Die Methoden der Schuld. Eine Empfehlung.

03.08.2013

Harald Schwinger, 1964 in Villach geboren, hat nach einer Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel «Zuggeflüster» in der Edition Meerauge (Heyn Verlag) einen neuen Roman veröffentlicht: «Die Farbe des Schmerzes». Die Geschichte durchsteigt geschickt zwei Zeitebenen, rankt sich erst um den jungen Pfrin, der von seiner Mutter vor den unberechenbaren und gewalttätigen Launen des Großvaters geschützt wird.


Der Großvater verschwindet, die Unruhe bleibt: hatte nicht der Alte ihn immer verstanden? Gar die innere Stimme, die Pfrin dazu anstachelt, sich angesichts seines unmündigen Vaters und der entrückten Mutter das Gutmenschentum auszureden, mit dem Verschwundenen zu tun? Pfrin verlässt sein Heimatdorf in Richtung Akutowai, einer großen Stadt, deren Eigenheit es ist, an über dreihundert Tagen im Jahr von dichtem Nebel bedeckt zu sein.

Die zweite Gegenwart, die eine Rolle spielt, ist die des Mädchens Vrona. Als Fünfzehnjährige ist sie die Stütze ihrer Familie, da der Vater in der «Gummihütte» sein zigarettenrauchendes Dasein fristet und ihre Mutter sich mit seinem kaputten Kopf nicht abfinden kann. Rasende Rückenschmerzen machen sie teilweise bewegungsunfähig, die wechselseitige Abhängigkeit zu ihrer Tochter Vrona gibt ihr Sinn und Struktur. Vrona selbst hat früh verstanden, dass sie sich nicht aus der Verantwortung ziehen kann. Nicht mehr. Nachdem ihr Vater nach einem missglückten Fluchtversuch in die geschlossene Anstalt eingeliefert wird, ändert sie ihr Leben. Aus der impulsiven, chaotischen Schülerin wird eine aufgeräumte junge Frau. Doch es sollte nicht die letzte Veränderung sein, die Vrona bevorsteht.

«Die Farbe des Schmerzes» besticht durch das Gegenteil von Verklärung. Obwohl man sich als Leserin gerne an der Seite der Hauptfiguren aufhalten und an deren Beweggründen sich orientieren möchte, wird einem bald klar, dass man deren Entwicklung aus einiger Distanz beobachtet – zu detailliert sind ihre Vergehen, zu nachvollziehbar ihr Unglück und zu unsentimental das Geschehen, das die Protagonisten von Opfern zu Tätern werden lässt. Obwohl die Heimsuchungen der Figuren in der Geschichte durch ihren brutalen Ablauf nur konsequent erscheinen, würde ich vom Begriff des «Schicksals» Abstand nehmen, impliziert er doch einen Rest von Gerechtigkeit oder gar einen größeren Plan, in dem man sich durch harte, ehrliche Arbeit hervortun kann und die Welt letzten Endes seine Größe erkennen lässt. Genau das passiert in der «Farbe des Schmerzes» nicht, sondern Ursache und Wirkung, Auslöser und Konsequenz, wüten mit aller Berechtigung und schaffen in ihren Höhepunkten Bühnen, auf denen die Schaustücke nicht selten die Abgründe und Absurditäten der Lebensbahnen darstellen.

«Unser Club taugt nicht für dich.» Doch, er hatte getaugt. Zu Matsch, zu Brei, dazu hätte er getaugt. Warum war er bloß so feige gewesen? Als er am Boden gekniet war, hatte es noch mehr Würde gehabt, als hier zu sitzen. Gefangen, unbeweglich, ausgeliefert. Ein Lächeln war über ihr Gesicht gehuscht, als die das Wort «heiraten» ausgesprochen hatte. Er hatte es bemerkt, sie konnte es nicht verbergen, nicht einmal jetzt, nicht einmal, wenn ihr Opfer vor ihr saß. Sesam öffne dich, verschlucke mich mit Haut und Haaren. Der Wodka hatte sich vom Schock des Faustschlages erholt und rauschte jetzt aufgebracht durch seinen Körper. «Ich bin das erste Mal seit langem wieder glücklich», sagte sie.

Manche Szenen der Gewalt scheinen durch den sich immer höher drehenden Strudel der Ereignisse archaisch erhöht und dadurch fast symbolisch, andere schmerzen durch ihre sinnliche Verkettung an unseren Vorstellungsapparat, etwa wenn der betrogene Freund bei dem Geständnis seiner Freundin die Beherrschung verliert und diese nur knapp dem Tod entgeht, er sie durch die Wohnung schleift und auf sie eindrischt, immer mehr in seiner Rage gesteigert durch ihre Abwehrhaltung.

Zwischen diesen brutalen Höhepunkten, die zu schreiben es einiger Kunstfertigkeit bedarf, haben die Protagonisten auch alltägliche Momente, die sie erklären und ein hohes Maß an Empathie erlauben. Vrona kann genauso über die schwierige Beziehung zu ihrem Vater nachdenken wie über den um ein Jahr jüngeren Luper, der gerne mit ihr wortlos an der Bushaltestelle wartet und alles macht, was sie ihm aufträgt. Die Erzählhaltung wird auch dann weiter durchgehalten, als Dinge passieren, denen man sich nicht ohne Einleitung öffnen kann.

Obwohl es nicht gut anfängt und nicht gut aufhört, und dazwischen kein starker Hoffnungsschimmer lange die Aufmerksamkeit auf sich bannen kann, ist «Die Farbe des Schmerzes» kein Buch, das der Traurigkeit oder Ausweglosigkeit frönt, eher schwingt in vielen Details und Lebensumständen der Personen auch Witz und Freude an der Skurrilität des Lebens mit. Ein Detail ist beispielsweise das Hotel «Globus», das seine ehemaligen Luxuszimmer als mittelklassige Wohnungen vermietet, und in denen der Charme des Vergangenen mit dem Stigma des Verbrauchtseins ein Zuhause anbietet.

Dem Grundgedanken des Genres der Rezension folgend, möchte ich eine klare Empfehlung für dieses Buch aussprechen. Nicht eine Wechselbeziehung zwischen originell und alltäglich ist mir begegnet, die mich anhielte, die guten Dinge herauszukehren und dann noch ein, zwei gutgemeinte Ratschläge anzuhängen, sondern eine sehr konkrete Sprache, die sich nicht raumfüllend mit Adjektiven aufhält, sondern die stets eine Handlung ausdrückt und damit die Geschehnisse, wenn sie sie schon nicht legitimieren kann und soll, erzählbar macht.
Paula Resch

Harald Schwinger: Die Farbe des Schmerzes. Roman.
288 Seiten, Festeinband, Euro 24,90
Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2013
ISBN: 978-3-7084-0474-5

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  • Cover 'Die Farbe des Schmerzes'

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