Gisela Elsners revival

31.08.2013

Christine Künzel widmet sich als Herausgeberin im Berliner Verbrecherverlag dem Werk von Gisela Elsner, das sie nicht nur in Neuausgaben zugänglich macht, sondern auch in Erstpublikationen aus dem Nachlass. Eine verdienstvolle Tätigkeit, eine begrüßenswerte Aufgabe, auch wenn die anscheinend unumgänglichen Umtriebe mit der Wiederbelebung der Bedeutung dieser sperrigen Autorin in manchem übertrieben, ja sogar peinlich sind, weil sie, entgegen allen Statements, doch eine Ikonisierung und Ideologisierung betreiben (was allerdings nicht primär der Herausgeberin anzulasten ist).


So wurde im Mai 2012 in Sulzbach-Rosenberg eine Internationale Gisela Elsner-Gesellschaft gegründet, fanden Symposien statt, wird wieder mehr über das Werk und die Person Elsner geschrieben. Aber, wie erwähnt, die Begleitumstände lassen doch eher auf die Person, ihr Schicksal, ihre Opferrolle schließen, als auf ihr Werk.

Wiederentdeckung sind Chancen. Sie stellen aber auch Fragen, die unterschiedlich beantwortet werden können. Was kann heutigen Lesern vom Werk Elsners von Interesse sein? Aus welchen Gründen? Literarischen oder historisch-politischen bzw. sozialen? 2011 notierte Sabine Peters in ihrer Rezension der kulturkritischen Schriften Gisela Elsners unter dem Titel «Hoffnung auf sehr viel später» in der Frankfurter Rundschau unter anderem: «Man ist schnell fertig mit dieser Autorin, wenn man einmal mehr ihre Exaltiertheit betont und ihren Selbstmord 1992 bündig damit erklärt, dass sie von privaten Krisen geschüttelt war und den politischen Paradigmenwandel eben nicht akzeptierte.

Warum also sollte man ihre teils weit übers Ziel hinausschießenden Aufsätze und Essays heute noch lesen? Sie dokumentieren ein gegen den Strich gebürstetes Stück Zeitgeschichte, und wer neben den katastrophalen Irrtümern und Fehleinschätzungen auch die Selbstkritik in der Linken verstehen will, findet reichlich Material. Einer Linksradikalen wie Elsner ging es neben und in den tagesaktuellen Auseinandersetzungen um nichts Geringeres als die Frage, wie eine revolutionäre Politik in nicht-revolutionärer Zeit möglich wäre.» Das bezog sich auf die Essays und Aufsätze der Autorin, die in den «Kritischen Schriften 1 und 2», «Flüche einer Verfluchten» und «Im literarischen Ghetto» publiziert worden waren.

Eben dort ist im Nachwort von Mathias Meyers einiges Grundsätzliches zur Kommunistin Elsner zu lesen. Der Text liest sich wie ein Fundstück aus der untergegangenen DDR und zeichnet sich durch strikte ideologische Position und Blickrichtung aus, die fast schon borniert zu nennen ist, weil geflissentlich wichtige Fragen unterbleiben, soweit sie den Kommunismus, die Sowjetunion, die DDR und die westdeutsche DKP betreffen. Die Erklärungen klingen bekannt, allzubekannt, stereotyp und implausibel. Dennoch zeichnen sie ein Bild der Autorin und ihres politischen Engagements.

Die Elsner wird als politische Schriftstellerin dargestellt. Literarische und sprachliche Aspekte, immerhin das Wesentliche an Literatur, werden kaum behandelt. Es wird moniert, dass der böse, bürgerliche Literaturbetrieb sie nur einseitig zur Kenntnis nahm, sich mehr um ihr attraktives Äußeres kümmerte etc., wobei nicht erwähnt wird, dass der Verlag heute eben mit diesen Vorgaben selbst operiert, die gewohnten schönen Bilder wie Ikonen einsetzt, sogar eine zum Markenlogo werdende Zeichnung verwendet. Der Markt gehorcht eigenen Gesetzen, die nur dann als schlimm kritisiert werden, wenn man sie bei der feindlichen Gegenseite feststellt.

Dass der Rowohlt Verlag den Vertrag mit ihr 1986 kündigte, wird als Einleitung ihres wirtschaftlichen Niedergangs gesehen. Aber in einer Weise, als ob es des Verlages Pflicht gewesen wäre, die Autorin zu halten. Es drängt sich das Bild des Opfers auf. Opfer zuerst des Elternhauses, der Nazizeit, dann der nazistischen Bundesrepublik, der kapitalistischen Gesellschaft. Nie ein Nachdenken, worin denn das Positive des glorreich implodierten Arbeiter- und Bauernstaats lag, so dass er seine Bürgerinnen und Bürger durch eine Mauer und Todesstreifenzaun vom Verlassen des Paradieses hindern musste. Nie eine kritische Überlegung zur Rolle von Autoren in der geknechteten Bundesrepublik im Vergleich zur offenen DDR, wo ungenehmen Autoren weit mehr ins Haus stand, als eine Vertragskündigung. Aber das gehört wahrscheinlich zur Imagepflege der Revolutionärin.

Zur Bewertung der literarischen Arbeit ist es nicht nötig, sich auf die Person zu konzentrieren, weder im Positiven, noch im Negativen. Die Romane und Erzählungen sind gut oder besser, unabhängig davon, ob die Gisela Elsner eine egoistische Rabenmutter war, eine Wütende, Zornige, Beziehungsgestörte oder Süchtige, deren Selbstmord dann, weil er nun ja nicht wegzureden ist, als Kurzschlusshandlung hingestellt wird. Das sind Spekulationen. Ihr Werk, das jetzt wieder oder neu lesbar vorliegt, wirkt ohne Mutmaßungen über ihre persönlichen Qualitäten oder miesen, bösen Persönlichkeitsaspekte.

Im Nachwort zu den beiden Bänden der Gesammelten Erzählungen, «Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen» und «Zerreißproben» geht die Herausgeberin Christine Künzel auch auf Literarisches und Sprachliches ein. Sie stellt Bezüge zu Ludwig Wittgensteins «Tractatus» fest, ebenso zu Alfred Jarrys «Pataphysik», notiert Anspielungen an Franz Kafka, und erklärt, weshalb sie nach einem Misserfolg keine Theaterstücke mehr schrieb, sondern sich der Prosa zuwandte. Sie zeigt den Stilwandel auf, den die Autorin in den Siebzigerjahren vornahm, zeigt die Probleme mit gewissen Stoffen aus der Unternehmer- und Arbeiterwelt und zitiert einen bedeutsamen Satz aus einem Brief Elsners an den Ostberliner Literaturredakteur Werner Preuß vom 11.5.1984: «Mein Versuch, einen Proleten positiv darzustellen, endete damit, daß ich das Manuskript in die Mülltonne warf.»

Damit ist eines der Grundprobleme der politischen Schriftstellerin genannt. Sie, die immer die Wichtigkeit und Bedeutung, ja schiere Determiniertheit sozialer Herkunft betonte, war keine Proletin, kannte nicht die Arbeits- und Lebenswelt der werktätig Ausgebeuteten, theoretisierte von Revolution. Nicht, dass sie eine hätte sein müssen. Aber es prägte ihr Verständnis der Realität. Es bestimmte ihre Perspektive, ihren Blickwinkel, ihre Wahrnehmung. Der Vehemenz ihrer Attacken, ihrer Aburteilungen liegen höchstwahrscheinlich auch diese Nichterfahrungen zugrunde. Theoretisch und «distanziert» lässt sich leichter intolerant sein.

Christine Künzel berichtet auch von einer befremdlichen Aktion Gisela Elsners, die auch ein Licht auf die andernorts festgestellte Haltung von Verschwörungstheorien bzw. Verfolgungswahnideen wirft. Als sie 1977 (Deutscher Herbst) im Münchner Schwabing eine Wohnung des Schriftstellerkollegen Günter Herburger mietet, äußert sie bald den Verdacht, ihre Wohnung werde überwacht. Die Angst und Panik wurden so extrem, dass sie, die doch den Staat so vehement als Feind sah und kritisierte, die Unternehmen als Klassengegner sah, über ihren Verlag, Rowohlt, bat, man möge doch das Innenministerium anfragen, ob der Verfassungsschutz sie überwache und verfolge. Liest man das, deutet man vielleicht die beiden Texte «Zerreißprobe» und «Gläserne Menschen» etwas anders.

Bemerkenswert, weil auch anders lesbar, als die Herausgeberin intendierte, ihre Ausführungen zur Erzählung «Die Auferstehung der Gisela Elsner»:
«Es ist schon bemerkenswert, dass eine junge, noch dazu gut aussehende Autorin mit Anfang dreißig ein solches satirisches Horrorkabinettstückchen über die skandalöse Inszenierung der eigenen Beerdigung vorlegt, in dem sie sich als marionettenhafte Mumie darstellt, die ihre Aufmachung zur letzten Ruhe betreffend »keineswegs vor Zugeständnissen an die Mode« zurückschreckt. In dieser Erzählung zeigt sich wie in kaum einem anderen Text Gisela Elsners Fähigkeit zur satirischen Selbstdemontage. Hinter der Satire scheint jedoch zugleich ein hohes Maß an Verletzlichkeit durch, repräsentiert in der Angst, aus dem kulturellen und literarischen Gedächtnis getilgt zu werden.»

Zuerst fällt auf, dass auch die Herausgeberin just jene Aspekte strapaziert, die der bürgerlichen Kritik angelastet wurden (Jugend, gutes Aussehen). Weiters wird der Text als Satire und Selbstdemontage gedeutet, allerdings mit dem Hinweis auf eine Angst der Autorin, vergessen zu werden. Wie immer es damit stand und steht, illustriert er ein Dilemma. Eines der Autorin und eines der Leserschaft. Wieweit da neben Eitelkeit auch Verzweiflung mitspielte, kann nur vermutet werden. Aber die Texte und die Begleitumstände ihres Zustandekommens zeigen eine Kehrseite, die die Vertreter Elsners sonst gerne übersehen wollen.

Es handelt sich nicht zuletzt um das Problem der Gesellschaft als Gemeinschaft, in welcher sich die wütend-zornige Autorin als Revolutionärin nie fand, nie finden wollte. Sie verachtet auch Dichter und wollte par tout nur als Outcast, als Verworfene, Abseitige gesehen und verstanden werden. Es war wie ein vergeblicher Versuch, ihrer Herkunft zu entrinnen, diesen Grenzen, die sie selbst unduldsam und verhärtet zog und vertiefte, und woraus auch die Satire, wenn es denn eine war oder ist, nicht herausführte.

Man kann sich sein Publikum nicht aussuchen. Man kann nicht in der Gesellschaft und zugleich außer ihr leben. Man kann nicht schreiben und zugleich bedauern, dieselbe Sprache zu gebrauchen, die erst eine Verständigung erlaubt. Die Flucht in den Idiolekt hat Elsner nie gesucht. Das hatte sie verstanden, denn dann wäre sie nicht Schriftstellerin gewesen. Dennoch plagte sie eine Furcht vor einem Rausfall aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis. Es scheint, ihr Leben war ihr nicht genug, sie bedurfte der Hoffnung und Annahme, dass das Erinnerungsbild weiterlebe, dass ihre Arbeit nicht umsonst gewesen sei. Aber, auch wenn sie vergessen wäre, hätte ihre Arbeit keinen Sinn gehabt? Doch, sicher. Denn späteres Vergessen tilgt nicht, was war. Aber das war offensichtlich Gisela Elsner kein Trost. So gesehen liest sich ihr Hass gegen die Gesellschaft in einem anderen Licht.

Die Romane und Prosastücke der Gisela Elsner bieten eine Literatur, die nicht nur den oft erwähnten zeitgeschichtlichen, politisch-kulturellen Raum beleuchtet. Sie ist auch ohne solche Rekurse nicht nur lesbar, sondern auch wertvoll. Das stört vielleicht einige Exegeten. Aber die Elsner war eine Literatin, deren Werk als literarisches Bestand hat, und nicht primär wegen ihrer Persönlichkeit.
Gustav Schwedinger

Gisela Elsner:
Gesammelte Erzählungen. Band 1: Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen (ISBN 978-3-943167-04-7);
Band 2: Zerreißproben. Verbrecher Verlag, Berlin 2013 (ISBN 978-3-943167-05-4)

weiterführende Links:

Verlagsseite

  • Cover 'Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen'
  • Cover 'Zerreißproben'
  • Gisela Elsner in einer Aufnahme von 1984. (c) Renate von Mangoldt

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