Gefährlich ist nicht der Sadist – sondern der normale Mensch

13.08.2013

Der Wiener Heiner Rosseck kam 1942 nach Auschwitz – und überlebte. Nicht allein Glück und Zufälle und Freundschaft unter den Mithäftlingen machten das Überleben möglich, vielmehr der unbeugsame Wille, eines Tages Zeugenschaft ablegen zu können über die unfassbaren Ereignisse in Auschwitz.


Anlässlich des Prozesses gegen die Mörder – den Arzt, der mit Phenol-Injektionen ins Herz tötete, gegen jene, die zuschlugen und prügelten und jene, die Häftlinge erschossen – wird Heiner als Zeuge vorgeladen. Die Varianten des Folterns und Tötens waren vielfältig in Auschwitz. «Von den zwanzig Angeklagten kannte er fünf. Alle hatten gemordet… Bieder gekleidete Herren mit weißen Haaren oder Glatze.» An den Augen erkannte Heiner die Unterschiede zwischen Mördern und Opfern.

Die neuerliche Konfrontation mit den SS-Mördern, die sich allesamt unschuldig erklärten, verursachte ihm Übelkeit, eine kurze Ohnmacht. Lena, Mitarbeiterin bei dem Prozess, kümmerte sich um Heiner, zeigte ihm Frankfurt, wo sie damals lebte. Sie wird ihn in Wien besuchen, und sie werden heiraten. Das Leben mit einem Überlebenden des Holocaust gestaltet sich keinesfalls einfach, denn Lena kann Heiners Erinnerungen nicht zu ihren eigenen machen, obwohl Heiner stets danach trachtet, ihr seine Welt zu vermitteln. Der Anblick eines Schornsteins weckt in ihr keine Assoziation an die Verbrennungsöfen, und beim Wort Rampe denkt sie nicht an Selektion. Asche aus dem Krematorium, dazwischen winzige Reste von Knochen, verwahrte Heiner in einem Senfglas. Dass Heiner das Fotoalbum ihrer Hochzeit neben seinem Album aus dem KZ ins Bücherregal stellt, verärgert sie.

Mit Übersetzungen aus dem Polnischen verdient Lena den Lebensunterhalt. Gemeinsam unternehmen sie schließlich eine Fahrt nach Polen, wo die Regierung das Kriegsrecht verhängt hatte, um die Bewegung der Solidarność zum Schweigen zu bringen, denn Heiner möchte die alten Freunde wiedersehen, sie Lena vorstellen. Unvermeidlich führt die Reise nach Auschwitz, damit Heiner mit den Gespenstern der Vergangenheit ins Reine kommt. Der wahre Held des Romans ist jedoch nicht Heiner, sondern Lena, wie sie das Leben mit Heiner bewältigt und auf dem Trauma seiner Vergangenheit eine Gegenwart errichtet. «Es ist, als liebtest du einen Sänger, der nicht aufhören kann, sein Lebenslied zu singen. Er singt es morgens, er singt es mittags und nachmittags, abends und nachts. Es hat viele Strophen. Du musst es mögen, sonst wirst du verrückt.»

Fazit: Die Bewältigung von Vergangenheit – und wie sie funktionieren kann, gelingt einer Frau, die KZ-Erfahrungen und Alpträume ihres Mannes mit ihrem eigenen Leben in Einklang zu bringen. (Der Roman erschien zuerst 1999 und liegt nun in der 2. Auflage vor.)
Manfred Chobot

Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort. Roman
Eichborn, Köln 2013. 271 Seiten; ISBN: 978-3-8479-0529-5

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  • Cover Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

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