Vorarlberger Djihad

10.08.2013

Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die Generation der jungen, in Österreich geborenen Muslime und Musliminnen sich literarisch zu Wort meldet. Und nur, weil das Buch die Erwartung weckt, dass hier vielleicht eine solche neue Stimme zu hören sein könnte, wird es hier rezensiert. Denn dieser Versuch ist leider misslungen.


«Vor den Augen der Öffentlichkeit wird Kamil von Neonazis brutal zusammengeschlagen. Enttäuscht zieht sich der Sohn türkischer Gastarbeiter zurück und führt einen Krieg gegen die Dämonen, die ihn heimsuchen – seine Vergangenheit, seine Identität, seine Unsicherheit.
Zur gleichen Zeit taucht Malik in der muslimischen Gemeinde auf. Die aggressiven Botschaften der Nationalisten im Wiener Wahlkampf radikalisieren ihn. Nach einer ereignisreichen Nacht, in der er alles verliert, worauf er sein Leben aufgebaut hat – seinen Job, seinen Bezug zur Gemeinschaft und seine große Liebe Lila –, beschließt er sich zu rächen. Kamil und Malik haben nur noch einen Wunsch: Sie fahren nach Ägypten, um dort den Bau von Bomben zu erlernen und dann die Säulen ihrer Welt zu erschüttern ...». Soweit der Klappentext.

Vielleicht ist der Roman deshalb misslungen, weil der Autor H. A. Ider (Zufall oder Pseudonym mit versteckter Anspielung? Laut Verlagswebseite steht H. A. für Hasan Ali, doch auf dem Buchumschlag firmiert der Autor nur mit seinen Initialen.) weil also der Autor sich zu viel vorgenommen hat. Auf der ersten Seite werden der Nine-Eleven-Attentäter Mohammed Atta und Mahatma Gandhi herbeizitiert, und dann heißt es: «Stellen Sie sich vor, Gott wäre ein Geschichtenerzähler. Und weiter: Dies ist die Geschichte von einem wundersamen Menschen und seinem heiligen Krieg. Im Namen der Menschheit, dies ist die Geschichte eines Helden und sie beginnt mit seinem Tod.» Wer mit einem solchen Anspruch antritt, muss schon ein Salman Rushdie sein, um ihm gerecht zu werden. Doch leider ist hier kein göttlicher Geschichtenerzähler zu hören. Der Text strotzt vor abgedroschenen Floskeln und müden Klischees. Ich habe den Kampf verloren, dachte er, ohne zu ahnen, dass sein Kampf hier erst begann. Ja, es ist schon so: Romanfiguren ahnen fast nie, was ihr Autor für sie geplant hat.

Kamil jedenfalls wird beim Wiener Stadtfest von Neonazis zusammengeschlagen und Malik ist vom anti-islamischen Wahlkampf der «Nationalisten» (gemeint ist natürlich die Strache-FPÖ) angewidert. Nun sind Neonazis und Rechtspopulisten durchaus ernst zu nehmende Realitäten. Sie zum Aufhänger für die Geschichte zu machen wirkt aber dennoch klischeehaft. Denn Rechtsradikale und Rechtspopulisten sind nur extreme Ausprägungen eines Rassismus, der die ganze Gesellschaft durchzieht: den Arbeitsmarkt, den Wohnungsmarkt, das Schulwesen, die Justiz, die Polizei, die Boulevardpresse... Vermutlich erfahren türkischstämmige Jugendliche mehr Demütigungen durch Lehrer oder Polizisten als durch Neonazis.

Aus dem Buch erfährt man nichts über das Leben dieser Generation, was man als aufgeschlossener Zeitungsleser nicht schon weiß. Obwohl der Autor laut Klappentext «gebürtiger Vorarlberger mit türkisch-kurdischen Wurzeln» ist, hat man das Gefühl, dass alles in dem Buch entweder recherchiert oder ausgedacht ist, nichts aber erlebt. Allerhand historische Fakten werden journalistisch referiert, aber nicht literarisch verarbeitet. Die Figuren bleiben papieren und die Geschichte konstruiert. Um ein mystisches Element hereinzubringen, treten gleich mehrere weise Männer auf, die mit Prophezeiungen oder durch geheime Manipulationen in das Schicksal des (oder der) Protagonisten eingreifen. (Ob Malik und Kamil – man beachte das Anagramm – zwei verschiedene Personen oder zwei Seiten derselben Person sind, wird nicht ganz klar.) Unter anderem ein Rabbi, ein Boxtrainer und ein Althippie. Malik-Kamil fährt nach Ägypten, um Terrorist zu werden.

In der Koranschule, die er durchlaufen muss, bevor er das Bombenmachen lernen darf, diskutiert er allerdings als Pazifist Gandhi‘scher Prägung mit den Islamisten. Als er schließlich mit einem Paket zum eigentlichen Terroristencamp geschickt wird, lenkt ein geheimnisvoller Schicksalsführer seinen Weg um in eine friedliche Oase. Nach Wien heimgekehrt baut er dann eine pazifistische Luftballonbombe, die den Führer der Nationalistenpartei mit Granatapfelsaft bespritzt.

Auf einen gelungenen Roman über die jungen Muslime in Österreich werden wir noch warten müssen.

Martin Auer

H. A. Ider: Djihad für Lila
PROverbis, Wien 2013
232 Seiten, Hardcover, € 22,90
ISBN 978-3-902838-05-6

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  • Cover H. A. Ider: Djihad für Lila

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