Tango Kontinuum

17.09.2013

Wer dem Tango bisher nur auf dem Parkett der hohen Schule lateinamerikanischer Standardtänze begegnet ist, der mag vielleicht nur vage erahnen, welches Aufbegehren in angedeuteter Offensiverotik da in präzise musikgeleiteten Läufen in einem Klangrausch rhythmischen Schaukampfs zu zähmen versucht wird. In den ersten zehn Erzählungen des Buches wächst dem Leser auf 170 Seiten eine Epoche entgegen, deren Lebenspuls von der Sub- und Subversivkultur der Malevos, Tauras, Cachafazes, Charros, Guapos und Compadritos ganz entscheidend mitgeprägt ist.


Eine Epoche, die der Autor mit den Jahreszahlen 1895 und 1930 unscharf begrenzt. Der Tango ist in den Elendsvierteln geboren, lässt er uns wissen, er ist Schritt gewordene Rebellion, die sich in den leidenschaftlichen Auseinandersetzungen vollblütiger Messerhelden widerspiegelt. Er ist «in seinen Anfängen kühn und frech aber…auch …eine pathetisch klagende Stimme». Und er ist gleichzeitig Abbild der Lebensform von «Machos, Malevos und Vermaledeiten», die das geschriebene Gesetz durch ihre eigenen Gesetze ersetzen, die unentrinnbar und verbindlich sind, denen sie mit tödlicher Eleganz, mit scheinbarer Leichtigkeit und dem absoluten Tabu des Gesichtsverlustes gehorchen.

In einer Welt, in der «sogar die Allerheiligsten gezwungen sind zu sündigen», etablieren sich scharf profilierte, begehrende, hassende, bis aufs Messer liebende Verführer, faszinierende, gefürchtete, Reviere beherrschende Taugenichtse, die sich aus heißblütiger Verliebtheit zu dichtenden Cyranos steigern können, die Großzügigkeit und Schmerz zeigen können ohne an Haltung zu verlieren. Die auch noch als Verlierer mit Eleganz untergehen. Ihr erfinderisch phantasievoller Fintenreichtum beherrscht die Straße und setzt sich in der Rivalität auf dem Tanzparkett fort. Dieser Fintenreichtum findet sich im narrativen Stil des Autors eins zu eins wieder. Wird das Erwartete eintreten, wird der kampferprobte, seine Ehre verteidigende aber nicht mehr leichtfüßig junge Malevo den Zweikampf mit seinem körperlich überlegenen, aber weniger erfahrenen Herausforderer bestehen? Wird ein Ereignis eintreten, das dieses Duell verhindert?

Atemberaubende Erzählungen vor der Kulisse eines authentisch bildreich vermittelten Vorstadtszenarios des Buenos Aires der Jahrhundertwende und seinem Hineinreichen in die Dreißiger-Jahre. Wer hätte mehr Kompetenz, es zu vermitteln als der unmittelbare Nachfahre Juan de Garays, des Gründers der argentinischen Hauptstadt. Wer das narrativ illustrierte Stück Zeitgeschichte und die Ethymologie des Jargons auch noch mit Daten belegt haben möchte, der wird mit einer zitatbestückten Einleitung des Autors, einem Vorwort von Juan Navidad, das bestens als Rezension des Buches durchgehen kann, und einem kleinen Vokabel-Digest am Ende des Buches bedient.

Lidio Mosca-Bustamante übertitelt diesen Hauptteil seines Buches mit «Fegefeuer» und den anschließenden zweiten Abschnitt als «Hölle», dem «Ort, der den schweren Sündern, den Verbrechern dieser Welt vorbehalten ist.» Diese Erzählungen sind thematisch singulär, es verbinden sie keine gemeinsamen Schauplätze und keine vergleichbaren Helden, einzig das «Monströs-Unmenschliche», das «die ersehnte Harmonie und Normalität» erschüttert, ist ihnen gemeinsam. Kann man kaum umhin, sich in der ersten Erzählsammlung mit den Helden und gleichzeitig mit ihren Widersachern zu identifizieren, so sind die in ihrem Umfang und dem Ausmaß ihrer Konsequenzen weit über das Individuum hinausreichenden Ungeheuerlichkeiten des «höllischen» Teils nicht mehr einfühlbar. Die Beziehung der Täter zur Tat ist eine innerlich wie äußerlich erzwungene, ihre Konsequenz selbst für den Fernstehenden unerträglich.

Die «blutrünstige Gräfin Erszébeth Bathory» wird von Kind an durch ihre Greueltaten in Trance versetzt. Irgendeine einfühlbare Motivation ist dahinter nicht erkennbar. Sie foltert zu Tode und lässt zu Tode foltern, in einem geheimnisvollen Bund mit Lucifer, mit «wirren glänzenden Augen». Ein Flüchtling wird von einem Stacheldraht aufgespießt, der nicht gegen ihn persönlich errichtet war. Eine Dornenkrone, in die er stürzt, während «ein Terzett von Hähnen in der Ferne» kräht. «Er glich einem schwarzen Christus» mit ausgebreiteten Armen. Der Draht hat I.N.R.I. in seine Stirn geritzt, meint der Beobachter, und korrigiert dann auf NIKE, eine Wandlung, die an Auferstehung erinnert.

Ein Kriegsveteran wird zum Auftragskiller, tötet ohne Verlangen, ohne persönliche Feindschaft und erfährt erst nach seinem Auftragsmord an einem kleinen Mädchen, dass dieser mit seinem Leben zu tun hat. Ein geistig retardiertes Mädchen begreift als einziges Wort das Wort «Feuer» und begeht eine katastrophale Hinrichtung.

Die Sünden des zweiten Teils sind keine, zu denen sich «auch die Allerheiligsten gezwungen» fühlen. Sie sind nicht Folge persönlicher Ängste, Sehnsüchte oder aufbegehrender Rebellion. Sobald die Sünde spirituelle Vorstellungen, unkontrollierbaren Wahn, Ideologien oder Systeme zum Urheber hat, wird sie dämonisch, unberechen- und unsühnbar. Sie hat nichts Purgatorisches mehr, sie ist die Hölle.

Lidio Mosca-Bustamante: Tango-Kontinuum. Von Machos, Malevos und Vermaledeiten. Übersetzung aus dem Spanischen: Gerhard Giesa. Autorenverlag Gerbgruben, Neusiedl/See 2012. ISBN 987-3-90119-28-4

Thomas Mayer

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