Eine notwendige Ergänzung: Eleni Samios-Kazantzaki

28.09.2013

Als ich zwischen 1985 und 1993 in vierzehn Bänden die Werke des französischen Erzählers rumänischer Herkunft Panaït Istrati (1884-1935) auf Deutsch herausgab, war darunter auch der politische Reisebericht «Auf falscher Bahn. Sechzehn Monate in der Sowjetunion. Bekenntnisse eines Besiegten», 1989, im Jahr des Falls der Berliner Mauer, erschienen.


Das französische Original „Vers l’autre flamme. Après seize mois dans l’U.R.S.S. 1927-1928. (Confession pour vaincus)“ hatte am 15. Oktober 1929 in Paris wie eine Bombe eingeschlagen – immerhin sieben Jahre vor André Gides „Retour de l’U.R.S.S.“ Kurz hintereinander folgten dann am 1. November Victor Serges „Soviets 1929“ und am 15. 11. Boris Souvarines „La Russie nue“, alle unter Istratis Namen, weil die Linksopposition dessen Popularität zur Verbreitung ihres Standpunktes nutzen wollte.

Gleichzeitig setzt unter Federführung von Henri Barbusse eine bislang beispiellose Hetzkampagne der stalinistischen KPF gegen Istrati ein, die sein Werk bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mundtot machen wird – noch 1972 qualifiziert in der Bundesrepublik Hans Magnus Enzensberger, zwar über jeglichen Stalinismusverdacht erhaben, Istrati als Revolutionstouristen und (ver-) urteilt: „Kein Argument trübt den Redefluss; der neuentdeckte Abscheu ist nur die Kehrseite des früheren blinden Glaubens, ebenso hilflos emotional wie politisch ignorant.“ (Kursbuch 30, Dez. 1972, S. 167 f.)

Dass Emotionalität hilflos macht und politische Ignoranz impliziert, widerlegt jetzt ein gerade in Frankreich erschienenes Buch unter dem Titel „La véritable tragédie de Panaït Istrati“ von Eleni Samios-Kazantzaki, die bereits 1983 kurz und bündig feststellte (Übs. H. St.): „Panaït hatte Recht!“ (Vgl. L’Arc, nº 86/87, S. 162). Eleni Samios (1903-2004) war die Lebensgefährtin und spätere Frau des griechischen Romancier Nikos Kazantzaki (1883-1957), bei uns vor allem durch „Alexis Sorbas“ (1946) bekannt, der sich während der Feierlichkeiten zum X. Jahrestag der Oktoberrevolution Istrati anschloss und ihn auf seinen zwei Reisen durch die Sowjetunion begleitete. Hinzu stießen die Freundinnen Eleni und Bilili, eigentlich Marie-Louise Baud-Bovy.

Wohlgemerkt: zwei Reisen, unterbrochen durch einen Aufenthalt in Athen. Die erste ließ Istrati, einen der Ehrenpräsidenten der französischen „Freunde der Sowjetunion“, das dreiwöchige offizielle Programm absolvieren, halb zustimmend, halb widerwillig. Die zweite war selbstbestimmt und durch einen passe-partout Stalins abgesegnet. Sie führte das Quartett nach Norden bis ans Polarmeer, nach Westen bis in die Moldau, nach Osten zum Ural und nach Süden zum Kaukasus.

Eleni Samios‘ Reisebericht ist dahingehend eine notwendige Ergänzung zu Istratis „Auf falscher Bahn“, als im Zentrum des Buches nicht die politische Unterdrückungsmaschinerie steht, sondern das Porträt dessen, der sie zu durchschauen beginnt (weit mehr als Nikos Kazantzaki, der die Gegebenheiten lebensphilosophisch uminterpretiert). Istrati ist weder Philosoph noch Theoretiker; er sucht Kontakte vor Ort, mischt sich ein, kritisiert, ist so großzügig mit der Verteilung von Geld (auch dem der anderen) wie unzuverlässig hinsichtlich gemeinsam gefasster Pläne. „Er ist ein ewig Aufgewühlter, immer bereit Feuer zu fangen.“ (S. 140 f.) Die Leningrader „Affaire Russakow“, von der „Nouvelle Revue Française“ am 1. 10. 1929 aus „Vers l’autre flamme“ vorabgedruckt, macht einen Michael Kohlhaas aus ihm. Im Versuch, durch offiziell gesteuerte Intrigen dem Schwiegervater des befreundeten Schriftstellers Victor Serge (1890-1947) den damals knappen Wohnraum zu nehmen, die Arbeit zu entziehen und ihn unter Todesdrohung zum Konterrevolutionär zu stempeln – in diesem Versuch kristallisiert sich für Istrati die damalige Sowjetunion wie unter einem Brennglas. Sie hat nichts mehr mit der sozialistischen Idee zu tun.

Der Text von Eleni Samios-Kazantzaki ist eine literarische Collage: Verschiedene Quellen, Briefe, Buch- und Presseauszüge werden eingebaut, ohne dem erzählerischen Duktus seine Geschlossenheit zu nehmen. Deutlich wird dabei auch, dass gerade die journalistische Tätigkeit zum (vorläufigen) Bruch zwischen Nikos Kazantzaki und Panaït Istrati führt. Letzterer, müde der Argumente, warum man das neue Russland loben solle, storniert gemeinsam gezeichnete Pressebeiträge in Paris, ohne den Freund zu informieren. Kazantzaki selbst wirft er Passivität in Sachen Russakow vor. Man trennt sich nach all den Monaten ohne Handschlag!

Von der „wirklichen Tragödie Panaït Istratis“ zeugen die als Annexe beigefügte Korrespondenz zwischen ihm und Nikos Kazantzaki wie auch die Briefe von Victor Serge (der Gegenpart ist in den russischen Archiven noch nicht aufgefunden worden). Serge schreibt am 14. 3. 1930: „Kann man nicht sagen, dass es Dein Leben vor (19)27 gibt und Dein Leben seitdem?“ (S. 316) Und Istrati, von der Tuberkulose zerfressen, von der stalinistischen Meute gehetzt, vom schriftstellerischen Ziehvater Romain Rolland verleugnet, am 14. 1. 1933 an Kazantzaki: „Hör‘ zu, Nikos, es ist Russland, das mich getötet hat.“ (S. 246)

Ein Wort noch zum editorischen Aufbau des Buches: Daniel Lérault verweist in einer bibliographischen Notiz darauf, dass das in einem umgangssprachlichen Französisch geschriebene Manuskript 1938 zuerst als spanische Übersetzung (von Luis Alberto Sánchez) in Santiago de Chile erschien, die der Herausgeber Anselm Jappe Zeile für Zeile mit dem Original vergleicht. Jappe selbst zeigt sich in Präsentation, Nachwort und Anmerkungsapparat als ein ausgezeichneter Kenner der französisch-sowjetischen Kulturverflechtungen, dem die zukünftige Forschung zu Panaït Istrati wird Rechnung tragen müssen.

Eleni Samios-Kazantzaki: La véritable tragédie de Panaït Istrati. Textes établis par Anselm Jappe & Maria Teresa Ricci. Présentation, notes et postface d‘ Anselm Jappe. Note bibliographique de Daniel Lérault. lignes/imec, Fécamp 2013; ISBN 978-2-35526-114-5

Heinrich Stiehler

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