Atlas eines ängstlichen Mannes

21.09.2013

Was zunächst für Ransmayrs Texte einnimmt, ist eine Sprache, die sich in ihrer raffinierten Einfachheit und zwar schlichten, aber «teuren» Wortwahl keinen Deut um zeitgenössische literarische Moden und Sprachregelungen zu scheren scheint, und sich auf diesem einmal eingeschlagenen Weg kompromisslos treu bleibt.


So auch in diesem, aus siebzig Reise-Episoden bestehenden neuesten Werk,eine Art Weltatlas, in dem sich der Autor als reiner Beobachter, peinlich genau jegliche Stellungnahme vermeidender Zeuge aller möglicher und sehr divergierender Vorkommnisse rund um den Globus bewegt. Gewalt und Tod bilden dabei ebenso eine thematische Konstante, wie scheinbar banale Begegnungen und Ereignisse, denen der Autor in der Haltung des vorurteilslosen, aber durchaus nicht empathiefreien Chronisten unterschiedslos dieselbe Würde zuordnet.

Das biblische «Ich sah», mit dem jede dieser Episoden anhebt, ist ein Kunstgriff, der diese Distanziertheit verstärkt und überdies auf die Höhe der Zeitlosigkeit anhebt, ein Kunstgriff, der nicht einer gewissen Manieriertheit, ja Eitelkeit entbehrt, aber auch durch den Mut zum in der Moderne doch allgemein verpönten Pathos beeindruckt.

Ransmayrs Sprache ist von bestechender Schönheit, und davor keine Scheu zu haben, auch dazu gehört heutigentags durchaus Mut. Die poetische Schönheit und Genauigkeit dieser Sprache, der man das Ringen um äusserste Präzision stets anmerkt, beeindruckt selbst da noch, wo diesem Ringen etwas Krampfhaftes eignet, wo der Autor sich in allzu gesuchten Bildern ergeht und einer Geschichte allzu absichtsvoll eine Wendung ins Bedeutungsschwangere gibt, beispielweise in «Beifang», wo ein Hummer mit seinen befreiten Scheren winkt, bevor er wieder zurück ins Meer entlassen wird.

Dass sich nach längerem Lesen eine Art Monotonie einstellt, mag durchaus in der Intention des Verfassers liegen und kann bei einigem Wohlwollen meditative Qualitäten besitzen, ähnlich dem Zustand, der sich beim Versenken in ein Mandala einstellt, oder beim Betrachten der sich endlos verschlingenden und wiederholenden Ornamente eines persischen Teppichs. Andererseits kann Ransmayrs Fähigkeit, im Zufälligen und Gewöhnlichen das Überraschende zu finden und dies dann bis an die Grenze des Möglichen mit Bedeutung aufzuladen zuweilen ungeduldig machen, zumal das «Strickmuster» bei aller Erlesenheit und Raffinesse doch durchschaubar wird.

In manchen Geschichten jedoch verschwindet dieses «Gemachte» auf fast atemberaubende Weise völlig, wie zum Beispiel in «Die Königin der Wildnis», wo der Tod einer Riesenschlange schlechthin ergreifend dargestellt wird, oder auch in «Tod in Sevilla» das rituelle Abschlachten eines Stiers in der Arena im Angesicht einer johlenden Menge etc.

Einige Rezensenten stellen beim vorliegenden Werk Bezüge zur musikalischen und literarischen Romantik fest, und ich möchte hinzufügen, auch zur malerischen. Bei der Lektüre von «Atlas eines ängstlichen Mannes» geisterte mir immer wieder das Wort «Erdlebenbilder» durch den Kopf, ein Begriff, von dem Arzt und Maler Carl Gustav Carus geprägt, Freund Goethes und Caspar David Friedrichs, mehr Theoretiker und Philosoph als Maler, dessen Bestrebungen in seinen Landschaftsbildern dahin gingen, das Wesentliche einer Topograhie in allen Details mit annähernd wissenschaftlicher Genauigkeit zu erfassen, ohne sie dabei ihrer Poesie zu berauben. Ein Bestreben, das er, wie auch die Absicht, einen zufällig gewählten Ausschnitt ins Kosmische und Exemplarische zu überhöhen, jedenfalls mit etlichen seiner deutschen Malerkollegen, wie zum Beispiel Friedrich oder Runge, teilt, und ein Verfahren, das, ins Literarische übertragen, wohl auch auf Ransmayr zutrifft. Er ist der Reisende, der sozusagen eine Bestandsaufnahme der Welt gibt, so, wie er sie vorfindet. Gefühl und Stellungnahme haben dabei zwar implizit ihre Bedeutung und Funktion, aber gerade nur soviel, wie unumgänglich und nötig, ohne das beschränkte und beschränkende Ich allzu sehr in den Vordergrund zu stellen.

Das Buch in einem Zuge durchzulesen, scheint mir nicht empfehlenswert, stellt sich doch zuweilen fast ein Zustand ein, den man «gepflegte Langeweile» nennen möchte - ein Urteil, das dem Werk alles in allem keineswegs gerecht wird. Da aber jede Episode eine in sich abgeschlossene Einheit darstellt, ist es ohne weiteres möglich, sich auch in längeren Abständen einem dann wahrscheinlich ungetrübten Lesevergnügen hinzugeben.

Christoph Ransmayr - Atlas eines ängstlichen Mannes
S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-10-062951-7

Gabriele Folz-Friedl

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