Vom Luftholen und Untertauchen

09.08.2013

10.08.2013  

Die ehemalige Lungenheilstätte Gaisbühel weckt vielerlei Assoziationen. Errichtet wurde sie in der Zeit des Ersten Weltkrieges, um der sich epidemisch ausbreitenden Tuberkulose entgegenzutreten. Serbische Kriegsgefangene bauten die Zufahrt. Über viele Jahrzehnte wurden in Gaisbühel Patienten betreut, welche in frühen Zeiten für bis zu zwei Jahre stationär aufgenommen wurden. Von 1981 bis 2008 wurde der Betrieb dem Landeskrankenhaus Feldkirch unterstellt. Seit 2008 steht das Gebäude weitgehend leer, lediglich einzelne Räume dienen verschiedenen kulturellen Institutionen als Lager.


Im Herbst 1915 hatte die österreichische Staatsregierung bedeutende Subventionen zugesagt, wenn ein Land eine Tuberkuloseheilstätte errichtete. Für den Bauplatz kamen in Vorarlberg insgesamt 24 Örtlichkeiten in Betracht [...]. Die Wiener Regierung entschied für den Gaisbühel, wo das Land Grund erwarb. Durch die Errichtung eines großen Landwirtschaftsbetriebs sollte eine gute Versorgung der Heilstätte sichergestellt werden. Vor Baubeginn unternahmen mehrere Herren, unter ihnen Dr. Ender, damals noch nicht Landeshauptmann, eine Besichtigungsreise in die Schweiz.

Die Kriegsjahre ließen den Bau, zu dem die Staatsregierung etwa ein Drittel der Baukosten beisteuerte, nicht zu Ende kommen. Im März 1919, in einer Zeit der größten Schwierigkeiten, in der anderswo kaum eine Mauer aufgeführt wurde, konnte das Richtfest gefeiert werden und am 11. August 1920 zogen die Kranken ein. Eine Sammelaktion wollte einen Fonds schaffen, aus dessen Zinsen die Unterbringung Mittelloser bestritten werden sollte. Der Spendeneingang war sehr gut, aber die Beträge fielen der Geldentwertung zum Opfer. (aus: Hans Huebmer, Dr. Otto Ender, Vbg. Verlagsanstalt, Dornbirn 1957, S. 67/68)

Trotz der im Gemäuer eingeschriebenen Erinnerungen an existentielle Erkrankungen wirkt das Gebäude anziehend, die architektonische Harmonie der Pläne Willibald Brauns ist auch heute noch nachvollziehbar. Wie alle Lungenheilstätten verfügt auch Gaisbühel neben den Balkonen über ausgedehnte Liegeterrassen mit weitem Ausblick. Diese liegen im frei zugänglichen Garten und messen insgesamt etwa 100 x 5 Meter. Für das Ausstellungs- und Buchprojekt mit dem Titel «Vom Luftholen und Untertauchen» werden hier für die Dauer einer einmaligen Semi-Open Air-Veranstaltung künstlerische Arbeiten installiert. Der thematische Bezug zum Gebäude wird spielerisch und unbefangen über die Assoziationen Lungenheil – Atem – Luft hergestellt, wobei durchaus existentielle Themen erkundet werden.

Um der Schwere der Geschichte die Leichtigkeit der Gegenwart gegenüber zu stellen, ist die Veranstaltung frei und offen konzipiert. Mit unterschiedlichen musikalischen und kulinarischen Programmpunkten, einem sich bei Dunkelheit entfaltenden Lichtkonzept sowie Angeboten der Kunstvermittlung wird die Atmosphäre eines Sommerfests geschaffen, im Rahmen dessen die künstlerischen Arbeiten präsentiert werden. Vor dem beeindruckenden Panorama des Walgau werden somit zwanzig Positionen zeitgenössischer Kunst gezeigt und in den ehemaligen Liegeterrassen installiert, welche einst für die Freiluftkuren der Tuberkulosekranken errichtet wurden.

Die Werke der KünstlerInnen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, aus Frankreich, Italien, Israel, Bulgarien, Russland und Kanada entstammen einem breiten medialen Spektrum. Video- und Soundinstallationen werden ebenso zu erleben sein wie Malerei, Zeichnung, Skulptur und Performance, die sich mit ihren Themen «Luft» und «Atem» auf die Ursprünge des Gebäudes beziehen. Spielerische und ernste Zugänge erschließen Tauchgänge und Höhenflüge, versenkte Skulpturen und rauschende Flugobjekte, Berggipfel aus luftigen Höhen und Anker aus geheimnisvollen Tiefen, poetische Animationen und ganz reale Re-Animationen. Fragile Objekte machen das Gasgemisch unserer Erdatmosphäre sicht- und hörbar, filmische Arbeiten zeigen die Kraft des Atems in der Bewegung des Körpers und die Gewalt von Schwerkraft, Aufwind und freiem Fall.

KünstlerInnen: Ines Agostinelli | Maria Bussmann | Ines Doujak | Tomas Eller | Ceal Floyer | Ruedi Gerber | Dan Gonen | Roland Haas | Severin Hagen | Andreas Heller | Ottmar Hörl | Christophe MacPherson/Ramlal Tien | Dorit Margreiter | Anna Rubin | Iv Toshain | Max Streicher | Anna Vidyaykina | Peter Wehinger | Hannes Zebedin


Vom Luftholen und Untertauchen
Ausstellungs- und Buchprojekt von Isabella Marte und Ines Agostinelli
Garten und Liegeterrassen der ehem. Lungenheilstätte Gaisbühel, Bludesch
10. August 2013, 11 bis 22 Uhr

  • Gaisbühel
  • Max Streicher: Giant Babies, ca. 4 x 3 m
  • Ines Agostinelli: Ohne Titel, 2007. Graphit und Buntstift auf Papier, 150 x 100 cm
  • Iv Toshain: Historischer Anker mit Neonseil, 2012

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