Schwarze Galle

10.09.2013

...heisst der neue Roman der türkischen Autorin Sema Kaygusuz, der in der Übersetzung von Sabine Adatepe, und mit einem Nachwort versehen von Katja Lange-Müller, bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen ist. Sieben Geschichten versammelt der schmale Band, die alle um die monströsen Verrücktheiten kreisen, die aus extremer Schlaflosigkeit resultieren, aus dem erzwungenen Wachsein, dem nervösen, unendlich langen Warten, dem Dahindösen ohne Erlösung, der Ermattung und den hoffnungslosen Träumen, die keine Erholung bringen, sondern die Grenzen zwischen den Realitäten, denen der Wach- und der Traumwelt, verschwimmen lassen, so dass die diffus gewordenen Räume eine Hölle werden ohne ihr Gegenüber, das Paradies.


Schon die Einleitung der ersten Erzählung, „Die gerufene Musa“ (Die Titel der Geschichten sind nur dem Inhaltsverzeichnis am Schluss des Bandes zu entnehmen, nicht aber den Texten, die nur römisch nummeriert sind) befremdet. „Schlaf kannten die alten Götter nicht. Erst als sie die Nacht schufen, begannen auch sie zu schlafen.“ Das insinuiert, dass ursprünglich Tag und Licht war, und erst später die Götter die Nacht schufen, um schlafen zu können. Welchem Mythos soll das entsprechen? Nicht nur im abendländischen Mythos herrschte zuerst dunkles, finsteres Chaos. Bei den alten Griechen steht Erebos als Gott dafür, im Laufe der Zeit verschieden gedeutet, als Herr der Finsternis. Bei den Ägyptern, die den Sonnenkult pflegten, war die Sonne im Wechsel auf- und untergehend und hatte, natürlich, ihren Gegenpart, die Finsternis, die Nacht. Leben und Tod entsprachen und bedingten sich, seit je, wie Tag und Nacht. Wo war zuerst Licht? Auch in den islamischen Mythen nicht, da diese jünger sind als die ägyptischen oder griechischen.

Der Schlaf als der kostbare „düstere, auf den Tod verweisende Zustand“, als das paradiesisch Freie. Tag, als Zeit und Zustand der Unruhe, der Verfolgung, des Kriegs oder des Mordes, des Unheils. „Es geschieht stets bei Tag, dass man uns quantifiziert, kategorisiert, vermengt.“ Birhan, die schlafgestörte, schlaflose, bitter Wache, die Heldin der Erzählungen, hört den ebenfalls schlaflosen Gilgamesch, der trommelnd „der Finsternis flammende Fragen“ stellt und findet keine Ruhe und erkennt: „Was immer ich sagen könnte, wäre unzulänglich.“ Damit es doch gesagt und geschrieben werden konnte, blieb die Autorin Sema Kaygusuz nicht so schlaflos wie ihre Heldin; sie versucht dem Unzulänglichen etwas abzutrotzen. Das Problem der Schlaflosigkeit ist ähnlich dem Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen Gegebenheit und Gemachtem. „Wie Gilgamesch, dem sein Bett fremd blieb und der einem Vertriebenen gleich Uruk bis über die Stadtgrenzen hinaus durchmaß, befand sich auch Birhan an einem Ort zwischen Kultur und Natur, Erdboden und Gemäuer; im Dazwischen dieser beiden Welten fasste sie die Nacht in Worte.“

In unserem Kulturkreis drängen sich der Leserin sofort Bilder und Worte von Freud ein, der die Terrains von Kultur und Natur früh erkundete und absteckte, oder von Novalis, dem Frühromantiker, dessen „Hymnen an die Nacht“ 1800 erschienen waren. Aber auch der Mythos vom ewig wandernden Juden, der ruhelos umherstreifen muss, meldet sich an. Gilgamesch, der Erbauer der Stadtmauer von Uruk, aber auch der Totengott, Gilgamesch der göttlich und menschlich zugleich war, also sterblich, als Wesen zwischen den Welten, zwischen Tag und Nacht, Natur und Kultur. Und Birhan: „Mit dem Licht ihrer Gedichte feuerte sie ins undurchdringliche Dunkel, dass Meteoriten daneben verblassen. ... Es kam vor, dass sie nicht schrieb, es leid war, insgeheim das Nichtgeschriebene zu schreiben ... bekümmert, die verstreichende Zeit nicht aufhalten zu können“. Das erinnert an die alten Riten der Angstbannung durch lautes Reden und Singen, wie die Kinder in Märchen es tun, es erinnert an die Sprachkrise, wie Hofmannsthal sie in seinem fundamentalen Text „Der Brief“ (an Lord Chandos) beschrieb. Lese ich als Leser zuviel hinein oder heraus? Gilgamesch und sein Schicksal gleichen dem Birhans, der Heldin, heißt es doch: „Zuvor war sie weder göttlich noch sterblich gewesen.“ Birhan wacht also, hört die „Wände, aus Schichten immer derselben gedankenlosen Wörter gemauert,“ die eine „niemandem verständliche Sprache“ reden.

Ginge die Geschichte ihren Gang, den sie anfangs eingeschlagen hat, würde sie vielleicht in ein Territorium führen, das wir aus den Texten eines anderen, berühmten Schlaflosen kennen, E. M. Cioran, dem Zyniker, Skeptiker und Verneiner, der die Nachtseiten der Existenz auslotete. Die Nachtseiten. Sema Kaygusuz lotet die Hölle des Wachseins aus, des Tags. Ihrem Weltbild nach steht das Natürliche als Paradiesisches, verkörpert durch den Schlaf, die Nacht, dem Tag gegenüber, der tödlichen Vernunft. Sie ist eine Vertreterin des Nichtrationalen, wenn nicht Irrationalen, allein durch ihre Kulturwertung, die aus ihren Geschichten herauslesbar ist: „Wissen ist etwas Entsetzliches. Verheerender noch ist die Qual, nicht ändern zu können, was geschieht.“ Es gilt also, den Schlaf zu suchen, das Nichtwissen, um dem Entsetzlichen zu entfliehen.

Alle sieben Geschichten sind aufgeteilt in zwei Handlungsverläufe: Räsonnieren hier, konkret erzählen dort. So führt der zweite Teil der ersten Erzählung abrupt zur Geschichte von Musa und Dijvar, und behandelt kurz, wie in einem Ausschnitt, wie Dijvar Musa vom Hotel abholt um ihn an einem anderen Ort zu ermorden. Doch die konkrete Handlung wird unterspickt mit Bemerkungen, die das Geschehen ins Surreale schieben. „ ‚In welche Richtung fahren wir?’ ‚Richtung Silvan.’ ‚Wie fahren wir?’ ‚Mit dem Taxi.’ Kein Taxi stand bereit. Die Häuser waren von oben bis unten verdunkelt worden. Es gab Flecken in der Natur, die es noch zu entdecken galt. Auch bislang noch nicht gefundene neue Wörter.“

Flecken in der Natur, nicht im Gemäuer, dem Gemachten, dem Geschaffenen, obwohl zuerst von den verdunkelten Häusern gesprochen wird. Und eigenartigerweise wird die Natur mit Wörtern, der Sprache also, verbunden und gekoppelt. Sprache als Natur? Ein Bild einer noch nicht entdeckten Art Ursprache, der wahren? – Die Geschichte ist Musa Anter gewidmet, einem kurdischen Schriftsteller, der 1992 einem Attentat zum Opfer fiel.

Es folgen die anderen Geschichten: „Die Zeit der Hunde“, „Das Gelöbnis“, „Die Heimsuchung“, „Eine Handvoll Leute“, „Zwei unterschiedliche Happen“ und „Ohne Schmetterlinge zu zertreten“. Geschichten aus den Zwischenbereichen, den surrealen Territorien zwischen Traum und Albtraum, zwischen nüchterner Bitternis und der eigentümlichen Freude am Verfremdeten.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller steuert ein Nachwort mit dem bedeutungsschwangeren Titel „Auch die Seele hat eine Seele“ bei. Warum, mag sich mancher Leser fragen, weil nach einer kurzen Überlegung zur Schlaflosigkeit die einzelnen Geschichten beschrieben werden, als ob eine Leserin dessen bedürfte. Wird dem Publikum so wenig Orientierungs- und Auffassungsvermögen unterstellt? Katja Lange-Müller beginnt, gar nicht überraschend, ebenfalls mit der Schlaflosigkeit: „Warten auf den Schlaf lässt uns die Zeit lang werden“. Aha. Warten verlängert die Zeit aber generell, was jeder weiß, der warten musste (Max Horkheimer hat diesem Phänomen eine soziologische Bemerkung gewidmet). „Die verschlafene Zeit fehlt uns, nachdem wir geschlafen haben, oder eigentlich immer, auch und sogar besoners in Zeiten der Schlaflosigkeit.“ Also welche Zeit fehlt nicht? Die hektisch betriebsame? Den Lauf der Zeit vermochte schon Faust nicht wettzumachen, Proust sinnierte über sie, über ihre Verlorenheit. Aber dass verschlafene Zeit uns fehlt, ist neu. An welchem Maßstab misst Frau Lange-Müller Gewinn und Verlust von Zeit? Ist Schlaf so unwichtig, dass es nur beim negativen Verschlafen bleibt? Weiter heißt es: „Doch jenen, die nachts nicht in den Schlaf fliehen können, weil der sie flieht, begegnen wir überall auf der Welt.“ Schlaf als Flucht. Befremdlich, welche Wertestruktur diesem Denken zugrunde liegt, dass man in den Schlaf flieht. Da Menschen schlafen müssen, sind sie also, dieser Haltung nach, dauernd auf der Flucht.
Einen Abschnitt später äußert sie aber Gedanken, die eine kritische Gewichtung werden könnten, wenn sie sie weiter ausführte: „Das Wesen der Schlaflosigkeit, die Ursachen und Wirkungen dieses mit unserer Vergänglichkeit hadernden Zustands, der die darin Befangenen ebenso überwach wie übermüdet wirken lässt und sie störanfällig macht oder sogar gereizt, sensibel bis zur Schwarzgalligkeit, auch Melancholie genannt, die, wenn sie nur lange genug vorhält, schon mal melancholerische Züge annehmen kann, – all das ist, in allen möglichen Facetten, Sema Kaygusuz’ ‚Material’.“

Hier wünschte ich, dass Katja Lange-Müller weiter gedacht und geschrieben hätte. Hier liegt ein Kern, der es verdiente, näher betrachtet zu werden. Es ist, vielleicht unfreiwillig, eine Kritik an der schriftstellerischen Arbeit von Sema Kaygusuz, wie sie sonst nirgends anklingt. Es geht nicht um Abwertung oder Abtun. Es geht um mögliche Hintergründe einer Art Grundhaltung, einer Lebensorganisation, die man früher „Weltanschauung“ nannte, die sich in einem egoistischen, verbissenen, irrationalem Festhalten, dem Faustischen, äußert, bzw. in einem fast kindischen Nichtannehmen des Unabwendbaren, der Vergänglichkeit und damit des Todes. Sigmund Freud hat die daraus resultierenden Unsterblichkeitsphantasien klug analysiert. Immer leben wollen, im Schlaf Versäumnis sehen, die Vergänglichkeit beklagen, das kennzeichnet auch possesive, habgierige, geizige Menschen. Die Schlaflosigkeit in dieser Richtung näher zu untersuchen, wäre hoch interessant.

Alles in allem ein Band voll Geschichten, die scheinbar Alltägliches mit Entrücktem, Verrücktem, Surrealen so selbstverständlich verbinden, dass die Mischung eine köstliche Melange wird: kein türkischer Schwarzer, kein kleiner Brauner, kein Espresso, sondern etwas Herb-Bitteres, das den einen oder die andere an Galle erinnern mag, vielleicht sogar schwarze.

Sema Kaygusuz: Schwarze Galle. Geschichten. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Mit einem Nachwort von Katja Lange-Müller. 143 S., Matthes & Seitz, Berlin 2013. ISBN 978-3-88221-049-1
(DAAD Spurensicherung 24, hg. vom Berliner Künstlerprogramm, gefördert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes)

Louis Christian Wolff

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  • Cover Sema Kaygusuz: Schwarze Galle, Matthes & Seitz
  • Porträtzeichnung von Sema Kaygusuz, Matthes & Seitz
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