Buddhismus und westliche Kultur

19.10.2013

In der Festschrift „Schnittstellen – buddhistische Begegnungen mit Schamanismus und westlicher Kultur“, herausgegeben von Volker Zotz (Kairos Edition, Luxembourg 2013) widmet sich das dritte Kapitel diesem Thema in vier Beiträgen: Yukio Kotani: Bashō, Goethe und das symbolische Denken; Heinz Pusitz: Wenn ich einmal, Wanderer, nach ... Über das Falsche im Richtigen; Karl Neumann: Vexations and Variations. Buddhismus bei Jack Kerouac; Volker Zotz: ‚Bleibt Philosophen, solange ihr es wollt!’ Die Anfänge des Arya Maitreya Mandala in Europa.


Der Lyriker, Übersetzer und emeritierter Literaturwissenschaftsprofessor versucht Bezüge, Nachbarschaften und Vergleiche zwischen dem japanischen Dichter Bashō (1644-1694) und dem deutschen Dichterfürsten Goethe (1749-1832) herzustellen, insbesondere hinsichtlich des Reisens, der Reise von „stirb und werde“ (wie die Bashōs 1689 nach dem Norden und die Goethes 1786 nach Italien), dem Weg von Tod und Leben einerseits, und des Dämonismus, der antreibenden Kraft andererseits.

Die Gemeinsamkeit der Auffassung des Dämonismus als ursprünglicher, eigentlicher Kraft sieht der Autor bei Bashō, dem Lyriker Takarai Kikaku (1661-1707) und Goethe: „Dagegen empfiehlt Kikaku ein Dichten an Ort und Stelle: ‚Die Art dieses Wegen [des Haiku] soll sein, daß man sich auf das Gefühl [Empfinden] konzentriert und dann das Bild sucht, da beim Anpassen an das Bild insgesamt das Gefühl [Empfinden] verlorgen geht.“ Goethe spreche von einer „mystischen, psychologischen Wirkung in jenem Zwischenbereich von Unterbewusstem und Bewusstem, den Goethe im hohen Alter mit dem Begriff der ‚nötigen Anlagen’ bezeichnete: ‚Zu jedem Tun, daher zu jedem Talent, wird ein Angeborenes gefordert, das von selbst wirkt und die nötigen Anlagen unbewußt mit sich führt, deswegen auch so geradehin fortwirkt, daß, ob es gleich die Regel in sich hat, es doch zuletzt ziel- und zwecklos ablaufen kann.’“

Anhand einiger beispielhafter Haikus werden weitere Entsprechungen dargelegt, werden die Wege der Reisenden, Bashō und Goethes, als „Erneuerung“ ihres Inneren verstanden. Es geht um das Konkrete, Existierende, das Positive, wozu wieder Goethe zitiert wird: „Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind Lehre.“

Der österreichische Schriftsteller und Kulturanthropologe Heinz Pusitz äußert Überlegungen, die ausgehen von der Koan-Sammlung Bi-Yän-Lus „Aufzeichnungen des Meisters vom Blauen Fels“, und die er mit einem Zitat daraus einleitet bzw. sich daran orientiert: „Ein Mönch fragte Dschau-Dschou: Was ist das, Dschau-Dschou? Dschau-Dschou erwiderte: Osttor, Westtor, Südtor, Nordtor. Also schreibt Pusitz in vier Abschnitten Einflüsse, Übernahmen, Zitate verschiedener Autoren wie Egon Friedell, Mauthner oder Jan Assmann, und fragt „haben wir es hier im angekommenen buddhistischen Denken im Westen mit einem wetieren ‚Auszug aus Ägypten’ zu tun?

Recht eigentümlich und etwas strapaziert liest sich das Bild des Beat-Poeten Jack Kerouac als Buddhisten, da er doch einen gänzlichen entgegengesetzten Lebensstil pflegte. Was es mit buddhistischem Denken auf sich habe, das keine Auswirkung in der Lebenspraxis zeigt, bleibt spekulativ. Der Amerikaner war unruhig, nervös, „on the road“, aber nicht im Sinne des sammelnden Reisens, sondern des Getriebenseins, den Süchten und Drogen nicht abgeneigt. Dass buddhistische Lehren ihn und andere beeinflussten, mag ja sein bzw. ist nachweisbar. Aber das sagt noch gar nichts über die Qualität. Nur unter Missachtung dieses Substanz- und Intensitätsbegriffs lässt sich das überspannende Bild zeichnen. Etwas unbefriedigend. Das belegen auch Zitate wie dieses von Gertrude Betz: „Kerouac hat den Buddhismus zweifellos – möglicherweise unbewußt – als Therapie gesucht. Seine Abhängigkeit von verbaler Vermittlung und Bestätigung muß als Grund für den Mißerfolg dieser ‚Therapie’ angesehen werden, denn nur in dem Maße könne er weiterleben, -schreiben, als seine Legend of Duluoz nicht in einem Dharma, einem Satori, einem Buddha-Schweigen abschließbar wurde: sein Schreiben ist von Anfang an auch ein Reden gegen den Tod als die Steigerung der Isolation und Ohnmacht, ein Reden für eine Erlösung im christlichen Sinn.“

Jene Beiträge dieser Festschrift, die das Interkulturelle und Literarische behandeln, reißen einige interessante Aspekte an, stellen aber mehr Fragen, als sie beantworten. Hier wünschte sich ein literaturinteressierter Leser weitere Ausführungen. Die Happen sind zu klein, um als befriedigende geistige Nahrung wirken zu können, sie sind eine Vorspeise oder Bonbons.

Volker Zotz (Hg.): Schnittstellen. Buddhistische Begegnungen mit Schamanismus und westlicher Kultur. Festschrift für Armin Gottmann zum 70. Geburtstag, 182 S., KairosEdition, Luxembourg 2013 ISBN 978-2-919771-04-2

Gustav Schwedinger

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