Mein Leben mit Wagner

05.10.2013

Über Richard Wagner, den wohl am heftigsten polarisierenden Komponisten der abendländischen Musikgeschichte, existiert eine Unmenge an Literatur, mehr noch als über bequemer vermarktbare Genies wie etwa Händel, Mozart oder Verdi. Doch da wie dort dominieren bedauerlicherweise Belletristik und der sattsam bekannte Opernführerstil. Im Falle Wagners sind zusätzlich die polemisierenden Schriften einschlägiger Fanatiker zu beklagen, die den Meister entweder als rücksichtsloses Scheusal und Ziehvater Hitlers verdammen, oder, auf der anderen Seite des Spektrums , als komponierenden Welterlöser verklären. Da wie dort erfährt der Leser verblüffend wenig bis gar nichts über Wagners Musik.


Wenn nun ein Dirigent, der noch dazu in Musikkritikerkreisen als einer der führenden Wagnerspezialisten hochgejubelt wird, ein Wagnerbuch vorlegt, ist man hoffnungsfroh, dass darin die Musik als integrativer Bestandteil in den Vordergrund gerückt wird. Allein: Christian Thielemann, der Autor des zu rezensierenden Buches, gibt vorrangig Einblick in SEIN Leben mit Wagner und wählt dafür ja auch den passenden Titel. Man erfährt also wann und wo er zum ersten Mal mit Wagner Konfrontiert wurde – Richard Wagner wurde mir in die Wiege gelegt. S.17 –, warum er Dirigent wurde, mit welcher Intensität er Wagner dirigiert, dass er Karajan viel verdankt etc. Für Thielemann-Verehrer ist das wahrscheinlich genauso unentbehrlich, wie seine Ausführungen zu den Vorbereitungen, die er trifft, um eine Partitur einzustudieren.

Doch schon diesbezüglich wechseln einander belanglose mit plötzlich originellen Passagen ab. Als Beispiel, pars pro toto, zitiere ich: «Anfangs hieß es oft, ich dirigierte unelegant und eckig. Darüber habe ich nie ernsthaft nachgedacht (Warum erwähnt er es dann doch?, Anm.). Ich dirigiere ja in erster Linie, um gehört [sic!], nicht um gesehen zu werden (was nicht heißt, dass ich mich vor Publikum nicht auch gerne zeige).» (S. 137). Und drei Absätze später: Nehmen wir Brangänes Nachtruf im zweiten Akt . . Isoldes Vertraute, schreibt der Komponist, singt «von der Zinne her, unsichtbar», während die Liebenden im Vordergrund «versinken wie in gänzliche Entrücktheit».

«Der Takt, bevor Brangäne auf punktierten Halben mit »Einsam wachend« einsetzt., Takt 1210, beschwört für mich so etwas wie die Geburt des Klangs aus dem Schweigen, dem Stillestehen der Welt. Den Widerschein eines fernen Lichtstrahls in der Tiefe der Dunkelheit. Zweifach geteilte Klarinetten plus Bassklarinette, notiert die Partitur, drei Fagotte, vierfach geteilte Hörner, ansonsten kein Blech, dafür lang liegende Akkorde, große Legato-Bögen, einatmend, ausatmend, crescendo, decrescendo, außerdem ein Harfenglissando und Streicher in halber Besetzung sowie con sordino, also mit Dämpfer, das Ganze im doppelten und dreifachen Piano: Das ist die Rezeptur. ...Die hoch komplexen Bläserakkorde enthalten bereits sämtliche Harmonien der Szene, das heißt, alles Kommende speist sich daraus wie aus einem Quell.» (S. 139f.)

Belanglose Passagen wechseln plötzlich mit interessanten, und genau darin besteht die Problematik des gesamten, in drei Hauptkapitel gegliederten Buches: aufgrund der vielen langatmigen Ausführungen kann man es seitenweise fast diagonal lesen, ohne Wesentliches zu versäumen, bis dann wieder, zwar nicht immer neue, aber doch anregende Interpretationen zum Nach- und Weiterdenken anregen.

Misst man nun das Elaborat an seinen vom Autor postulierten Ansprüchen, erhält man wiederum ein diffuses Ergebnis. Warum hat er das Buch überhaupt geschrieben? «Durch Wagner ist mein musikalisches Denken und Empfinden geworden, was es heute ist. Wagner hat mich mit mir selbst konfrontiert. Das war als Erfahrung nicht immer nett, schweißt emotional aber ungeheuer zusammen.» Gut, daraus ergibt sich notgedrungen eben die Situation, dass Thielemann sehr viel Autobiographisches, oft in schlechtem Stil, dafür teilweise mit erfrischender Selbstironie preisgibt. Wesentlich heikler aber der zweite Anspruch: «Ich denke, alle Wagner-Hörer haben ein berechtigtes, ja notwendiges Interesse zu erfahren, wie es in der Wagner-Werkstatt zugeht. … Es ist dort nicht alles nur Mirakel oder Event, es gibt auch viele Dinge, die man wissen, beherrschen und erklären kann. Und die möchte ich erklären, aus meiner Sicht. Um neuen, falschen Mythen entgegenzuwirken.» Und diese ambitionierte Aufgabe löst er nur teilweise und allzu fahrlässig ein und begibt sich auf gefährliches Terrain.

Der erste und kürzeste Hauptteil, «Du spielst doch nicht Orgel? Mein Weg zu Wagner», schildert den musikalischen Werdegang, seine Ausbildung, Studien, ersten Erfahrungen als Korrepetitor bzw. Kapellmeister. Am Ende ist das Ziel, in Bayreuth zu dirigieren, erreicht. Schön für den strebsamen Mann und seine Verehrer. Nach diesen unverfänglichen autobiographischen Skizzen bietet das II. Kapitel, «Wagners Kosmos», die interessantesten, gleichzeitig auch unbefriedigendsten Abschnitte. Beschreibt Thielemann das «Wagner Orchester», die akusti­schen Besonderheiten in Bayreuth mitsamt ihren Vorzügen und Gefahren und beleuchtet spezifisch musikalische Analysen, bietet das Buch Dilettanten (im besten Sinne) wie auch Spezialisten (ebenfalls im besten Sinne) aufschlussreiche Assoziationen und packende Beobachtungen.

Überraschende Aspekte bietet die «Regiefrage» insofern, als hier Thielemann witzig und kundig von Opernregiedebütanten bis zu Großmeistern des Regietheaters berichtet und vor allem Neuenfels und Berghaus bewundert. Das mag verwundern, weil der häufig, diesbezüglich zu Unrecht als allzu konservativer Kapellmeister kritisierte Thielemann ausgerechnet zwei prononciert Linke als Vorbilder anführt. Thielemann unterscheidet also zwischen guten, und seien sie noch so gefürchteten Neuerern und schlechten, weil konzeptlosen Regisseuren.

Ebenfalls wohltuend sein Eintreten für Mendelssohn, wobei er auch Wagners Pamphlet «Über das Judentum in der Musik» verurteilt, andererseits mit dessen antisemitischen Hetzereien viel zu kulant umgeht und eine tiefere Auseinandersetzung einfach ablehnt. Er stellt einfache Fragen, wie: «Was tun mit Wagners Antisemitismus» und gibt unsinnige Antworten: «In den Noten ist dafür kein Platz, denn C-Dur bleibt tatsächlich C-Dur. Selbst erklärte Wagner-Feinde sind der Welt bis heute schlüssige Beweise dafür schuldig geblieben, dass Beckmesser, Kundry oder Alberich böswillige Karikaturen des ewigen Juden darstellen.» In diesem Kontext ist Thielemann Weiners Buch «Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners.» zu empfehlen, das den Blickwinkel weitet. Wenn Thielemann diese Thematik schon aufgreift, soll er sich mit dem Gegenstand se­riös auseinandersetzen und sich nicht in Plattitüden flüchten. Besonders ärgerlich auch die Reinwaschung Wolfgang Wagners, dem er sein Buch «in großer Bewunderung und Dankbarkeit» nicht grundlos widmet, und dessen Hitlernähe er die Absolution erteilt.

Das III. Kapitel widmet er «Wagners Musikdramen», von den «Feen» bis zum «Parsifal». Nach einer kurzen Einleitung zu jedem Werk werden diese jeweils in Entstehung, Besetzung, Handlung, Musik und Aufnahmen gegliedert, wobei Besetzung und Handlung ersatzlos zu streichen sind. Die Auflistung der Besetzung und die gelegentlich unfreiwillig komische Nacherzählung der Handlung in schauderhaftem Slang –«Die Szenen im Rheingold sind bildhaft und aus sich selbst heraus verständlich: Da liegt das Gold – schwupp! Hat Alberich es geklaut; da hockt die Kröte – zack! Wird sie von Wotan und Loge überwältigt.» (S: 270) – dienen offensichtlich nur dazu, die Länge des Buches zu strecken. Die Entstehungsgeschichten wiederum bieten dem mit Wagner noch nicht so Vertrauten einen guten Überblick, dem Kenner allerdings keine neuen Forschungsergebnisse.

Wieder empfehlenswert hingegen ist der Bereich «Musik», wenn der Dirigent Thielemann, manchmal auch durchaus eigenwillige, Deutungen wagt und zu Reflexionen über Wagnersche Musik einlädt. Diese Abschnitte sind substantiell, und es ist zu bedauern, dass der Autor ihnen nicht mehr Platz eingeräumt hat.

Fazit: «Dieses Buch beruht auf Gesprächen … Ich danke daher herzlich Christine Lemke-Matwey für die erhellende Intensität der langen Gespräche und dafür, dass sie aus den oft verschlungenen Gesprächsfäden den Text dieses Buches komponiert hat.» (S. 309) Ja genau, die verschlungenen Gesprächsfäden lassen eben kein kohärent komponiertes Buch zu. Also gehen triviale, langatmige Passagen nahtlos in spannende Betrachtungen über, was den Leser dazu zwingt, nicht zu viele Seiten auf einmal zu überblättern. Will man mehr über Thielemann erfahren, kommt man gewiss auf seine Rechnung; will man mehr und Neues über Wagner erfahren, ist das Buch keine Pflichtlektüre. Eigentlich schade, aber der Titel: «Mein Leben mit Wagner», klarerweise eine Anspielung auf Wagners «Mein Leben», lässt ja einen potentiellen Leser nicht im Unklaren.

Christian Thielemann: Mein Leben mit Wagner
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
C. H. Beck, München 2012 (2. Auflage)

Richard Steurer

weiterführende Links:

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