Marion Braschs Familienchronik: Geschichte ohne Leerstellen

18.07.2013

«Ein tolles Buch» bescheinigt Katharina Thalbach laut Klappentext dem Debütroman von Marion Brasch, der Schwester ihres ehemaligen Lebensgefährten und aus der DDR emigrierten Schriftstellers Thomas Brasch, der sich Zeit seines Lebens aus seiner politischen und familiären Konstellation abarbeitete. Marion Brasch, die auf weiten Strecken ihres Buches die Perspektive der kleinen Schwester nicht verlassen möchte, wählt einen gänzlich anderen Zugang zu Zeitgeschehen, dem Regime und ihrem Vater, als ihre drei ihrer nicht unbekannten Brüder.


Ihr Buch ist – anders, als man es von den vorkommenden Themen erwarten möchte – leicht und lebensfroh, auf den Kosmos einer Heranwachsenden konzentriert, die, statt die Schwierigkeiten, der Zeit, in der sie lebt, in ihren Handlungen zu manifestieren, hauptsächlich Spaß und Anschluss an Gleichaltrige haben möchte. Nicht etwa, dass ihr Leben als privilegierte Tochter des stellvertretenden Kulturministers wenig Schwierigkeiten und Schicksalsschläge bereithielte, vielmehr es ist der teils erklärende, teils jugendlich-eifrige Tonfall, der den Leser vermuten lässt, dass am Ende alles gut wird (oder eigentlich immer schon irgendwie gut war).

Den Fokus legt die Erzählerin auf ihre Erlebniswelt, stellt die Dinge und Personen bewusst in den Leuchtkegel ihrer Perspektive. Etwa wenn sie ihre Brüder nicht beim Namen nennt, sondern mit «mein mittlerer Bruder», «mein jüngster Bruder» und «mein ältester Bruder» bezeichnet und auch sonst auftretende Personen von politischer oder geschichtlicher Relevanz mit subjektiven Attributen beschreibt: «der Dichter mit der hohen Stirn», «die Sängerin, mit den tiefen blauen Augen».

Es wäre allerdings zu weit aus dem Fenster gelehnt, die Struktur des Romans nur gefinkelten erzähltechnischen Überlegungen geschuldet zu sehen, denn sie sind weder konsequent durchgehalten, noch zu einer neuen Form, einem neuen Ansatz radikalisiert. Einträglicher ist es, nicht nur all das abzuwägen, was die Autorin aus dem ungewöhnlich reichhaltigen Stoff hätte machen können. Da wäre nämlich einiges: die Familiengeschichte der Braschs, eine ursprünglich aus Wien und Deutschland stammende Familie, die sich zur Zeit des Nationalsozialsozialismus im englischen Exil gründete und mit illusorisch großen Zielen (väterlicherseits) und zögerlichen Vorbehalten (mütterlicherseits) innerhalb der neu gegründeten DDR zu politischem Einfluss gelangte.

Die Geschichte des Aufstiegs und Falles der DDR an sich, die in dem Vater als hohem Parteifunktionär und den Söhnen als Aufständische, Unangepasste ihre symbolische Entsprechung fand. Das Alltagsleben der DDR in seiner Zwiegespaltenheit zwischen einem Mindestmaß an Chancen für den Einzelnen und der Ablehnung von individueller Entwicklung. Die Einbettung der schwierigen Familienkonstruktion mit der Krebserkrankung der Mutter und dem gefühlskalt wirkenden Vater, in das größere Ganze, der verlangten Einheit innerhalb des Staates, der den Anspruch erhebt, dass man vor ihm keine Geheimnisse haben dürfe und trotzdem willkürlich agieren kann.

Was Marion Brasch tatsächlich beschreibt, ist die Geschichte einer jungen Frau, die inmitten all dieser Dinge, deren Wichtigkeit einen übergroßen Schatten werfen, ihr eigenes, teils angepasstes Leben lebt. Aus dieser einfachen Konzeption stechen mehrere Aspekte heraus, die gut gelungen sind und das Buch über weite Strecken sehr kurzweilig machen. Die eindrücklichste Figur, um die die Protagonistin wie auch die Leserin nicht herumkommt, ist der Vater. Übermächtig und doch viel verbindlicher durch seine Schwäche und die Sorge um ihn, vermag sie nicht, sich ihm gleich ihren Brüdern entgegenzustellen.

«Du bist alles, was mir geblieben ist», argumentiert der älter werdende Mann, dem das Idealbild der DDR mehr und mehr entgleitet, bis er einer geworden ist, den man mit seiner eigenen Wahrheit mehr verletzen könnte, als mit der der anderen. Die Tochter ist die einzige in der Familie, die so lange in seiner Nähe bleibt. Ihre Mitgliedschaft bei der Partei, in die sie dem Vater zuliebe eintrat, gibt die Protagonistin offen zu.

Obwohl dem Erzählton immer eine gewisse Distanz zu dem Geschehen eigen ist, schafft es die Erzählerin eine Vielzahl von Themen in die Kapitel einfließen zu lassen – vielleicht gerade weil schwerwiegende Themen innerhalb der Familie ähnlich geschildert werden wie scheinbar unwichtige Details, die die Heranwachsende als spannend empfindet, Fahrradfahrten und erste Liebschaften. Am ehesten ließe sich dies Gefüge mit einem Popsong vergleichen: es ist nicht immer tiefschürfend, kann aber durchaus eine Melodie haben, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Abschließend kann man sagen, dass der Roman «Ab jetzt ist Ruhe» für beide Leserkreise interessant sein kann: jene, denen der kurzweilige Stil und die bewegte Geschichte einer jungen Frau zusagen, und jene, die aus dem Buch die Chronik der DDR lesen wollen. Dass das Buch die DDR nicht aus jener Warte zeigt, die wir als Leserinnen heute gewohnt sind, ist durchaus ein Zeugnis jener Zeit, in der der Normalbürger zwar politische Ideen hatte, aber dennoch dazu neigte, den Konsens zu suchen. Die nicht vorhandenen Revolten, die einem beim Lesen dieses Textes als Leerstellen auffallen, sind als Dokumentation ihrer Zeit sehr aufschlussreich.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman einer fabelhaften Familie.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 400 S., geb.; ISBN: 978-3-10-004420-4

Paula Resch

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  • Buchcover: Marion Brasch 'Ab jetzt ist Ruhe' - S. Fischer Verlag
  • Marion Brasch, Quelle: Wikipedia

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