im Fliegen findet Téchiné ein zwar abgegriffenes, aber immer noch treffendes Bild für die Freiheit und Gelöstheit dieser Zeit.

Abrupt bricht die Heiterkeit, die Emotionalität und Leidenschaft dieser Szenen, als Adrien bei Manu Symptome für Aids entdeckt. Wie massiv der Stimmungswechsel ist, vermittelt schon der Titel des zweiten Kapitels: «Krieg (Winter 1984-85)». Das Tempo wird langsamer, Lähmung und Hilflosigkeit machen sich breit. Auch das kalte weiße Licht und die Zunahme an Blautönen, die die Atmosphäre dieses Kapitels konstituieren, lassen den Zuschauer spüren, dass die Zeit des freien Lebensgenusses vorüber ist.

Der Fokus liegt auf dem exzellent gespielten Quartett. Daneben gibt es aber auch noch Manus Schwester, die eine Opernkarriere anstrebt und die Prostituierte Sandra. Der größere gesellschaftliche Kontext bleibt weitgehend ausgespart, fließt nur durch hin und wieder eingeblendete TV-Nachrichten und Adriens Arbeit in der Aidsforschung – etwas aufgesetzt wirkt dieses spezifische Engagement im Kontext des Films – ein. Téchiné macht nicht mehr und nicht weniger als seinen Figuren beim Leben und bei ihren Gefühlen zu zusehen. Weder dramatisiert noch moralisiert er, abgesehen vom globalen Ausbruch der Seuche und der Erkrankung Manus passiert im privaten Bereich nichts Spektakuläres. Ganz alltäglich wirkt die Geschichte. Wichtiger als eine konsequente Handlungsentwicklung ist dem Franzosen auch die Schilderung des Beziehungsgeflechts. Sichtbar wird so, wie sich die Beziehungen durch das Auftreten der neuen Seuche verändern, wie das Geflecht Risse bekommt und Feindseligkeiten, Eifersucht und Misstrauen hervorbrechen.

Und trotz des ernstes Themas, trotz des bitteren Umbruchs ist «Les Témoins» ein optimistischer Film und feiert am Ende mit dem dritten «Rückkehr des Sommers» überschriebenen Kapitel das Leben, das für die überlebenden «Zeugen» eben doch weiter geht. Nicht mehr so ausgelassen, melancholischer ist die Stimmung zwar nun, aber mit der Feier des ersten Geburtstages von Sarahs Kind, mit dessen Geburt dieser typisch französische Film begann, schließt sich nicht nur der Kreis von «Les Témoins», sondern siegt letztlich auch das Leben über den Tod, der in der Mitte hereinbrach.

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